Das Internationale Congress Centrum, Berlin

Was großartig und singulär war soll jetzt "mega" werden

Im Konzeptverfahren ICC Berlin wird für die „Projektpartnerschaft Quartier ICC“ eine offizielle Vergabeempfehlung ausgesprochen

Ein silberglänzender Gigant oberhalb der dichten Verkehrslandschaft mit A100, Zubringern und Eisenbahn: das ICC am Messegelände im Berliner Westen. Seit 13 Jahren geschlossen wartet der Koloss mit Denkmalstatus auf Fortschreibung. Als Architekturikone ("eine Berliner Ikone, die seit Jahren auf ihre neue Zeit wartet" (OB Franziska Giffey) unter Denkmalschutz gestellt, ist bis heute nicht klar, was mit dem ehemaligen Kongresszentrum werden soll. Kultur natürlich, Quartier, Hotel, Gastro, Kreativbranche ... fehlt etwas?

Das Internationale Congress Centrum (ICC) im Westen Berlins ist eine Ikone der Berliner Architektur und möglicherweise weit darüber hinaus. Das vom Messedamm westlich und dem Autobahnstrang A100 mit seinen Zu- und Wegbringern sowie einer parallelen Gleisanlage östlich gefasste Bauwerk, fasziniert bis heute durch seine schiere Größe und die Zurschaustellung des Tragwerks, das den silbrig schimmernden Koloss in die Höhe stemmt.

Westansicht mit dem Verbindungsbau zur Messen im Anschnitt links
Foto: Benedikt Kraft

Westansicht mit dem Verbindungsbau zur Messen im Anschnitt links
Foto: Benedikt Kraft

Das Gebäude, als Ergänzung zum Messeareal nebenan gedacht – ein dreigeschossiges Brückenbauwerk verbindet es mit Ebene 2 der Hallen 14 und 15 – , bot rund 80 Säle und Besprechungsräume in welche von 10-20 Menschen bis zu 5000 passten (Saal 1). Insgesamt verfügt das Centrum über mehr als 200000m² BGF, wovon jedoch nur etwa ein Siebtel für Veranstaltungen nutzbar waren. Das war gewollt, auf den riesigen Verkehrs- und Erschließungsflächen gab es immer wieder Angebote, informelle Gespräche in abgelegenen Sitzgruppen zu führen oder schlicht eine Pause vor der Tür zu machen, ohne das Haus verlassen zu müssen. Das gehörte zum Entwurfskonzept des mittlerweile verstorbenen Architektenpaars Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte, die „ein Haus der Kommunikation“ schaffen wollten und es geschaffen hatten. Der Erstellungspreis war entsprechend: Nach heutiger Währung wären rund 1,3 Mrd. € gezahlt worden, 100 Mio.€ als der Berliner Hauptbahnhof gekostet hatte.

Vom Verkehr (hier die A100) stark von allen Seiten bedrängt, überlebt das ICC schon durch seine schiere Masse
Foto: Benedikt Kraft

Vom Verkehr (hier die A100) stark von allen Seiten bedrängt, überlebt das ICC schon durch seine schiere Masse
Foto: Benedikt Kraft

Die für diese Maschinenästhetik typischen Treppenhaustürme gliedern und formen das Volumen
Foto: Benedikt Kraft

Die für diese Maschinenästhetik typischen Treppenhaustürme gliedern und formen das Volumen
Foto: Benedikt Kraft

Doch trotz all dieser Raum- und Flächen- und Technikwunder in dem 313 m langen, 89 m breiten und 39 m hohen Gebäude befindet sich das ICC seit 12 im Stillstandsbetrieb. Was nicht heißt, es koste das Land nichts! Um das seit 2019 denkmalgeschützte Gebäude und die Berliner Ikone wieder mit Leben zu füllen und einen international einzigartigen Standort für Kunst, Kultur und Kreativwirtschaft mit langfristig tragfähiger Perspektive zu entwickeln, hatte das Land Berlin am 25. November 2024 ein europaweites Konzeptverfahren gestartet, das einmal in der Bewerberphase um ein halbes Jahr verlängert wurde, man war mit der Qualität der Vorschläge und Teams nicht zufrieden.

Besucherkanzel in der gigantischen Eingangslandschaft
Foto: Benedikt Kraft

Besucherkanzel in der gigantischen Eingangslandschaft
Foto: Benedikt Kraft

Einchecken an einem der zahlreichen, sehr langen Counter
Foto: Benedikt Kraft

Einchecken an einem der zahlreichen, sehr langen Counter
Foto: Benedikt Kraft

Zufrieden scheint man aber jetzt, wenngleich die Bürgermeisterin von Berlin & Senatorin für Wirtschaft, Energie und Betriebe, Franziska Giffey, auf der Verkünderpressekonferenz im July gleich noch feststellte, dass das Verfahren „noch ein bisschen [dauert], aber mega [wird].“ Den Zuschlag im Konzeptverfahren von Ende 2024 erhielt die „Projektpartnerschaft Quartier ICC“, für deren Einsetzung eine „offizielle Vergabeempfehlung ausgesprochen“ wurde. Auf Grundlage dieser Vergabeempfehlung wird das Land Berlin als Konzessionsgeberin der Projektpartnerschaft nun eine Exklusivitätsvereinbarung anbieten und die anschließende Anhandgabephase einleiten. In dieser rund zweijährigen Projektvorbereitungsphase werden unter anderem Baurecht, Finanzierung, Denkmalschutzfragen sowie die weitere Konkretisierung des Nutzungs- und Betriebskonzepts gemeinsam bearbeitet.

Das ICC in 2033: Eingefasst von Neubauten im Süden und Norden soll der Bestandsbau der Kultur irgendwie dienen
Visual: dudler/graft

Das ICC in 2033: Eingefasst von Neubauten im Süden und Norden soll der Bestandsbau der Kultur irgendwie dienen
Visual: dudler/graft

Die „Projektpartnerschaft Quartier ICC“ bilden: Arup Deutschland GmbH, die Coloured Fields GmbH, die GRAFT Gesellschaft von Architekten mbH, die HOCHTIEF Infrastructure GmbH, die ICCA Projektgruppe / Stiftung Kunstforum Berliner Volksbank, die KVL Projektmanagement Berlin GmbH, die Max Dudler GmbH, die MIB AG Immobilien und Beteiligungen sowie die schneider+schumacher Planungsgesellschaft mbH. Damit, so der Senat, „vereint die Projektpartnerschaft führende Unternehmen und ausgewiesene Expertinnen und Experten aus den Bereichen Projektentwicklung, Stadtplanung, Architektur, Denkmalpflege, Kunst- und Kulturmanagement, Ingenieurwesen, Bauausführung und Projektsteuerung.

Das ICC als internationaler Standort für Kunst, Kultur, Kreativwirtschaft und Innovation

Aus der Pressemitteilung: „Das zur Vergabe empfohlene Konzept verfolgt das Ziel, das ICC zu einem international bedeutenden Standort für Kunst-, Kultur und Innovationen zu entwickeln. Die bisherige monofunktionale Nutzung als Kongresszentrum soll durch ein vielfältiges und dauerhaft für Berlinerinnen, Berliner und Gäste der Hauptstadt öffentlich zugängliches Quartier ersetzt werden, das an sieben Tagen in der Woche belebt ist.

Vorgesehen sind fünf zentrale Nutzungsbereiche: Der große Saal soll künftig flexibel für Konzerte, Veranstaltungen und weitere Formate genutzt werden. Der Saal 2 wird zu einem eigenständigen, offenen Ausstellungs- und Erlebnisraum weiterentwickelt, der ein neues ICC-Erlebnis schafft und die Veranstaltungsnutzung inhaltlich ergänzt. Das Mittelfoyer sowie weitere Bereiche sind für Gastronomie, Bars, Studios, Galerien und kulturelle Nutzungen vorgesehen. Herzstück des neuen Konzepts wird eine öffentlich zugängliche Passage im Erdgeschoss, die das Gebäude künftig von Nord nach Süd durchquerbar macht. Über einen zusätzlichen Eingang im Süden des Gebäudes und einen Innenraum, der ins Quartier zeigt, wird das ICC zu einem urbanen Boulevard und komplementiert das Veranstaltungsgeschäft in den Sälen.

Blickbezüge aus dem Gedämpften Drinnen nach Draussen, in eine verkehrsbedingt laute, immer in Bewegung seiende Umwelt
Foto: Benedikt Kraft

Blickbezüge aus dem Gedämpften Drinnen nach Draussen, in eine verkehrsbedingt laute, immer in Bewegung seiende Umwelt
Foto: Benedikt Kraft

Auf den an das ICC angrenzenden Grundstücken Messedamm 9 und Messedamm 11 sind Neubauten vorgesehen, die das ICC städtebaulich mit seiner Umgebung verbinden und neue Adressen am Messedamm schaffen. Am Messedamm 9 (dem heutigen Parkplatz) wird ein Hochhaus mit Hotel-, Wohn-, Büronutzungen entstehen. Das bestehende Parkhaus am Messedamm 11 wird durch ein modernes Parkhaus mit ergänzenden Hotel-, Büro-, Gastronomie- und Gewerbeflächen ersetzt. Gemeinsam mit attraktiven Vorplätzen, verbesserten Wegebeziehungen, neuen Eingängen und gastronomischen Angeboten entsteht ein ganztägig belebtes Quartier, das hier ganz neue kulturelle und wirtschaftliche Impulse setzt.

Zurück in die Zukunft: Historie und Zeitplan

Das ICC gehört zu den bedeutendsten Bauwerken der Berliner Nachkriegsmoderne. Seit der Einstellung des regulären Betriebs im Jahr 2014 befindet sich das Gebäude im sogenannten Stillstandsbetrieb. Allein die laufende Sicherung und Instandhaltung verursachen dem Land Berlin jährliche Kosten von rund 2 Mio. €.

Die Zukunft ließ grüssen: Saal 6 in Anlehnung an eine Raumschiffkommandobrücke
Foto: Benedikt Kraft

Die Zukunft ließ grüssen: Saal 6 in Anlehnung an eine Raumschiffkommandobrücke
Foto: Benedikt Kraft
Saal (1) für 5000: So ging Größenwahn ... Im Osten wäre der Raum für Parteitage genutzt worden
Foto: Benedikt Kraft
Saal (1) für 5000: So ging Größenwahn ... Im Osten wäre der Raum für Parteitage genutzt worden
Foto: Benedikt Kraft

Nach einem Interessenbekundungsverfahren in den Jahren 2018/2019 bestätigte der Senat 2023 die Durchführung eines Konzeptverfahrens zur Revitalisierung des ICC. Nach einer zweijährigen Vorbereitungsphase mit umfangreichen Untersuchungen, darunter ein Schadstoffkataster, eine Machbarkeitsstudie und denkmalfachliche Gutachten, wurde das Verfahren im November 2024 europaweit gestartet.

Im Rahmen eines wettbewerblichen Dialogs entwickelte die Projektpartnerschaft in einem iterativen Prozess mit der hochkarätig besetzten Fach- und Sachjury ihr Konzept. Nach positiver Bewertung durch die Jury im April 2026 und der anschließenden Entscheidung des Steuerungsausschusses Konzeptverfahren wurde am 12. Juni 2026 die offizielle Vergabeempfehlung ausgesprochen.

Pullman Lounge ... fast noch komplett original erhalten und sicherlich Ort der Interiorinspiration!
Foto: Benedikt Kraft

Pullman Lounge ... fast noch komplett original erhalten und sicherlich Ort der Interiorinspiration!
Foto: Benedikt Kraft

Mit den nun bevorstehenden Verhandlungen zur Exklusivitätsvereinbarung und der darauffolgenden Anhandgabephase beginnt die nächste Etappe auf dem Weg zur Wiederbelebung des ICC. Ziel ist es, bis 2028 die Voraussetzungen für die Vergabe der Erbbaurechte zu schaffen. Erste Baumaßnahmen könnten ab 2029 beginnen, eine schrittweise Inbetriebnahme des neuen Quartiers wird ab 2032/2033 angestrebt.“

Über Kosten keine Angaben. Keine zu möglichen Investoren, Investorengruppen. Sieben Jahre Zeit zur kompletten Umsetzung erscheinen unmöglich angesichts der Aufgaben, die neben dem baulichen stehen: Verkehr, Einbindung ins Quartier durch weitere Neu- oder Umbauten, Mietverträge, Spielpläne und nicht zuletzt: der Ausblick auf eine Zeit, in der wir mit Mondpreisen für Material, Transport und Energie rechnen können. Dass das „das wird Mega“-Projekt in klug gewählten Bauabschnitten zu planenwäre, dazu ebenfalls keine Auskünfte. Es muss offenbar wie so oft so sein: Entweder alles oder nichts. Was „Alles“ wäre sehen wir auf den Visuals, „Nichts“ wäre dann der endgültige Abschied von einer Maschine, deren Wiedererweckung als Ganzes eine Utopie bleiben wird (bleiben muss?).

Internationales Congress Centrum ICC Berlin