Preisträger des Realisierungswettbewerbs »Brenzkirche – Zurück in die Zukunft« steht fest

Aus dem Wettbewerb um das schwierige Revitalisierungsprojekt geht das Architekturbüro Wandel Lorch Götze Wach (WLGW) aus Frankfurt am Main als Sieger hervor

Der nichtoffene internationale Realisierungswettbewerb mit Ideenteil für die geplante (städte-)bauliche Transformation der Brenzkirche im Stuttgarter Norden ist entschieden. Das Preisgericht legte unter Begleitung der Evangelischen Gesamtkirchengemeinde Stuttgart und der Internationalen Bauausstellung 2027 StadtRegion Stuttgart (IBA’27) bereits am 21. Juni 2023 den Preisträger fest. Das Votum für die Kirche auf dem Weissenhof war einstimmig: Als erstplatzierter Beitrag geht aus dem Wettbewerb das Architekturbüro Wandel Lorch Götze Wach (WLGW) aus Frankfurt am Main hervor.

Die Büros architekturstudio prinzmetal, Köln/Stuttgart und Klumpp + Klumpp Architekten BDA, Stuttgart belegen mit ihren Entwürfen den jeweils zweiten und dritten Platz, zudem wurden zwei Anerkennungen ausgesprochen (AAg LoebnerSchäferWeber, Heidelberg und Schleicher Ragaller Architekten BDA, Stuttgart). Mit dem nun entschiedenen Wettbewerb für ein zukunftsweisendes Weiterbauen der Brenzkirche Stuttgart hat nun auch die Evangelische Gesamtkirchengemeinde Stuttgart ihr eigenes Vorhaben für die Internationale Bauausstellung 2027. Kirchenleitung und Gemeinde können mit dem Weiterbauen der Brenzkirche im Jahr der IBA’27 einer breiten Öffentlichkeit zeigen, wie Kirche als Zukunftsraum in der Stadt aussehen kann. Der Ort dafür könnte prominenter nicht sein: Die 1933 erbaute und seit 1939 immer wieder überformte Brenzkirche gehört zur »Kirchenfamilie« der Evangelischen Nordgemeinde Stuttgart und steht in unmittelbarer Nachbarschaft zum Europäischen Kulturerbe »Werkbundsiedlung am Weissenhof« und zur Akademie der bildenden Künste. Im Ausstellungsjahr der Internationalen Bauausstellung 2027 befindet sich die Brenzkirche damit sozusagen im Epizentrum der IBA’27-Ausstellung, die auf dem Weissenhof ihren Mittelpunkt hat. Bis zu diesem Datum soll die Kirche nun eine formal wie funktional auf die Bedarfe der Gemeinde und auf die Belange eines Kulturdenkmals abgestellte Neugestaltung und Sanierung erhalten.

Visualisierung aus dem Siegerentwurf zur Brenzkirche
Render: Wandel Lorch Götze Wach (WLGW)

Visualisierung aus dem Siegerentwurf zur Brenzkirche
Render: Wandel Lorch Götze Wach (WLGW)

Welche Zeitschicht kann Referenz sein, was verweist auf die Zukunft? Das Preisgericht mit Vertreterinnen und Vertretern aus der Fachwelt, der Kirche, der Denkmalpflege und dem Verein der Freunde der Weissenhofsiedlung diskutierte anhand von 15 anonym eingesandten Entwürfen und hatte sich mit einer hochkomplexen Bestandsgeschichte auseinanderzusetzen.

Brenzkirche 1933–1939
Foto: Landesamt für Denkmalpflege

Brenzkirche 1933–1939
Foto: Landesamt für Denkmalpflege

Die Brenzkirche wurde 1933 nach einem Wettbewerb von Architekt Alfred Daiber im Stil der Neuen Sachlichkeit gebaut und sollte als Stadtteilkirche zwischen Weissenhof und Kochenhof eine wichtige städtebauliche wie sozialräumliche Funktion erfüllen. Die bauzeitliche Besonderheit der Brenzkirche liegt in der radikalen Sachlichkeit ihrer Architektur und in der Doppelfunktion als Gemeindezentrum zu ebener Erde und Kirchenbau mit Gottesdienstsaal im Obergeschoss. Mit aufgeständertem Glockenturm, Flachdach, abgerundeter Eckfront und multipler Nutzung als Kirche mit integriertem Gemeinde- und Pfarrhaus war die sachliche Architektur Ausdruck eines kompromisslosen Bekenntnisses zur Moderne.

Visualisierung aus dem Siegerentwurf zur Brenzkirche
Render: Wandel Lorch Götze Wach (WLGW)

Visualisierung aus dem Siegerentwurf zur Brenzkirche
Render: Wandel Lorch Götze Wach (WLGW)

Eine sich dem NS andienende Kirchenleitung und der von ihr beauftragte Architekt Rudolf Lempp kassierten das schlichte und doch so progressive Erscheinungsbild der Kirche anlässlich der Reichsgartenschau im Jahr 1939 mit einer sogenannten »Entschandelungsmaßnahme«, bei der das Bauwerk bis zur Unkenntlichkeit umgebaut wurde; die Pläne stammten vom Stuttgarter Architekten Rudolf Lempp. Die Befensterung wurde komplett verändert, die Kubatur des Baukörpers erhielt ein alles überformendes Satteldach, der Turm wurde verkleidet und mit einem goldenen Gockel gekrönt. Lempps Kriegsreparatur- und Sanierungsarbeiten nach 1945 schrieben diese Entwicklung weiter fort.

Visualisierung aus dem Siegerentwurf zur Brenzkirche
Render: Wandel Lorch Götze Wach (WLGW)

Visualisierung aus dem Siegerentwurf zur Brenzkirche
Render: Wandel Lorch Götze Wach (WLGW)

Gerade dieser Vorgang des Überformens der Neuen Sachlichkeit durch den Traditionalismus eines Vertreters der Stuttgarter Schule ist es, der nach Ansicht der Denkmalpflege heute den Kern des Kulturdenkmals Brenzkirche ausmacht. Nun macht der Entwurf »Palimpsest« von WLGW Architekten den Vorschlag, die Kirche unter Rekurs auf den Ursprungsbau von 1933 weiterzubauen. Das Konzept schafft aus Sicht des Preisgerichts eine angemessene Balance zwischen dem Bestand und den aktuellen Anforderungen eines zukunftsfähigen Kirchengebäudes. Gewürdigt wird dabei auch, dass das Konzept ein großes Potential für mögliche Anpassungen und Weiterentwicklungen aufweise.

Die schon sehr stark umgebaute Brenzkirche, ein IBA'27 Projekt am Weissenhof
Foto: IBA’27 / Tobias Schiller

Die schon sehr stark umgebaute Brenzkirche, ein IBA'27 Projekt am Weissenhof
Foto: IBA’27 / Tobias Schiller

Auch wenn die Arbeit den kompletten Rückbau des bisherigen Daches vorsieht, lobt das Preisgericht die differenzierende Entwurfshaltung. Der Vorsitzende Wolfgang Riehle begrüßte es ausdrücklich, dass sich die Stadtgemeinde Stuttgart für ein Wettbewerbsverfahren entschieden hat und zeigte sich zufrieden mit dem Ausgang des Wettbewerbs.


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