Vertikale Superlative
Das Hotel Estrel Tower an der Berliner Sonnenallee soll bis Dezember einzugfertig sein. Der 176 m hohe Turm wird das höchste Haus Berlins und das größte Hotel Deutschlands. Der Entwurf stammt aus der Feder des Büros Barkow Leibinger, Berlin, und sieht nicht nur die klassische Hotelnutzung vor, auch Büroetagen und Long-Stay-Apartments sind geplant. Wir haben mit Regine Leibinger und Projektleiter Lukas Weder über die Herausforderungen eines solchen Baus gesprochen.
Ihr habt 2014 den Wettbewerb für die Realisierung gewonnen. Das ist inzwischen eine ganze Weile her. Seitdem ist viel passiert – Pandemie, Materialengpässe und Preissteigerungen. Vermutlich hat sich der Entwurf im Laufe der Zeit verändert. Wie haben Sie in der Planung auf diese Entwicklungen reagiert?
Regine Leibinger (RL): Es ist immer ein Risikofaktor, wenn sich ein Projekt über einen so langen Zeitraum hinzieht, wenn man einen Wettbewerb gewinnt und dann erst viele Jahre später mit der konkreten Planung beginnt. Auch von einer Bauwende hin zu mehr Nachhaltigkeit war ja damals noch nicht die Rede – heute umso mehr. Für uns bedeutet nachhaltige Architektur auch, Gebäude zu entwerfen, die idealerweise 100 Jahre bestehen können und von vornherein auf Nutzungsanpassungen ausgelegt sind. Das große Glück über all die Zeit war unser Bauherr – die Familie Streletzki. Ein privater Auftraggeber mit großem Engagement für Berlin, der trotz aller Widrigkeiten konsequent an dem Projekt festgehalten hat. Gerade weil Hotels durch die Corona-Pandemie wirtschaftlich besonders unter Druck standen, war das keineswegs selbstverständlich. Dafür sind wir bis heute sehr dankbar.
Lukas Weder (LW): Am Entwurf selbst gab es einige Änderungen im Verlauf der Zeit. Formal war von Anfang an entscheidend, dass wir auf das bestehende Estrel-Hotel reagieren. Wir wollten ein städtebauliches Tor zur Stadt schaffen und gleichzeitig die polygonale Form des Bestands aufnehmen. Wir haben das Programm bewusst auf mehrere Baukörper verteilt, weil ein einzelnes Hochhaus städtebaulich oft isoliert wirkt. Ursprünglich gehörten auch ein Bürohochhausgebäude, ein Ballroom am Wasser und ein Restaurantgebäude zum Ensemble. Im Inneren des Turms änderte sich das Raumprogramm: Es gibt heute weniger Hotelzimmer und stattdessen Long-Stay-Apartments. Deshalb haben wir die Geschosshöhen verändert und eine Etage zugunsten größerer Raumhöhen aufgegeben. Auch künftig können die Flächen je nach Bedarf unterschiedlich genutzt werden – als Hotel, Büros, Veranstaltungsbereiche oder für andere Nutzungen.
Ursprünglich waren die Nutzungen stärker getrennt – Hotel auf der einen, Büro auf der anderen Seite. Heute wird das Projekt als ein gemeinsames Hotelensemble präsentiert. Wie gelingt diese Verbindung gestalterisch?
LW: Die Geschosshöhen spielen dabei eine wichtige Rolle. Die grundlegende Konstruktion des Gebäudes bleibt zwar gleich – die Tragstruktur lässt sich schließlich nicht beliebig verändern –, aber innerhalb dieser Struktur haben wir die Nutzungen flexibler organisiert. Die Trennung zwischen Hotel- und Büronutzung ist bewusst nicht besonders strikt. Hotelgäste und Büronutzer verwenden dieselben Aufzüge, betreten das Gebäude jedoch über unterschiedliche Eingänge. Der Bauherr wollte ausdrücklich, dass sich die verschiedenen Nutzergruppen begegnen und das Gebäude gemeinsam nutzen können.
RL: Gleichzeitig entspricht dieses Konzept auch der heutigen Berliner Hochhausentwicklung. Erdgeschoss und Dach sollen öffentlich zugänglich sein und nicht ausschließlich den Gebäudenutzern vorbehalten bleiben. Die unterschiedlichen Nutzungen werden daher weniger baulich als vielmehr durch ein intelligentes Leitsystem voneinander getrennt. Herzstück des Gebäudes ist das große Atrium. Von dort aus werden sämtliche Bereiche erschlossen. Dieses Atrium bildet den zentralen Verteiler des gesamten Ensembles und ist ein außergewöhnlicher Raum: Er umfasst rund 1 000 m2 Grundfläche und ist etwa 22 m hoch.
Das Raumprogramm klingt erstmal recht exklusiv – Skybar, Wellness, Ballroom, … –, wie kann man das höchste Hochhaus Berlins dennoch für eine breitere Öffentlichkeit nutzbar machen?
RL: Das ist genau die Idee hinter dem Atrium, um diesen Ort nicht ausschließlich Hotelgästen vorzubehalten. Vielmehr sollte er von allen Berlinern genutzt werden können, auch aus der direkten Nachbarschaft, und das mit möglichst wenig Schwellenangst. Gerade weil in der Umgebung viele kulturelle Angebote verschwunden sind, sollte hier ein Treffpunkt entstehen. Wenn man durch unsere Städte läuft, erkennt man schnell, wie wichtig funktionierende Erdgeschosszonen für das Leben einer Stadt sind. Der öffentliche Raum, das sind ja nicht nur Straßen und Plätze. Er endet nicht an der Eingangstür, gerade bei einem Hotel nicht, er setzt sich im Gebäude fort. Beim Estrel wurde dieser Gedanke konsequent umgesetzt. Im Atrium befinden sich unter anderem Gastronomie, eine Bäckerei und verschiedene Aufenthaltsbereiche. Jeder kann dort hingehen, unabhängig davon, ob er Hotelgast ist oder nicht. Auch die Dachterrasse mit einem spektakulären Blick auf die Stadt wird öffentlich zugänglich sein.
Volumetrisch bildet der Turm einen starken Kontrast zur kleinteiligen Bebauung der Umgebung. Wie sind Sie mit diesem Spannungsfeld umgegangen?
RL: Uns war bewusst, dass wir an einem sehr heterogenen Ort bauen: Gründerzeit und Industrie, Kleingärten und Großsiedlung, der Kanal, S- und Autobahn, alles trifft hier aufeinander. Unser wichtigster Anknüpfungspunkt war der bestehende Estrel-Komplex, denn Alt und Neu sollen ja als Ensemble funktionieren, wie eine Art Campus inmitten dieses Umfelds. Schon seit einiger Zeit verändert sich das gesamte Quartier stark. Das ehemals überwiegend industriell geprägte Gebiet entwickelt sich Schritt für Schritt zu einem neuen Stadtquartier. Wir verstehen den Turm auch als Begleiter dieser Entwicklung.
LW: Rund um den S-Bahnhof bildet sich spürbar ein dezentrales Zentrum heraus – typisch für Berlins Stadtstruktur. Seit Langem gibt es Überlegungen, Standorte entlang des S-Bahn-Rings durch städtebauliche Hochpunkte zu betonen. Das schafft Orientierung und verleiht den Quartieren Identität. In diesem Sinne setzt der Estrel Tower mit dem Bestandsbau einen klaren städtebaulichen Akzent. Auf dem Weg vom Flughafen BER in die Innenstadt wirken beide wie ein Tor zur Stadt.
Wenn man an Hochhäuser denkt, denkt man häufig zuerst an Städte wie Frankfurt am Main oder New York. Berlin ist bislang eher zurückhaltend mit Hochhäusern. Was macht dieses Hochhaus aus Ihrer Sicht „berlinerisch“?
RL: Als erster echter Wolkenkratzer der Stadt markiert es auf jeden Fall einen neuen Schritt in der Entwicklung Berlins. Berlin war jahrzehntelang von der 22-Meter-Höhenbegrenzung geprägt, einzelne Hochpunkte waren weit über das Stadtgebiet verteilt. Nach der Wiedervereinigung entstanden neue Hochhausvisionen im Zentrum, etwa am Potsdamer Platz oder am Alexanderplatz. Interessanterweise war die Architektur der DDR in dieser Hinsicht teilweise deutlich progressiver. Jetzt gibt es immer mehr Entwicklungen für die erwähnten Cluster entlang des S-Bahn-Rings. Entsprechend sehe ich den Estrel Tower als Zeichen eines neuen Berlins. Das gilt auch für den Bauherrn. Private Unternehmer, die langfristig in Berlin investieren und große Projekte realisieren, gibt es hier vergleichsweise wenige. Insofern steht das Projekt durchaus für einen Neuanfang.
Estrel ist das erfolgreichste Hotel Deutschlands. Worin liegt dieser Erfolg?
LW: Der entscheidende Faktor ist die Kombination aus Hotel, Kongresszentrum und Veranstaltungsflächen. Das Estrel lebt nicht allein vom klassischen Städte-Tourismus, sondern von großen Veranstaltungen. Kongresse oder Unternehmensveranstaltungen bringen mehrere Tausend Menschen gleichzeitig an einen Ort. Dafür verfügt das Haus über die passende Infrastruktur. Die Gäste übernachten in den komfortablen Zimmern, finden vielfältige gastronomische Angebote vor und nehmen an Veranstaltungen teil, die technisch erstklassig ausgestattet sind – und das in unmittelbarer Nähe zum Flughafen. Diese Kombination gibt es in Europa nur selten.
RL: In diesem Sinne steht das Estrel nicht so sehr in Konkurrenz zu klassischen Berliner Hotels. Es bedient einen ganz eigenen Markt. Mit dem neuen Turm wird dieser Standort zusätzlich gestärkt. Er ist nicht unabhängig vom Bestandsgebäude gedacht, sondern erweitert das vorhandene Angebot. Die Familie Streletzki betreibt das gesamte Ensemble weiterhin selbst und entwickelt den Standort kontinuierlich weiter.
Welche Expertisen braucht man, um ein Gebäude dieser Größenordnung überhaupt realisieren zu können?
RL: Architektur ist grundsätzlich Teamarbeit. Ganz gleich, ob wir eine Fabrik, ein Museum oder ein Hochhaus planen – wir arbeiten von Beginn an interdisziplinär. Dazu gehören Haustechnikplaner, Tragwerksplaner, Nachhaltigkeitsexperten, Fassadenplaner und Lichtplaner. Gerade beim Estrel spielte außerdem die Erfahrung des Hotelbetreibers eine entscheidende Rolle. Der Bauherr brachte dabei nicht nur externe Spezialisten mit, sondern auch seine eigene langjährige Erfahrung im Betrieb von Hotels dieser Größenordnung ein.
LW: Es ist ähnlich wie bei Industriegebäuden. Baut man beispielsweise für einen Maschinenhersteller, kennen dessen Mitarbeiter sämtliche Produktionsabläufe und technischen Anforderungen. Dieses Wissen fließt direkt in die Planung ein. Für uns gehört es dazu, solche Expertise anzunehmen und gemeinsam die beste Lösung zu entwickeln. Bei einem solchen Hochhaus darf man die technische Komplexität nicht unterschätzen. Allein die Organisation der vertikalen Erschließung stellt enorme Anforderungen. Am Projekt haben ungefähr 100 Fachplaner mitgearbeitet. Während der Bauphase waren zeitweise rund 400 Bauarbeiter gleichzeitig auf der Baustelle tätig. Dahinter steckt eine hochkomplexe Logistik. Sämtliche Abläufe müssen exakt koordiniert werden. Die Herausforderung besteht darin, all diese Beteiligten zu steuern und gleichzeitig gemeinsam mit dem Bauherrn ein Gebäude zu entwickeln, das sowohl funktional als auch wirtschaftlich überzeugt.
RL: Bei einem so großen Hotel spielen unzählige betriebliche Abläufe eine Rolle. Man muss beispielsweise wissen, wie viele Gäste morgens gleichzeitig frühstücken, wie groß Buffets dimensioniert werden müssen oder welche Wege das Personal zurücklegt. Solche Anforderungen kann man als Architekt allein überhaupt nicht beurteilen. Deshalb war die Zusammenarbeit mit den Hotelfachleuten für uns essenziell.
Gibt es ein gestalterisches Element, das sich durch das gesamte Projekt zieht und so etwas wie ein Erkennungsmerkmal bildet?
RL: Das prägende Motiv ist das Polygon. Es findet sich nicht nur in der Gebäudeform wieder, sondern taucht auch im Innenraum – beispielsweise in den Deckengestaltungen – sowie in der Fassade auf. Für uns war wichtig, dass der Turm in der Stadt eine eigene Identität entwickelt. Gleichzeitig verändert sich sein Erscheinungsbild ständig. Ein entscheidender Unterschied zu vielen anderen Hochhäusern besteht darin, dass das Gebäude nicht einfach gerade nach oben geführt und oben abgeschnitten wird. Durch seine polygonale Form wirkt es aus jeder Blickrichtung anders.
LW: Charakteristisch sind auch die vor der eigentlichen Fassade liegenden Finnen, die zum Sonnenschutz beitragen und dem Turm dieses ständig wechselnde, manchmal fast textil wirkende Erscheinungsbild geben. Es sind stranggepresste Aluminiumhohlprofile, die mit Edelstahlschwertern an den Fassadenelementen befestigt und zwischen 10 und 38 cm tief sind. Sie verlaufen sowohl vor den Fassadenprofilen als auch vor der Verglasung und verschatten diese in Abhängigkeit von ihrer Tiefe und dem Sonnenstand. Das von den Finnen gezeichnete Muster verläuft diagonal über die Hochhausfassade und erzeugt je nach Sonnenstand und Intensität unterschiedliche Ansichten und Verläufe.
Kommen wir zum Thema Nachhaltigkeit. Auf den ersten Blick sieht man eine Glasfassade und eine Stahlbetonkonstruktion. Materialien, die in der Bauphase, aber auch im Betrieb, viele Ressourcen konsumieren. Was macht dieses Gebäude dennoch nachhaltig?
RL: Wer 176 m hoch bauen will, kommt einfach ohne Beton nicht aus. Mit Holz oder gar Lehm ist das – noch? – nicht zu schaffen, aber wir haben ja schon über die Dauerhaftigkeit und Anpassbarkeit der Struktur gesprochen. Ein weiterer Aspekt ist die städtebauliche Nachhaltigkeit. Hätte man dieses Raumprogramm in die Fläche verteilt, wäre wesentlich mehr Boden versiegelt worden. Hochhäuser ermöglichen eine hohe Nutzungsdichte auf vergleichsweise kleiner Grundfläche. Gerade in wachsenden Städten wird dieser Gedanke künftig immer wichtiger werden.
LW: Es gab schon Überlegungen, wie man das Gebäude noch nachhaltiger gestalten kann, also etwa durch die Verwendung von Recyclingbeton, wo es statisch möglich ist, oder durch ein eigenes Blockheizkraftwerk, um die Energieversorgung weitgehend selbst zu übernehmen. Diese Lösungen konnten letztlich nicht umgesetzt werden. Aber es ist viel unternommen worden, um Bau und Betrieb nachhaltig zu gestalten. Das Gebäude ist an das moderne Fernwärmenetz der Fernwärme Neukölln angeschlossen und wird dadurch mit CO₂-neutraler Wärme versorgt. Dazu kommen zahlreiche weitere Maßnahmen wie Photovoltaik – die ausreicht, um damit die Beleuchtung zu betreiben – extensive Dachbegrünungen, wassersparende Armaturen in sämtlichen Hotelzimmern, energieeffiziente Beleuchtung, optimierte Tageslichtnutzung, sorgfältig ausgewählte Materialien wie recycelte Baustoffe und regionale Hölzer. Die Fassade mit ihren Aluminiumfinnen reduziert die Aufheizung der Räume im Sommer und senkt den Kühlbedarf. Der Nachhaltigkeitsanspruch reicht bis in die Gastronomie hinein: Schon der Bestandsbau hat ein Gewächshaus auf dem Dach, in dem Gemüse und Kräuter für die Restaurantküche angebaut werden. Beim Tower geht es noch einen Schritt weiter, hier haben die Betreiber einen eigenen Bauernhof in Brandenburg gekauft, den sie selbst bewirtschaften und von dem aus die nachhaltig produzierten Lebensmittel ohne lange Transportwege frisch auf den Tisch kommen werden. Wir gehen von einer LEED-Platin-Zertifizierung aus.
Viele Menschen verbinden Glasfassaden automatisch mit einem hohen Energieverbrauch. War das für Sie ebenfalls ein Thema?
RL: Ja, selbstverständlich. Gleichzeitig muss man aber auch die Nutzung berücksichtigen. Gerade in einem Hotelhochhaus ist der Ausblick ein wesentlicher Bestandteil der Aufenthaltsqualität. Uns war außerdem wichtig, dass der Turm trotz seiner Größe nicht massiv oder abweisend wirkt. Gerade weil er relativ frei steht, sollte seine Fassade mit der Umgebung kommunizieren. Ein vollständig geschlossener Baukörper hätte an dieser Stelle schnell schwer gewirkt. Ein Gebäude dieser Größe trägt Verantwortung dafür, wie Menschen es wahrnehmen – egal ob sie daran vorbeifahren, vorbeigehen oder es aus der Ferne betrachten.
Wenn Sie heute – nach dieser langen Planungs- und Bauzeit – auf das Projekt zurückblicken: Sind Sie zufrieden?
LW: Ja. Natürlich beschäftigt einen ein solches Projekt über viele Jahre hinweg sehr intensiv. Es gab immer wieder Situationen, in denen wir Entscheidungen hinterfragen oder aufgrund neuer Rahmenbedingungen Anpassungen vornehmen mussten. Im Kern ist der ursprüngliche Entwurf aber in seinen wesentlichen Qualitäten erhalten geblieben, an manchen Stellen sogar noch besser geworden und darauf sind wir stolz. Besonders schön ist außerdem die Resonanz aus der Nachbarschaft und darüber hinaus. Es gibt inzwischen zahlreiche Menschen, die den Turm regelmäßig fotografieren, sei es im Vorbeilaufen, von anderen Hochpunkten in der Innenstadt, aus der S-Bahn oder sogar aus dem Flugzeug heraus, und die Bilder mit uns und über Social Media teilen. Wir erhalten erfreulich viel positives Feedback.
RL: Natürlich polarisiert ein Hochhaus immer. Aber wir haben den Eindruck, dass das Gebäude inzwischen als neuer Orientierungspunkt wahrgenommen wird und beginnt, Teil der Stadt zu werden. Genau das war unser Ziel.
Amina Ghisu/DBZ
