Am Ende ist alles noch besser geworden Im Gespräch mit Ansgar und Benedikt Schulz, Schulz und Schulz Architekten, Leipzig schulz-und-schulz.com

Im protestantischen Leipzig eine katholische Kirche mit Gemeindezentrum zu bauen, ist keine alltägliche Sache. Schulz und Schulz Architekten suchten und fanden für diese Aufgabe eine ganz besondere Lösung, die städtebaulich konsequent daherkommt, aber auch in den Details überzeugt. Mit vielem anderem hat der Kirche das nun den Balthasar Neumann Preis 2016 (BNP) eingetragen. Wir trafen die Preisträger, die davon überzeugt sind, dass ohne eine teamorientierte Zusammenarbeit schon von Anfang an kein gutes Projekt gelingt; wie sie ebenso davon überzeugt sind, dass man Nachhaltigkeit in wesentlich längeren Zeiträumen zu rechnen habe als beispielsweise in solchen, die 30 Jahre umfassen.

Liebe Architekten: Zunächst Gratulation zum Balthasar Neumann Preis! Haben Sie mit dem Preis gerechnet?

Benedikt Schulz: Nicht unbedingt. Wir haben in jüngster Vergangenheit wiederholt feststellen müssen, dass das Projekt bei einigen Architekturpreisen durchaus problematisch wahrgenommen wird. Was nicht an der Architektur, eher am Vorhaben der Gemeinde liegt, nämlich zurückzukommen ins Zentrum. Das mag manchem zu selbstbewusst erscheinen, insbesondere mit Blick auf die Diskussion um die Rolle der Kirche in der Gesellschaft.

Ist diese – sagen wir mal – Zurückhaltung dem Standpunkt Leipzig geschuldet?

Ansgar Schulz: Kann sein. Wir haben in Leipzig einen Anteil von nur vier Prozent Katholiken in der Bevölkerung. Ich glaube hier gibt es mindestens ebenso viele Kirchengegner.

Drei Sätze zum Wesentlichen des Projekts?

AS: Das Projekt war hoch emotional für uns. Es war eine Erfahrung im Umgang mit Raum und Licht. Und für unser Œuvre ist das Projekt in seiner Zeichenhaftigkeit das bislang schwierigste, aber auch spannendste.

BS: Ich würde das mit der Emotionalität noch ein wenig präzisieren. Für uns war es sehr anspruchsvoll, in einem rationalen Prozess Räume zu schaffen, die vor allen Dingen emotional wirken müssen. Das andere, was wichtig war für das Projekt, ist die Offenheit. Und zwar Offenheit auf verschiedenen Ebenen: auf der des Bauherrn, der
offen war für Experimente. Offenheit auf der Ebene der Stadt, die zulassen konnte, an dieser exponierten Stelle in der Stadt das hier entstehen zu lassen und damit ein Bekenntnis zur europäischen Stadt, zur Bedeutung von Kirchenbauten in der Stadt zu liefern. Offenheit aber auch bei allen Planungsbeteiligten, neue Wege zu gehen und etwas auszuprobieren etc.

Sie haben auf meinen Zettel geschaut: „Alle Planungsbeteiligte“! Der BNP zeichnet die Gemeinschaftsarbeit im Projektverlauf aus. AS: Das Allerwichtigste war, dass alle von Anfang an im Projekt dabei waren. Vom ersten Strich, vom ersten Modell bis zur Einweihung der Kirche waren ein und dieselben Partner im Projektteam.
Ist das bei Ihnen üblich?

AS: Wir arbeiten tatsächlich in Wettbewerben von Anfang an mit Fachingenieuren und anderen Partnern zusammen. Es ist allerdings nicht üblich, dass der Bauherr dieses Startteam komplett beauftragt! Hier war das so.

BS: Ich würde noch ergänzen wollen, dass der Bauherr immer eine ganz wesentliche Rolle spielt. Es ist ja selten, dass wir Bauherrn finden, die dieselben Ansprüche, dieselben Vorstellungen vom Bauen insgesamt haben. Hier hat es in keiner Sekunde eine Diskussion über Qualitätsfragen gegeben. Der Propst, Bauherr und geistliches Oberhaupt der Gemeinde, hat sich intensiv um den Bau gekümmert. Und er wurde dabei unterstützt von Leuten, die das Planungsteam gespiegelt haben.

Kam es zu 180-Grad-Schwenks oder gab es eher das Feintuning?

AS: Es ging wirklich nur um Detaillösungen. Und in der Rückschau ist es schon erstaunlich, wie wenig vom Wettbewerbsentwurf überhaupt geändert wurde. Ich möchte aber noch mal auf die Partner zurückkommen. Erster und wichtigster Partner: der Bauherr. Der äußerst fruchtbare Dialog führte dazu, dass am Ende alles noch besser geworden ist, als wir es im Wettbewerb erarbeitet haben. Ein große Rolle spielten die Tragwerksplaner Seeberger Friedl und Partner, die uns schon im Wettbewerb die Angst genommen hatten, unseren schwellenlosen Eingang zu Hof und Kirche zu realisieren. Die haben uns gleich gesagt, dass das geht mit der Auskragung für die Empore, die die Orgel mit ihrem 18-t-Gewicht, den Chor und weitere Verkehrslasten aushalten muss. Die Münchener haben uns jegliche Stützen ferngehalten und wir konnten Dank der guten Arbeit der Statiker unseren Entwurf exakt so realisieren, wie im Wettbewerb angedacht.

Zu den Tragwerksplanern kommen – ganz wichtig – die Leute fürs Nachhaltigkeitskonzept, also die Bauphysik mit dem Ingenieurbüro Michael Lange und ee concept GmbH aus Darmstadt. Und dann, wenn man einen sakralen Raum bauen will, in dem sowohl Gesang und auch das Wort eine große Rolle spielen, müssen Sie sich mit akustischen Problemen beschäftigen. Hier hat Müller-BBM geholfen.

Dann, im Wettbewerb, ganz ganz früh, ich würde fast sagen direkt hinter dem Tragwerksplaner: das Lichtkonzept. Wir wollten von Anfang an den Kirchenraum allein über den Lichtschacht oberhalb der Kirchenrückwand beleuchten. Wir waren uns lange nicht sicher, ob man auch in der letzten Reihe noch das Gesangsbuch lesen kann! Hier hat uns, zwischen der ersten und zweiten Phase des Wettbewerbs, das Lichtplanerbüro Peter Andres aus Hamburg in einer Laborsimulation diese Unsicherheit genommen. Der Lichtplaner hat auch das Kunstlicht geplant, was, im Gegensatz zum Museumsbetrieb, bei uns eine Umkehrung des Tageslichtkonzeptes darstellt. Es wird keine Wand bestrahlt, sondern nur der Boden.

Haben Sie oder hat der Bauherr den Anspruch eingebracht, der immer häufiger mit dem „Bewahren der Schöpfung“ verknüpft wird?

AS: Schon im Wettbewerb war das eine wesentliche Forderung des Bauherrn. Für uns war das selbstverständlich.

Immer schon in der Intensität, auch bei Vorgängerprojekten?

BS: Wir empfinden die Debatte darüber, dass etwas besonders nachhaltig sein soll als völlig am Thema vorbei! Nachhaltigkeit sollte weder Anlass noch Thema von Architektur sein. Architektur entsteht aus Raum und Licht etc. Dass wir Ressourcen sinnvoll einsetzen, das sollte selbstverständlich sein.

Mussten Sie lange suchen, um passende Baustoffe zu finden?

AS: Manchmal gehört auch Glück dazu. So wie wir bei dem wunderbaren Stein für die Fassade Glück hatten. Wir haben den in einem
70 km entfernt liegenden Steinbruch gefunden. Manchmal müssen Sie aber auch den Bleistift spitzen, ob Sie sich bestimmte Produkte auch leisten können. Oder sie argumentieren über die Gesamtkosten. Will man hochwertige Materialien haben – das sind meist die nachhaltigen Baustoffe – muss man an anderer Stelle Geld einsparen.

BS: Dazu kommt noch eine ganz andere Sache: Die Kirche ist ja nicht für eine Nutzungsdauer von 30 Jahren ausgelegt. Das ist doch das ganze Dilemma des nachhaltigen Bauens, das die Zertifizierungssysteme in Deutschland zurzeit haben: So lange Nutzungszeiträume von 30 Jahren akzeptiert sind, werden hochwertige und teure Baustoffe benachteiligt. Das ist für die Kirche hier absurd, eine Lebensdauer von 30 Jahren. Wir gehen von einem unendlich andauernden Lebenszyklus aus. Aber wenn wir schon von hundert Jahren Bestand ausgehen, verschieben sich die Wertigkeiten zwischen den Materialien plötzlich. Das ist übrigens etwas, das wir aus diesem Projekt übertragen wollen in einen allgemeinen Diskurs.

Und wenn der Kirchenbau in 50 Jahren nicht mehr genutzt wird?

AS: Da kann ich Sie beruhigen. Gehen Sie mal davon aus, dass das Interesse der Leipziger Musikszene deutlich anziehen wird. Die Anfragen, den Kirchenraum als Konzertsaal nutzen zu wollen, übersteigen bei Weitem das Entgegenkommen des Propstes.

BS: Die Frage, ob es die Katholische Kirche in 50 Jahren in Leipzig noch gibt, halte ich auch für weniger relevant als die, ob das Gebäude in der Lage ist, die Veränderungen der Katholischen Kirche zu bewältigen. Das ist auch die Frage, die wir uns gestellt haben: Wie würde man reagieren, wenn die Wohnungen der Geistlichen beispielsweise um ein Kinderzimmer erweiterbar sein müssten?!


Mit den Brüdern Schulz unterhielt sich DBZ-Redakteur Benedikt Kraft am 26. Februar 2016 im Gemeindecafé des neuen Gemeindezentrums St. Trinitatis.

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