Abriss ist auch Fälschung
In Stuttgart droht „Da Vinci“ ein Zeugnis dunkler Stadtgeschichte auszulöschen

„Ich verlange von einer Stadt, in der ich leben soll: Asphalt, Straßenspülung, Haustorschlüssel, Luftheizung, Warmwasserleitung. Gemütlich bin ich selbst.“ Dieses Bonmot Karl Kraus hinderte viele deutsche Stadtväter und -mütter in den letzten Jahren nicht daran, „Gemütlichkeit“ in ihre guten Stuben zaubern zu wollen. Nach brachialen Abrissen von als häßlich oder gar unwirtlich erachteten Architekturen der Nachkriegszeit, installierten sie – und machen es morgen noch – Historisierendes, also Anscheinsgeschichte.

In Stuttgart, wo mindestens ein Abrissbaggertrio seine Arbeit schon vor Morgengrauen aufnimmt, ist es wieder einmal so weit: Nicht die bonatzschen Seitenflügel des Hauptbahnhofs sind gemeint, nein, ein eher anonymer jedoch wesentlich symbolträchtigerer Bau steht auf der Verlustliste: das ehemalige „Hotel Silber“ nahe dem Karlsplatz.

Im Neorenaissance-Stil Anfang des 19. Jahr­hunderts gebaut, war es von 1874-1919 ein vornehmes Hotel, das nach Oberpostdirek­tion und Polizeipräsidium von 1937-1945 Sitz der Gestapo wurde, die hier wie überall in ihren Quartieren folterte und deportierte. Schauderhafter Pragmatismus: Bis 1985 blieb der Bau die Stuttgarter Polizeizentrale.

Das Land hat sich nun mit den Eigentümern der Kaufhauskette Breuninger geeinigt, den Block zwischen Kaufhaus und Karlsplatz mit einem Ensemble aus Handels- und Büroflächen „aufzuwerten“; die Investoren schielen in Richtung Stuttgart 21, das, falls es überhaupt realisiert würde, in die anliegen­den Quartiere ökonomisch vorteilhaft ausstrahlen könnte. „Da Vinci“ heißt das Projekt, für welches Ben van Berkel 2007 einen Wettbewerb gewann, ohne das „Hotel Silber“ darin. Im gleichen Jahr erhielt Helga Breuninger, Vorsitzende der Breuninger-Stiftung, das Verdienstkreuz 1. Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland – aus den Händen des Mitprojekt- und Landesvaters Öttinger.

Alle Dokumente der Stuttgarter Gestapo wurden 1945 verbrannt, eine so radikale wie dumme Art, Geschichte löschen zu wollen. Der Abriss des stadthistorisch unersetzlichen Gebäudes mutet wie eine Wiederholung dieses Versuches an. Be. K.

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