Der Wald ist keine Holzfabrik

Eine uns hier vorliegenden Studie der WWF Deutschland und der Universität Kassel setzt dem Mythos, Holz sei der Ausweg aus der sich verschärfenden Krise, ein Ende

Zunächst hat es überrascht, dass sich der Architekt und Ingenieur, Werner Sobek, in seiner dreibändigen Arbeit zum Stand der Dinge des Bauens (Rezension des ersten Bandes hier), in der Betrachtung der zum Einsatz kommenden gängigsten (am häufigsten verbauten) Materialien so intensiv mit dem Material Holz beschäfttigte. Keinem anderen Material wurde derart viel Raum in dem ersten Band (Werner Sobek, non nobis – über das Bauen in der Zukunft. Bd. 1: Ausgehen muss man von dem, was ist. Avedition, Stuttgart 2022) eingeräumt, wie dem Holz. Der Verdacht, mit der sichtbar neutralen Darstellung des Potentials dieses Materials transportiere der Autor zugleich und sehr subversiv seine Kritik an der vielverbreiteten Auffassung, Holz sei der Ausweg aus der Baukrise, bestätigt sich im weiteren Verlauf der Lektüre, die anderen Materialien nicht diese Untersuchungstiefe zubilligt, wie eben dem Holz.

Wald oder Forst? In jedem Fall gilt immer die Frage, wann ein Baum geschlagen und verwertet werden sollte. Am Besten kurz vor seinem Sterben!
Foto: Benedikt Kraft

Wald oder Forst? In jedem Fall gilt immer die Frage, wann ein Baum geschlagen und verwertet werden sollte. Am Besten kurz vor seinem Sterben!
Foto: Benedikt Kraft

Nun erhält Werner Sobek - ungewollt - Unterstützung durch eine Studie (s. unten), die der WWF Deutschland und die Universität Kassel zusammen erstellt haben und in der der Frage nachgegangen wird, ob der steigende Holzbedarf - wir müssen jetzt ja alle mit Holz bauen um überhaupt noch ein Recht zu haben, Immobilien in die Welt zu setzen - denn von der Anbieterseite Wald zu leisten ist.

Die Antwort ist eindeutig: nein, ist er nicht. Ganz im Gegenteil sind wir - insbesondere auch die deutschen Holzkonsumenten - dabei, das Nachhaltige - das ironischerweise ja ein Begriff ist, der aus der Holzwirtschaft kommt - ad absurdum zu führen. Wir verbrauchen den nicht schnell genug wachsenden, den auch aktuell und sowieso ständig verbrennenden, vertrocknenden, windgefällten und vor allem auch illegal gefällten Wald und Forst weit über sein Regenerationskönnen hinaus. Erste Folge ist die Preisexplosion beim Holz wie allen Holzprodukten und -derivaten, die Stagnation in der Reduktion von CO2 und auf gar nicht so lange Sicht die Ankurbelung des Teufelskreises Erderwärmung, Holzknappheit, Erderwärmung, Holzmangel, Erderwärmung ... Sauerstoffmangel!?

Cover zur WWF-Studie "Alles aus Holz - Rohstoff der Zukunft oder kommende Krise?"
Abb.: WWF

Cover zur WWF-Studie "Alles aus Holz - Rohstoff der Zukunft oder kommende Krise?"
Abb.: WWF

In einem Gespräch mit Matthias Sauerbruch kamen wir auch auf das Notwendige, das von Architektenseite getan werden müsste. Der Berliner Architekt, der das Büro Sauerbruch Hutton nicht zu Unrecht als Vorausgänger des energieeffizienten, material- und konstruktionsreduzierten Entwerfens=Bauens sieht, Matthias Sauerbruch vertrat in diesem Gespräch noch die Haltung, Architekt:innen könnten das Bauen weiterentwickeln, es optimieren auf der entwerferischen und planerischen Leistungsebene, das Ganze mit dem unbedingten Fokus auf eine an der Antike (Vitruv) orientieren, in die Jetztzeit weiterentwickelten Ästhetik. Und er wollte - und konnte, als verantwortlich denkender aber entwerfender, planender Architekt - sich nicht einlassen auf das Niveau von Häusern, die vielleicht eher recht als schlecht in der Landschaft stehen, bloß überarbeiteter Bestand sind, Vernakuläres, gebrauchte Architektur aus engagierter Laienhand.

Nun lesen wir in einer von Sauerbruch Hutton kuratierten Zeitschriftenausgabe aus dem Süden der Republik ein Gespräch mit ihm und Harald Welzer, in dem der Soziologe und Sozialpsychologe Welzer es schlicht auf den wesentlichen (und sicher nicht von ihm selbst erkannten) Punkt bringt: Wirtschaftswachstum (Neubau) und Arbeiten gegen den Klimawandel passen schlicht nicht zusammen, ersteres beschleunige den Wandel hin zu einer Welt, die uns vor große Herausforderungen stellen wird. Er sagte es nicht und auch Mattias Sauerbruch spricht das Wort vom "Verzicht" nicht aus, aber ohne weniger wird es demnächst mehr (Hitze, Überfluten, Dürre, Stürme, Migration etc.).

Holz als Wunderwaffe aus der Baukrise? Aus der Krise insgesamt? Klares nein. Be. K.

Thematisch passende Artikel:

Werner Sobek und das ILEK

Ausstellung und Podiumsdiskussion im Rahmen der Moskauer Architekturbiennale 2010

Das Goethe-Institut Moskau, das Büro Werner Sobek und das ILEK (Institut für Leichtbau Entwerfen und Konstruieren der Universität Stuttgart) zeigen im Rahmen der Moskauer Architekturbiennale 2010...

mehr

Nachfolge von Werner Sobek steht

Wer kommt, wenn Werner Sobek geht? Im Frühjahr 2020 hat der charismatische Architekt und Ingenieur Werner Sobek die Leitung des von ihm gegründeten Instituts für Leichtbau Entwerfen und...

mehr

Konstruktion im Dialog

Ausstellung über die Arbeit von Werner Sobek vom 2. Juli bis 16. Oktober 2009, Wien

Werner Sobek zählt mit seinen vielfältigen Aktivitäten international zu den wichtigsten Protagonisten auf dem Gebiet der Schnittstelle zwischen Architektur und Konstruktion. Als „forschender,...

mehr

Rethinking Timber

Klar ist, mit Holz als Baustoff kann Architekt nachhaltig bauen und etwas gegen den Klimawandel tun. Mit den Möglichkeiten, die der Holzbau heute schon bietet, können Herausforderungen, die sich bei...

mehr

Honoris causa

Ehrendoktorwürde der TU Dresden für Prof. Werner Sobek

Als Prof. Werner Sobek unlängst an der TU Dresden den Vortrag „Bauen für die Zukunft“ hielt, war der Hörsaal bis auf den letzten Platz und die letzte Treppe besetzt. Die Universität wird dem...

mehr