Alle Bücher sind schon da

Vorweihnachtszeit: Stresszeit. Was schenken. Was schenken können, wenn nicht Musik, oder doch zumindest ein Buch?! Ein reales als etwas Reelles, oder ein digitales als eine Vorstellung von Welt? Und wenn es etwas sein sollte, das über alles Praktische eines Neufert, über alles Hilfreiche eines Planungsatlas, über alles Lebensnotwendige eines Ausschreibungssoftwareupdates hinausginge? Im Folgenden werden ein paar Bücher genannt, die, wenn sie unterstrichen sind, auf DBZ.de rezensiert sind/werden. Und hier als Empfehlung für diejenigen beabsichtigt sind, die neben der nötigen Fachliteratur immer auch das anschauen und begreifen wollen, was hinter dem Tellerrand liegt, out of sight.

Auf der vergangenen Buchmesse fragte mich ein Buchhändler, welches Buch über Architektur ich ihm empfehlen könne. Das erste Buch, das mir als Empfehlung in den Kopf schoss stammt allerdings aus dem Jahre 1977, „A Pattern Language“ von Christopher Alexander; zu alt, ich behielt die Idee für mich. Eigenartigerweise kam mir direkt danach ein aktuelles, eher schmales Buch in den Sinn: Never Modern, bei Park Books (24 €), eine wunderbare Monografie über die Arbeiten und das Denken der Londoner 6a achitects. Ich hatte es mir am Stand aushändigen lassen und gleich am Abend im Hotel in einem Rutsch durchgelesen: wunderbar! Und weil ich gedanklich gerade bei Park Books war, einem noch jungen Schwesterverlag von Scheidegger & Spiess, kam endlich das Buchformat über die Lippen, das dem Händler offenbar vorschwebte: Der Bauplan. Werkzeug des Architekten (95 €). Hier wird eine grandiose Idee in ein solide gemachtes Buch umgesetzt: Wir zeigen euch mal die größten, großartigsten Werkpläne! Oder doch zumindest solche, die man gerne einmal gesehen hätte. Oder noch anders: Zeitzeugnisse, deren bildhafte Präsentation es uns möglich macht, darauf eine ganze Kulturgeschichte zu gründen. Nichts ist hier gesäubert oder nachträglich verändert, die Originale, die (in allerdings sehr kleinen Ausschnitten) auch im Orginalmaßstab gezeigt werden, tragen stolz ihre Randnotizen, Flecken, Knicke, Einrisse.

Der Buchhändler war dann schon fort, als mir noch weitere aktuelle Bücher in den Sinn kamen. Bücher, die mir der Verleger/die Verlegerin XY ans Herz legte oder solche, die man im Vorbeigehen aus den Augenwinkeln wahrnimmt; so das „Ort der Abwesenheit / Place of Absence“, bei Kleinheinrich (45 €), eine nicht bloß fotografische Sicht auf die nun fast verloren gegangene Großmarkthalle in der Buchmessestadt. Oder das „How to make a japanese House, bei NAi Publisher (39,50 €), das allerdings schon aus 2012 ist, hier aber noch nicht besprochen wurde. Das Gleiche gilt für „Cycle Space. Architecture and Urban Design in the Age of the Bicycle“, ebenfalls bei NAi Publisher. Das hier behauptete Zeitalter des Rades (als eine an die Realität verloren gegangene Utopie) wird in in NRW gerade in so genannte Radschnellwege übersetzt. Damit hat die Publikation weitere Aktualität in der wichtigen Umbaudiskussion in Deutschland erhalten

War der „Bauplan“ ein universeller Blick auf Kultur und Kulturwerkzeuge ist der Blick auf Tony Fretton nur scheinbar ein fokussierter. Denn schon ein zweites Hinschauen auf „Tony Fretton Architects. Buildings and their Territories“, bei Birkhäuser (65 €) zeigt, dass der Brite jede Menge bester Zutaten aus der Architekturgeschichte für seine zeitlos lebendigen Bauten verwendet. Das Büroporträt, jenseits platter und damit unendlich langweiliger Selbstvermarktung, bringt einen der erfindungsreichsten Zeit­genossen vom Rand der Wahrnehmung ins Zentrum der Reflektion über die Qualitäten des zeitgenössischen Bauens; die er, das sei zugestanden, häufig und damit auch privilegiert aus der Substanz älterer Baukunst saugt.

Fokussiert auf München und doch in Vielem übertragbar auf jede deutsche (europäische!) Großstadt sind Inhalte und Thesen, sind Motivationen und Ziele, die in der Arbeit „Elmgreen & Dragset, A Space Called Public / hoffentlich öffentlich“, bei Walther König (48 €) vorgestellt und diskutiert werden. Dem ständig zunehmenden Verlust öffentlichen Raums (bei ebenfalls zunehmender öffentlicher Verantwortung) arbeiten die Künstler, Architekten und Kuratoren mit klugen Texten und überzeugenden Projekten entgegen, um so eine Annäherung an das, was öffentlicher Raum (noch) ist und was er sein könnte, zu vollziehen.

Dass Teppiche in manchen Regionen dieser Welt auch im öffentlichen Raum vorhanden sind, ja einen Raum überhaupt erst öffentlich machen, ist weniger (aber auch) Inhalt von „Marokkanische Teppiche und die Kunst der Moderne“, bei Arnoldsche (68 €). Hier versuchen die Herausgeber und Autoren in durchaus nachvollziehbarer aber vielleicht nicht immer zwingend nachweisbarer Weise einen Zusammenhang herzustellen zwischen den Bild- und Gestaltmotiven von Teppichen und der internationalen Kunst der Moderne. Dass die Teppiche aus der Sammlung eines Architekten stammen sei hier nur am Rande vermerkt. Machart und Bildqualität überzeugen Augenmenschen wie auch diejenigen, die gerne mal über das Ganze, also die universelle Kulturgeschichte schauen und dabei, wohlinformiert und höchst sensibilisiert, im Einzelnen hängen bleiben.

Mindestens ebenso theoretisch verortet, dabei weniger abstrakt und weniger augenschmeichelnd die nun im Schuber vorliegen­den zwei Bände „Julius Posener. Vorlesungen zur Geschichte der neuen Architektur“, bei Arch+ Verlag (59 €). Ob hier das Wort „legendär“ für eine Aussage über Qualität angemessen ist, sei dahin gestellt. Aber noch sind die Texte Poseners in der hier vorliegenden überarbeiteten und korrigierten Fassung authentische Beispiele für überdurchschnittliche Lehre. Auch heute noch.

Zu nennen ist ganz sicher „Hans Scharoun: Philharmonie. Berlin 1956–1963“, bei Wasmuth
(39,80 €), eine Veröffentlichung, die definitiv nicht bloß in der aktuellen Diskussion um das Kulturforum ihren Wert entfaltet. Das mit Plänen vollgestopfte Buch zeigt uns einen Hans Scharoun, zeigt das ganze Projekt noch einmal in einen wiederum anderen Licht. Ebenfalls bei Wasmuth erschienen „Architekturschulen“ (45 €). Hier wird einmal und das ziemlich nachdrücklich gefragt, welche Rolle heute noch Architekturschulen im Architekturdiskurs spielen. Und auch, ob „Schule“ als Begriff nicht schon längst durch „Haltung“ abgelöst worden ist.

Fast am Ende dieser kleinen und ganz bestimmt nicht den weiten Markt repräsentierenden Übersicht noch ein DAM-Preisträger und ein hervorragendes Geschenk für alle Westernliebhaber: „The Western Town. A Theory of Aggregation“, bei Hatje Cantz (35 €). Hier werden sie alle genannt, El Paso, Rio Bravo, Lahood und andere. Den Autoren geht es aber weniger um die Rekonstruktion von Legenden (teils sind die Städte heute verschwunden), sondern um mögliche Ableitungen aus Typologien und Funktionsmechanismen auf heutige Stadtplanung. Also: Lesen und dann noch mal diese wunderbaren wie wunderlichen Filme anschauen wie die A Fistful of Dollars, Fort Apache, Hang Em High, High Noon, The Wild Bunch ...

Und weil die fünf Bände schon am Messestand waren, leider nur als Dummy, hier schon der Hinweis auf den ganzen Peter Zumthor. Bauten und Projekte 1985–2013, bei Scheiddegger & Spiess (220 €). Bereits für September 2013 angekündigt wird es nun wohl noch bis ins Frühjahr 2014 dauern, bis die offenbar schwierige Geburt uns die Arbeiten vor Augen führt, die ein Architekt so sorgfältig plant und ausführt, wie eben seine Bücher. Da im Frühjahr aber Weihnachten vorbei ist … ein Gutschein wäre möglich; und vielleicht nötig, denn ein Zumthor ist erfahrungsgemäß immer schnell vergriffen!

Am Ende ist man oft wieder am Anfang, und so schließt diese Übersicht mit einer Arbeit, die einen der Großen der Architekturgeschichte im Original vor die Weihnachtsbaumkulisse holt. Bei Park Books erschienen, ist „Louis I. Kahn. Silence and Light“ (38 €) die schiere Kontemplation und das reinste Vergnügen. Eine Stunde lang zuhören und anhand der schwarzweißen Fotografien vom Vortrag Kahns 1969 in der ETH Zürich entschlacken: Das Kling Glöckchen Klingelingeling wird durch die Stimme und den Vortragsinhalt aufgelöst, und verwandelt sich in einen Raum aus mystischer Helligkeit. Der Vortrag kann auch nachgelesen werden in den Sprachen Spanisch, Französisch, Italienisch, Deutsch, Englisch ...

Nichts vergessen? Doch, eines noch. Den Hinweis darauf, dass Bücherkaufen manchmal schwerer ist, als Bücher besitzen. Und dass es am Schwierigsten ist, die Lesezeit von der anderen Zeit des Lebens abzuknapsen. Alle genannten Bücher lohnen das aber, jedes auf seine Weise. Be. K.

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