Seniorenwohnen Webersgasse, Nürnberg
Die Diskussionen über Pflege in Deutschland sind gerade höchst politischer Art. Dass wir nun mit einem Wohnungsbauprojekt in Nürnberg eine spannende zusätzliche Perspektive auf das Thema gewinnen können, war selbst dem Bauherrn und den Architekten nicht gleich klar. Am Ende überzeugt aber ein Neubau, der vor der Pflege gedacht und zugleich schon mitten im Thema ist.
Wie denn für die Pflege bauen? Ganz einfach so?! Man plant ein Haus, am besten einen Ort, an dem Menschen gepflegt werden. Meist meint das Gepflegtwerden die Unterstützung von Menschen in ihrer körperlichen oder auch geistigen Eingeschränktheit, also Menschen, die meistens, dem Alter geschuldet, alles nicht mehr so gut können. Das An- oder Ausziehen, die Einnahme der richtigen Medikamente in der richtigen Reihenfolge, ausreichende Körperhygiene, ausreichendes Essen und Trinken und wenn es richtig gut läuft vielleicht auch ein Gespräch, wenn Zeit ist.
Nun sind Orte der Pflege – gerne auch als „Wohlfühloasen“ verkauft – nicht selten mit bestimmten Attributen konnotiert. Wir haben eine funktionale wie zugleich atmosphärisch günstige Raumfolge vor Augen, denken an bestimmte Materialien, an Orientierungshilfen, planen definierte wie informelle (Funktions-)Räume und die Barrierefreiheit sowieso. Dabei reicht das Spektrum der Anforderungen an die Planung von reiner Ansprache (Wie geht es denn heute!?) plus optimaler Weise einem Zuhören bis hin zu medizinischer Intensivbetreuung.
Was aber, wenn Pflege nicht als eigenständiges Planungsressort betrachtet wird, sondern als ein Nebenbei im Allgemeinen (Wohnen)? Der Blick auf die Demografie, die für unser Land eine zunehmende Überalterung feststellt, die mit den geburtenstarken Jahrgängen 1955-1969 demnächst zusätzlichen Schub erhält, zeigt, dass das Altern immer mehr ein anderes Wohnen braucht, ein Wohnen, das im optimalen Fall zuhause stattfindet und nicht zwangsläufig in einer Pflegeeinrichtung, in die viele alten Menschen gleichsam zwangsversetzt werden.
Dass ein gepflegtes Altern zuhause möglich ist, können wir im hier vorgestellten Beispiel, dem Seniorenwohnen Webersgasse in Nürnberg, zeigen: Es wurden (geförderte) Seniorinnen-Wohnungen geplant und realisiert, die auf einem gemeinsamen Fundament gebaut acht Geschosse in den Himmel ragen. 50 Zweizimmerwohnungen für einen oder zwei alte Menschen. Alle gleich groß, alle mit gleichem (auch mal gespiegeltem) Grundriss. Und jede Wohnung ist 49 m² groß, womit sie direkt an der Größengrenze der Förderrichtlinien liegt und damit sowohl für eine als auch zwei Personen förderzulässig ist. Diese Flexibilität in der Belegung ist nicht selbstverständlich, aber die Planer konnten die fördernde Stadt davon überzeugen, dass das gängige Entweder-oder am Ende mehr kostet als ein Sowohl-als auch.
Erfolgreiche Pflege ist vor allem auch gute Gestaltung
Wie kommt man zu einem solchen Projekt? Auf die Frage antwortet Florian Hartmann, Partner bei dreisterneplus, der Bauherr, das ESW, habe sie angerufen. Man sei wegen eines Wettbewerbgewinns in Nürnberg für das Citypoint auf dreisterneplus gestoßen, ein städtebaulich schwieriges Projekt in der inneren Innenstadt. Und weil man mit dem eigenen Projekt nicht so recht vorankäme, nun die Anfrage, ob die Architekten nicht so etwas wie eine Machbarkeitsstudie machen könnten? Für ein komplexes Grundstück, unter dem zwei U-Bahnröhren liegen, wo es viel mit dem Denkmalschutz abzustimmen gäbe und man gefördertes Seniorenwohnen am Friedhof als etwas Machbares verkaufen möchte.
Auf dem zu beplanenden Grundstück zwischen dem parkähnlichen Friedhof und dem 1950er-Jahre Geschosswohnungsbau, einem imposanten Schulbau der vorletzten Jahrhundertwende, neuerer Stadtplanung der 1980er-Jahre und einem Supermarkt, stand ein Pfarrhaus in einem von einer Mauer eingefassten Grundstück eigenartig verloren. Unternutzung war hier das Thema, das ESW wollte stattdessen geförderten Wohnraum für alte Menschen plus eine Tagespflege.
Wie aber an einer solchen Stelle 50 Wohnungen plus Pflege bauen? In einem anhaltenden Dialog mit allen Beteiligten entwickelte das Büro – zusammen mit den Landschaftsarchitekten grabner huber lipp – verschiedenste Baukörper, die unterschiedlichst auf dem Grundstück positioniert waren. Wesentlicher Bezugspunkt waren dabei die teils alten Bäume, die erhalten werden sollten. Und nicht bloß ging es um die richtigen Abstände zu Stamm und Krone, die Landschaftsarchitekten sorgten mit ihrem Blick auf das betroffene Wurzelwerk dafür, dass nach sonografischer Bodenanalyse im Halbmetermaß hin- oder hergerückt wurde.
Das erste Suchen lieferte zunächst nicht das überzeugende Ergebnis. Dann aber, nach zahlreichen Studien und Bezugnahmen auf bestehende Lösungen bei Hans Scharoun und Sep Ruf, war man bei der Typologie des Wohnturms angekommen und beim Windflügelgrundriss; also eher Scharoun als Ruf. Um einen großzügigen Zentralraum, der neben dem Aufzug u. a. von einem Treppenraum erschlossen ist, dessen leichte Trapezform aus den anliegenden Wohnungsgrundrissen glücklich entwickelt wurde, sind die sieben Wohnungen auf jeder Geschossebene so angeordnet, dass sie mehr als nur einen Ausblick bieten. Auf die Stadt, die Straße, aber eben vor allem ins Grün der nahestehenden Baumkronen. Das Wechselhafte der Ausblicke bedeutet im Umkehrschluss, dass der schließlich 25,7 m hohe Wohnturm im anliegenden Stadtraum immer anders erscheint; seine Ansichten wechseln von schmal bis breiter. Die Balkone weiten die Wohnflächen auf und gestalten zusammen mit Rücksprung und Farbigkeit der Fassade das Volumen, das derart geformt seine Massigkeit verliert.
Dass sich der Windflügel als Grundrissstruktur beinahe komplett über alle Ebenen zieht, also auch in dem durch eine Tagespflege genutzten Erdgeschoss, ist einerseits der Statik geschuldet; andererseits ergaben sich so auch im Erdgeschoss Räume, die für die Praxis einer Pflegeeinrichtung ideal erscheinen: Durchlässigkeit und Zentralität mit intimen Behandlungs- und Rückzugsorten, Gemeinschaft für die Kunden wie das Personal und auch hier: vielfältige Bezüge zum Außenraum. Denn dort, wo ab dem 1. OG die Balkonelemente in die Tragstruktur eingehängt sind, finden sich Terrassen als äquivalente Orte im Grün des Gartens, der immer noch in weiten Teilen von einer Mauer gefasst und vom Trubel der Straße abgeschirmt wird.
Exkurs: Herausforderung U-Bahnüberbauung / Kostendruck
Neben den schon genannten Landschaftsarchitekten waren mit Sailer Stepan Tragwerkteam Fachplaner gefordert, die die Überbauung der zwei U-Bahnröhren planerisch zu managen hatten. Hier war besonders herausfordernd, dass die Röhrenkonstruktion nur mit einem gewissen Erddruck stabil bleibt. So musste die Deckschicht auf das zulässige Minimum reduziert werden, um in ausreichender Tiefe überbrücken zu können. „Das war schon sehr anspruchsvoll und nicht günstig“, so der Projektleiter und assoziierte Partner bei dreisterneplus, Mathias Adorf. Hinzu kamen aufwendige Schallentkopplungsarbeiten (Müller-BBM). „Landschafts- und Tragwerksplanung sowie die Bauphysik waren unsere wichtigsten Partner“, so Mathias Adorf weiter.
Kompensiert wurde dieser Aufwand damit, „dass wir mit der Stadt Nürnberg erfolgreich den Verzicht auf sämtliche Bewohnerstellplätze verhandeln konnten. Wir haben jetzt nur zwei Stellplätze für die Mitarbeitenden der Tagespflege und einen Anlieferungsplatz. Keine Stellplätze, obwohl es Wohnen ist!“ (Florian Hartmann)
Dem Kostendruck konnte man zudem positiv antworten, indem die Grundform des Wohnturms eher eine runde als – auch einmal geplant – eine scheibenförmige wurde: „Die am Schluss realisierte Grundform hat eine deutlich geringere Hüllfläche als die Volumen mit demselben Geschossflächeninhalt“, so Florian Hartmann; „obwohl wir jetzt zugunsten der Ausnutzung und Raumqualität ein bisschen Zickzack geworden sind.“
Tagespflege als Sicherheit
Dass im Erdgeschoss eine Tagespflege untergebracht wird, war nicht gleich zu Beginn der Planungen klar. Doch sowohl Bauherr wie Planerteam erkannten schnell, dass dieses Angebot auch den Senioren und Seniorinnen, die oberhalb wohnen „einfach die Sicherheit ist, dass im Erdgeschoss etwas ist, wo man nicht unbedingt das Pflegeangebot wahrnehmen muss, wo man sich aber treffen, mit jemandem über Sorgen und Nöte und klar, die aktuelle Gesundheit, sprechen kann“, so der Architekt Florian Hartmann im Gespräch, und weiter: „Diese Klammer zwischen Wohnen und Service gibt dem Haus eine Struktur, eine innere Spannung, eine Ordnung insgesamt.“
Neben den schon genannten Außenräumen, die das Erdgeschoss mit der Gartenumgebung verzahnen, finden sich innen der große Eingangsbereich, aus dem heraus die oberen Geschosse über die Treppe und den Aufzug angebunden sind. Hier wurde bewusst entschieden, dass das Wohnen oben mit den Räumen der Pflege unten zusammengeführt werden. Die Grundrissstruktur oben erlaubte es unten, dass „wir die unterschiedlichen Nutzungseinheiten sehr schön auffächern konnten, Gruppenräume, Pflege, Wartebereiche, Verwaltung, Personalräume … Die tragende Struktur ist weitgehend durchgestempelt“, so Florian Hartmann.
Im Erdgeschoss gibt es zudem noch eine fünfzigste, durch Anpassung der nichttragenden Innenwände rollstuhlgängige Wohnung und einen Gemeinschaftsraum. Letzterer kann vom ganzen Haus genutzt werden, beispielsweise für das gemeinsame Mittagsessen, Geburtstagsfeiern oder auch von den Tagesgästen der Pflege.
Fazit
Der Fokus beim Projekt Webersgasse liegt klar auf dem Wohnen. Dass wir das Projekt dennoch ausgewählt haben, hat dabei den einfachen Grund, dass die Planung für Altenwohnen dann zur Planung von Altenpflege werden kann, wenn die Räume und die Raumzusammenhänge sozial gedacht werden, wenn sie offen sind für Menschen, die trotz aller Einschränkungen Offenheit als Angebot haben wollen. Der große, subtil differenzierte und tagesbelichtete Zentralraum auf jeder Ebene (leider und wie immer durch Brandschutzauflagen stark in der Möblierung eingeschränkt), eine Treppe, die zum Steigen einlädt (krankenkassenschonendes Cardiotraining!), Wohnungen mit Ecken und Kanten und Sichtachsen, die alles größer erscheinen lassen und Ausblicke auf Stadt und Natur bieten, Flächen, die Wohnzimmerschränke oder Sideboards oder Sitzgruppen oder Massagesessel möglich machen oder nur einen großen Teppich vor dem Balkonaustritt zwischen keramischen Bodenvasen, alles das fügt sich zu einem Ganzen, dass das Pflegende auch verlangt: holistische Architektur. Oder, wie es Florian Hartmann formuliert: „Am Ende, auch noch langen Gesprächen und viel Überzeugungsarbeit auf allen Seiten, hat sich das meiste glücklich gefügt.“ Wie auch die Erkenntnis bei Bauherrn und Architekten aufkeimte, dass vor der (stationären) Pflege die allgemeine Fürsorge steht; hier in Nürnberg ist es das geförderte Wohnen. Dass das schließlich ein ordentlich geplantes und angemessen in den Stadtraum eingefügtes Haus wurde, „das hoffentlich bestmöglich funktioniert“, entspringt dem uneitlen Anspruch von dreisterneplus. „Und auch wenn jetzt jemand sagt, ‚Das sieht ja wie ein saniertes 1950er-Jahre-Haus aus, das da immer schon steht‘, dann ist das wunderbar und wir nehmen das als absolutes Kompliment für unser Haus, das jetzt wie selbstverständlich da steht und seinen Dienst tut“, so Quirin Goßlau, assoziierter Partner bei dreisterneplus.
Wie gut das Haus angenommen, aber auch, welche grundlegenden Dinge gemacht und bedacht wurden, zeigt die Publikation bei Park Books, Zürich/CH, die unter dem Titel VIPERSGAZI der Webersgasse über Texte, Pläne, Skizzen und vor allem Fotografien noch einmal auf den Grund geht, das Haus in seinem bewohnten Zustand porträtiert und den Anspruch an das Ganzheitliche noch einmal signifikant unterstreicht.
Benedikt Kraft/DBZ
Projektdaten
Objekt: Seniorenwohnen Webersgasse
Standort: Webersgasse 21, Nürnberg
Typologie: Punkthaus
Bauherr/Nutzerin: ESW – Evangelisches Siedlungswerk GmbH, Nürnberg
Architektur: dreisterneplus GmbH Architektur + Stadtplanung, München
Team: Florian Hartmann, Andreas Müsseler, Oliver Noak, Lisa Yamaguchi, Mathias Adorf
Bauleitung: ESW Bauplanung GmbH
Bauzeit: 05.2020 – 01.2024
Grundstücksgröße: 1 931 m²
Grundflächenzahl: 0,40
Geschossflächenzahl: 2,18
Nutzfläche gesamt: 2 825 m²
Brutto-Grundfläche: 4 803 m²
Brutto-Rauminhalt: 14 902 m³
Baukosten (nach DIN 276):
Gesamt brutto: 10,7 Mio. Euro
spez. Kosten pro BGF Nutzfläche: 2 232 €/m²
spez. Kosten pro BRI: 719 €/m³
Fachplanung
Tragwerksplanung: Sailer Stepan Tragwerkteam München GmbH, München, www.tragwerk.team
TGA-Planung: Haustechnik Projekt GmbH, Wendelstein,www.htp-nbg.de
Landschaftsarchitektur: grabner huber lipp landschaftsarchitekten und stadtplaner partnerschaft mbb, Freising,www.ghl.land
Brandschutz: Kühnlein & Partner mbB Beratende Ingenieure, Nürnberg, www.brandschutz-plan.de
Bauphysik (Wärme-, Schallschutz): Müller-BBM Building Solutions GmbH
Energie
Primärenergiebedarf: 5,6 kWh/m²a nach EnEV 2016
Endenergiebedarf: 58,4 kWh/m²a nach EnEV 2016
Konzept Gebäudehülle: Das Gebäude ist als Stahlbetonskelettbau mit massiven Wärmedämmziegelausfachungen errichtet, iIn Teilbereichen ist WDVS vorgesehen. Für die Dächer beheizter Gebäudebereiche besteht eine Warmdachkonstruktionen.
U-Werte Gebäudehülle:
Außenwand: U = 0,17 W/(m²K)
Bodenplatte: U = 0,4 W/(m²K)
Dach: U = 0,123 W/(m²K)
Fenster: UW = 0,9 W/(m²K)
Verglasung: Ug = 0,6 W/(m²K)
Energiekonzept Gebäudetechnik:
Heizung und Trinkwarmwasserbereitung
- Wärmeerzeugung: Fernwärme N-ERGIE, Primärenergiefaktor fP = 0,00
- Wärmeübergabe/Regelung: Warmwasserfußbodenheizung, mit elektronischer Regelung, Systemtemperaturen 35/28 °C
Zentrale Trinkwarmwasserbereitung mit Zirkulation
- WW-Bedarf: 12,5 kWh/(m²a) gemäß EnEV
- indirekt beheizter Warmwasserspeicher, Speichervolumen 750 l
Lüftung
Therapiebereich EG4:
dezentrale Zu- und Abluftanlage mit hocheffizienter Wärmerückgewinnung
Sonstige Gebäudebereiche: Abluftanlage mit durchgehendem Betrieb, Anlagenluftwechsel = 0,4 (1/h)
