Fliege sanft und kurvig!

Zum Tod von Dieter Bartetzko (1949-2015)

Es geschieht nicht häufig, dass ein deutscher Architekturkritiker Thema ist für einen Radiosender. Bei Dieter Bartetzko machte der WDR eine Ausnahme und berichtete heute morgen nachrichtlich über den Tod des längjährigen Redakteurs bei der FAZ.

Diese Aufmerksamkeit, die allenfalls noch großen Architekten geschuldet ist – oder großen Bauskandalen – verdankt der am 10. Februar 1949 in Rodalben geborene und am 19. Mai 2015 in Frankfurt am Main gestorbene Allrounder auf höchstem Niveau dem Gewicht seiner Stimme in einer der großen deutschen Tageszeitungen. Immer, wenn irgendwo in der Republik Abrisse anstanden oder die Politik dem Wählervolk blühende Stadtlandschaften versprach, schrieb Bartetzko dagegen an. Nicht lauthals schreiend, nicht süffisant überheblich, eher aus gründlicher Kenntnis der Sachlage heraus und immer auch mit ganz eigenem Blick.

Doch vor allem war Dieter Bartetzko von großer Verbindlichkeit, wenn er etwas zusagte, dann war Verlass auf diese Zusage. Allerdings konnte es auch dauern, ihn am Telefon in der Redaktion zu erreichen, manchmal vergingen Tage, bevor er den Hörer abnahm und sein knappes „Bartetzko“ kaum hörbar in die Muschel sprach.

Verabredete und schließlich eingereichte Texte änderte er immer, hier war er letzte Instanz. Und alles Klagen über den Verlust von kunstvoll gedrechselten Satzungetümen konterte er mit dem Hinweis auf die Notwendigkeit der Verdichtung in der immer schneller sich drehenden Medienwelt. Die Texte gewannen dabei, meistens jedenfalls.

Dass der Kunsthistoriker, Germanist und Soziologe, der 1983 bei Hans-Joachim Kunst mit einer Arbeit zur Theatralik von NS-Architektur promovierte, nebenbei – und eigentlich in der Hauptsache – in der FAZ auch für Archäologie, für Urbanistik und Denkmalschutz, die alten Griechen und Caterina Valente, für Schlagersänger und Diseusen, für Musicals und Kabarett sowie Fernsehstars zuständig war, bescheinigt ihm einer der FAZ-Herausgeber in seinem Nachruf. Und er schreibt auch: „Wer ihn ersetzen wollte, brauchte, noch bevor die ersten Zeilen geschrieben wären und die Grenzen dieses Wunsches erkennbar würden, mindestens vier Redakteure.“ Ja und nein, denn ersetzen lässt sich der auch singende und schauspielernde Dieter Bartetzko natürlich nicht. Und an die vier neuen Redakteure sollte den Herausgeber demnächst der Betriebsrat erinnern.

Fliege sanft und kurvig, lieber Dieter! Be. K.

Thematisch passende Artikel:

2015-07

Dieter Bartetzko (1949-2015) www.faz.de

Am 12. Mai schrieb der Perlentaucher noch, dass Dieter Bartetzko seine FAZ-Reihe über Gebäude der Frankfurter Altstadt mit einem Text über die geplante Rekonstruktion von Frankfurts Stadthaus...

mehr
2015-08

Blick auf die Dinge gelenkt

Den ganzen Peter Behrens (1868–1940) in den Blick zu nehmen sei, so der Herausgeber der Schriftenreihe, in welcher der vorliegende Band erschienen ist, möglich und sogar „überfällig“. Dabei wird...

mehr
2013-01

Materialregister

Ich darf es gestehen: Dieser Band wurde noch nicht in der DBZ besprochen. Ein Fehler. Das Fundstück auf der letzten Buchmesse im Zusammenhang mit einem aktuelleren Buch von Dietmar Rübel (demnächst...

mehr
2014-05

Groß und großartig

Wenn ein Buch über Peter Zumthor, den u. a. Pritzker-Preisträger, gefeierten Star der internationalen Architekturszene und mürrisch eigenwilligen Handwerkermönch aus dem Graubündner Land...

mehr