Balthasar Neumann Preis 2016

Neubau Katholische Propsteikirche St. Trinitatis

Das katholische Kirchenzentrum in Leipzig von Schulz und Schulz, Architekten erhält den Balthasar Neumann Preis 2016. Ein Besuch

Die Kirchweihe am 9. Mai 2015 beendet eine über 70 Jahre andauernde Odyssee der Leipziger Propsteigemeinde. Mit dem Neubau ist St. Trinitatis ins Zentrum der Stadt zurückgekehrt. Es war den Architekten ein Anliegen, die neue Propsteikirche aus dem Organismus der umgebenden Stadt heraus zu entwickeln.

Hintergrund

Die erste Leipziger Trinitatiskirche wurde 1847 in unmittelbarer Nähe zur Leipziger Altstadt fertiggestellt. Im Weltkrieg 1939-45 wurde sie während der Bombenangriffe auf die Stadt Leipzig 1943/44 schwer beschädigt und 1954 gesprengt. Daraufhin wurde die bereits erteilte Baugenehmigung von der SED-Regierung zurückgezogen und das Baufeld durch die Stadtverwaltung beräumt. Als „Interimslösung“ nutzte die Gemeinde fortan hauptsächlich die Klosterkirche St. Pauli am Leipziger Augustusplatz. Erst Ende der 1970er Jahre wurden die Pläne für eine zweite Trinitatiskirche wieder aufgenommen. Für den Neubau nach Plänen der Bauakademie der DDR wurde der Gemeinde ein neues Grundstück in verkehrsungünstiger Lage außerhalb der Leipziger Innenstadt zugewiesen. Hier entstand unter der Leitung von Udo Schultz bis 1982 ein unscheinbarer Zweckbau, der allerdings wegen schlechter Gründungsverhältnisse bereits wenige Jahre später erhebliche Baumängel aufwies.

Vor diesem Hintergrund trat die Gemeinde im Jahr 2008 mit der Stadt Leipzig über ein mögliches neues Baugrundstück in Verhandlung. Im Ergebnis fiel die gemeinsame Entscheidung auf ein brachliegendes Grundstück an der Nonnenmühlgasse in direkter Nachbarschaft zu Neuem Rathaus und Wilhelm-Leuschner-Platz – unweit des Standorts der ersten Trinitatiskirche. Im Wettbewerb 2009 wurde der Entwurf von Schulz und Schulz Architekten mit dem 1. Preis ausgezeichnet.

Stadträumliches Konzept

Mit dem „Ausgießen“ des vorgegebenen, dreieckigen Grundstücks und der Betonung der gegenüberliegenden Pole von Kirchenraum und Kirchturm spannt sich der Baukörper auf. Zwischen den beiden Hochpunkten ist der Pfarrhof eingeschnitten. Die Silhouetten von Kirche und Rathaus definieren entlang der ansteigenden Topografie des Martin-Luther-Rings eine städtebauliche Torsituation, die den Auftakt für die weitere Entwicklung des angrenzenden Stadtraums mit der S-Bahn-Station Wilhelm-Leuschner-Platz, dem künftigen Einheitsdenkmal und dem Areal Nonnenmühlgasse markiert.

Kirchenraum

Die neue Trinitatiskirche wird von den Elementen Kirchenraum, Pfarrhof, Gemeindezentrum und Kirchturm bestimmt, die im Wesentlichen durch Licht und (Raum-)Höhe geprägt sind. Mit seiner lichten Höhe von 14,50 Metern ermöglicht der Kirchenraum eine transzendente Raumerfahrung, die durch das große Oberlicht in 22 Metern Höhe noch intensiviert wird. Von hier fällt Tageslicht unterschiedlicher Intensität entlang der Altarrückwand in den Kirchenraum und bestimmt die Atmosphäre des Raums. Ein weiteres wichtiges Raumelement ist das große ebenerdige Kirchenfenster (Künstler: Falk Haberkorn). Dem Fenster im Inneren gegenüberliegend befindet sich die Werktagskapelle. Die Orgel ist dritter „Verkündigungsort“ steht deutlich sichtbar auf der Galerie. Der Kirchenraum ist in Querrichtung, über die kürzere Raumseite, orientiert und schafft ausreichenden Platz für die Anordnung der Gemeinde in einem offenen Circumstantes, dessen optische und szenografische Mitte der Altarraum ist. Auf Abtrennungen gegenüber der Gemeinde wurde verzichtet, was den Altarraum zusätzlich als mehrdimensional bespielbare Fläche für unterschiedliche liturgische Handlungsformen öffnet. Lediglich ein leichtes Gefälle (vom Eingang zum Altar) umschließt den Altarraum und erlaubt optimale Sichtbeziehungen.

Fassade

Mit dem Rochlitzer Porphyr führen wir eine Bautradition der Stadt Leipzig (Altes Rathaus) und der Region (Benediktinerkloster zum Heiligen Kreuz in Wechselburg) fort. Die horizontale Schichtung der unterschiedlich hohen Lagen verankert das Gebäude fest mit dem Grundstück und lässt es sinnbildlich aus dem Boden herauswachsen. Durch die Vor- und Rücksprünge in der Schichtung wird die traditionsreiche regionale Baukunst überführt in ein zeitgenössisches eigenständiges Gebäude von besonderem emotionalem Wert.

Konstruktion

Der Neubau ist ein homogener Baukörper mit auskragenden und weitgespannten Bauteilen. Basis bilden die beiden Gebäudeteile von Kirche (Kirchenraum, Sakramentskapelle, Beichträume, Sakristei, Einrichtungen der Kirchenmusik) und Gemeindezentrum (Gemeindesaal, Büros, Priesterwohnungen, Technikräumen, Kirchturm, Tiefgarage), die über zwei brückenartige Bauteile miteinander verbunden sind. Die Konstruktion besteht aus weitgespannten Tragkonstruktionen mit wenigen lastabtragenden Bauteilen im Erdgeschoss. Die Umsetzung erfolgt mit wandartigen Trägern im Obergeschoss, die in einer fugenlosen Stahlbetonkonstruktion mit möglichst geringem Konstruktionseigengewicht ausgeführt sind. Die Gründung erfolgt mittels Pfählen, um die Lasten in den tragfähigen Baugrund in circa 4 Metern Tiefe unter Geländeoberkante zu übertragen.

Nachhaltigkeit und Materialität

Im Fokus der Planung stand eine Bewertung von der Produktion über den Lebenszyklus bis hin zu Revisionierbarkeit und Entsorgung. Die Betrachtungen zielten auf eine nahezu unbegrenzte Nutzungsdauer. Der Anspruch umfassender Nachhaltigkeit wurde bereits mit dem Projektstart festgeschrieben und über den Architekturwettbewerb konkretisiert, für dessen Bewertung eine heute allgemeingültige SNAP-Methode (Systematik für Nachhaltigkeitsanforderungen in Planungswettbewerben) entwickelt wurde. In der Planung wurde das Thema dann zu ausgewählten Schwerpunktthemen intensiv beforscht (Grundlagen zur Berechnung von thermischen Speichern im Erdreich, Methode zur Baustoffprüfung für schadstoffreduziertes Bauen, Bewertung von Instandhaltungsprozessen). Die wissenschaftliche Begleitung wurde durch die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) gefördert und in Forschungsberichten veröffentlicht.

Grundlage der besonderen Nachhaltigkeit ist die Integration der Themen in die Zusammenhänge von Funktion, Ästhetik, Städtebau, die eine effiziente, ressourcensparende Architektur ermöglichen. Hinzu kommt eine grundlegende Ökobilanzierung, um schädliche Umweltwirkungen auszuschließen. Die Betrachtungen führen über den üblichen Zeitraum von 50 Jahren (nach DGNB) hinaus und umfassen eine Nutzungsdauer von mehr als 100 Jahren. Entsprechend wurden sehr langlebige Baustoffe auf mineralischer oder nachwachsender Rohstoffbasis bevorzugt. Im Ergebnis liegt der Referenzwert der Ökobilanz des Neubaus 45 Prozent unter dem Referenzwert nach DGNB. Dabei ermöglicht der generelle Verzicht auf Verbundwerkstoffe am gesamten Neubau Austausch, Wartung und Recycling einzelner Komponenten sowie der gesamten Gebäudetechnik und zielt auf einen nahezu unbegrenzten zeitlichen Horizont.

Regionale, nachwachsende oder mineralische sowie schadstofffreie Materialien (Porphyr aus Rochlitz, Travertin aus Weimar, Granit aus Beucha bei Leipzig, Eichenholz aus Hessen) wurden bevorzugt eingesetzt. Die Aktivierung von Wertstoffkreisläufen (Altglas als Grundlage für die Schaumglasdämmung) und eine handwerkliche, materialgerechte Fügung (freie Steinlängen im Wilden Verband der gemauerten Porphyrfassade) verbessern die Ökobilanz und die Dauerhaftigkeit weiter. Hinzu kommen der weitgehende Verzicht auf Verbundwerkstoffe und die Planung anpassungsfähiger Anlagen und Systeme, durch deren Austausch, Wartung und Erweiterung das Gebäude per se keinen absehbaren zeitlichen und technologisch begrenzten Horizont aufweist und auch zukünftigen Anforderungen gerecht werden kann. Zur detaillierten Bewertung möglicher Schadstoffbelastungen während und nach der Nutzung wurde eine projekteigene Matrix entwickelt, um Produkte in Bezug auf Einsatz und Belastungen zu beurteilen. Im Ergebnis wurden vor allem Baustoffe mit dem Umweltzeichen „Blauer Engel“ oder „EmiCode“ verwendet und 2-komponentige Reaktivharzprodukte, Lösemittel, Schwermetalle und Biozide als Bestandteile vermieden.

Mit Blick auf die übergeordnete gesellschaftliche Funktion der Kirche wurde der Neubau als eine Art „Schutzraum“ konzipiert, der auch im Fall eines Krisenszenarios Rückzugsort ist und ein Mindestmaß an Versorgung ermöglicht. So werden beispielsweise (Grau-) Wasserreserven in einem autarken Speicherbehälter im Kirchturm vorgehalten, die mittels Schwerkraft im Wasserturmprinzip genutzt werden. Quelle ist eine Regenwasserzisterne im Hof, die anfallenden Regen der Dachflächen sammelt und über solarstrombetriebene Pumpen zur Speicherung bereitstellt. Mit einem Anteil regenerativer Energien von etwa 76 Prozent erzeugt die Kirche auch den Großteil der Energie selbst, der zum umfänglichen Betrieb notwendig ist. Bei Unterbrechung der lokalen Versorgung wird das Gebäude zur Eigenfunktion mit Strom (Photovoltaik Kirchendach und Südfassade Turm), Wärme/Kälte (Erdwärmesonden) und Wasser (Grauwasser) versorgt und sichert vor allem durch den reduzierten Ressourcenbedarf eine teilautarke Nutzung. Während der ersten zwei Jahre werden alle Gebäudekenndaten im Monitoring erfasst, um die vorab definierten Ziele und Annahmen abschließend zu bewerten.

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