„Anpassen, ohne sich zu unterwerfen“

Alexander Lamdin,
Nina Nourbakhsh und
Ivana Pavlovic zum Thema „Bauen im Bestand“

Neben dem Wellness- und Spa-Boom ist der „Medical Tourism“ ein stark wachsendes Geschäftsfeld. Immer mehr Menschen sind dazu bereit, in ihre Schönheit und ihr Wohlbefinden zu investieren. Um diesem Klientel das passende Ambiente zu bieten, verorteten die drei Studenten Alexander Lamdin, Nina Nourbakhsh und Ivana Pavlovic ihren Entwurf des Klinikhotels A-estheticum in einem ehemaligen Speichergebäude im Flensburger Hafen.

Sie haben ein ehemaliges Speichergebäude umgenutzt zu einem Klinikhotel. Erläutern Sie bitte Ihren Entwurf.

Die Lage des Speichers an der Ostsee und die Nähe zu Dänemark inspirierten uns zu der Idee einer Privatklinik. Unser Konzept beschäftigt sich mit einer Symbiose zwischen einem Hotel und einer Klinik für plastische Chirurgie sowie ästhetische Zahnmedizin. Es bietet Wohlfühltherapien in Urlaubsatmosphäre.

Im Eingangsbereich eröffnet eine geplante Passage einen Ausblick auf den Hafen. Sie erschließt sich in einem Lichthof, der sich über die gesamte Gebäudehöhe erstreckt. Die Fahrstühle bringen den Gast zu der loftähnlichen Lobby im Dachraum. Eine freitragende Treppe führt von hier zu einem exklusiven Restaurant im Turm des Speichers. Das Klinikum und die Hoteletagen erstrecken sich über fünf Stockwerke und gehen fließend ineinander über. In jeder Kliniketage wird der Patient auf einer Galerie empfangen und zu den Besprechungs- oder Behandlungsräumen geleitet. Die imposanten Loftbüros der Chirur­gen sind die Visitenkarten der Klinik. Nach einem operativen Eingriff erholt sich der Gast im eigenen Hotelzimmer. Die offen und großzügig gestalteten Suiten bieten einen traumhaften Ausblick auf die Flensburger Förde, in einem stilvollen Ambiente. Medizinische und kosmetische Anwendungen wechseln sich mit dem Aufenthalt in der Wasserlandschaft des Wellness- und Fitness-Bereiches ab.

Welche Bedeutung spielt die Geschichte des Speichers?

Der monumentale Speicher liegt am Ostufer des Flensburger Hafens. Mit unserem Entwurf wollten wir auf das Schicksal des Speichers aufmerksam machen und gleichzeitig das touristische Angebot der Hafenstadt zukunftsorientiert erweitern. Das denkmalgeschützte Gebäude aus dem Jahr 1923 ist ein verklinkerter Eisenbetonbau mit Walmdach. Die komplexe Gebäudestruktur, die mächtigen Stützen und Silozellen machen das Gebäude für uns besonders reizvoll. Der Industriecharakter prägte unseren Entwurf. Wir inszenieren Einblicke in die ehemalige Nutzung des Gebäudes und schaffen Sichtachsen und Blickbezüge zu der Stadt und dem Hafen.

Wie fügen Sie alt und neu architektonisch zusammen? Wie ist das Verhältnis von Bestand und neuen Einbauten?

Wir haben großen Wert auf den sensiblen Umgang und die Einbindung der historischen Bausubstanz gelegt. Dadurch entstehen individuelle Innenräume, die eine exklusive Nutzung ermög­lichen. Ein außen liegendes Nottreppenhaus passt sich dem Industriebau an, ohne dominant zu wirken. Aufzüge entstehen anstelle des Lastenlifts. Neue Raumstrukturen werden in die bestehenden Silokonstruktionen eingeplant bzw. aus den Lagerflächen geschaffen. Der sakrale und klangvolle Wassertempel im Erdgeschoss ermöglicht einen spektakulären Blick in die Siloschächte. Der ursprüngliche Charakter sowie die alten Fensterelemente und die massiven Säulen werden weitestgehend erhalten und neu interpretiert. Neue Einbauten kontrastieren bewusst den Stil und die Materialität des Bestandsgebäudes. Dynamische Auskragungen der Loggien und Balkone lockern die starre Fassade. Die Durchdringung der Struktur mit Glasflächen ermöglicht mehr natürlichen Lichteinfall, schafft Aussichten auf die Stadt und erzeugt neue Raumatmosphären. Durch die Neuinszenierung des architektonischen Charakters überwiegt der Bestand.

Worin bestehen für Sie in Zukunft die größten Herausforderungen im Umgang mit Bestandsbauten?

Die Bauaufgaben der Zukunft werden in der geschickten Umnutzung und Revitalisierung von Bestehendem liegen. Bauen im Bestand ist eine anspruchsvolle und vielseitige Aufgabe. Die Herausforderun­gen dabei sind komplex, da sich die Planung an die Gegebenheiten anpassen muss, ohne sich jedoch zu unterwerfen. Für die Arbeit mit Bestandsbauten sind Kreativität, ästhetisches Empfinden sowie gestalterische Sensibilität und die Berücksichtigung der Baugeschichte unentbehrlich. Genau wie die Frage, welche Eingriffe notwendig und erlaubt sind, um das Gebäude der neuen Nutzung und dem heutigen Komfort sowie den individuellen Bedürfnissen anzupassen, ohne gravierend in die Gebäudestruktur einzugreifen. Eine ausführliche Bestandsaufnahme und Analyse des Gebäudes sind dabei besonders wichtig. Ein gelungener Umbau oder eine intelligente Ergänzung kann eine reizvolle Symbiose aus Alt und Neu ergeben.

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