Sanierung der Kölner Zentralbibliothek

Es ist nicht bloß eine Sanierung. In Köln, sehr zentral, am Josef-Haubrich-Hof, geht es um mehr: Modernisierung, Nutzungsadaption, auch Veränderung in Richtung „zeitgemäß“. Und auch um den „Erhalt großer Teile der Gebäudesubstanz bei gleichzeitiger Optimierung der Gebäudetechnik“. Ressourcen werden geschont und „2,9 Mio. kg CO2-Emissionen vermieden“ (Stadt Köln). Das klingt nach etwas. Wir sind hingefahren.

Es ist vielleicht nicht ganz im Herzen der Stadt, am Gürzenich, der Mikwe oder dem Heumarkt. Dort allerdings hätte man auch nicht derart bauen dürfen, wie man es in der späteren Nachkriegszeit tat, um den Bürgerinnen der Stadt eine zentrale Bibliothek zu geben. 1959 stimmte der Rat der Stadt dem Entwurf für den Bebauungsplan am Josef-Haubrich-Hof zu. Hier, an der südöstlichen Ecke des Neumarkts, sollten auf längere Sicht das Museum Schnütgen, eine VHS, die Kunsthalle und die Zentralbibliothek entstehen. Letztere sollte ein Medienhaus werden, das modernste Technik, Benutzerfreundlichkeit sowie Innenraumästhetik und städtebauliche Aspekte berücksichtigen sollte. Für die Gestaltung innen war der Kölner Kommunikationsdesigner Helmut Schmidt-Rehn verantwortlich, für die Planung des Hauses die Architekten Franz Lammersen und Franz Löwenstein. Lammersen war Stadtbaudirektor in Köln.

Die aus fünf unterschiedlich großen, vier bis sieben Geschosse hohen zu einem Ensemble gefügten Einzelvolumen gliedern den Baukörper derart, dass keine Ansicht der anderen gleicht. Ob man mit Recht von „brutalistischer Architektur“ sprechen kann, sei dahingestellt. Länger schon sind die mit schmuddeligen Waschbetonplatten verkleideten Brüstungen, die ausge­blichenen, rotfarbigen Aluminiumelemente der Fassade/Fenster, der abgenutzte Sonnenschutz außen oder die Enge der Räume innen Argumente gegen das Gebäude, das 1979 eröffnet und nicht unter Denkmalschutz gestellt wurde. Zuletzt sprach sich noch Bürgermeister Ralph Elster (CDU), dem die Ästhetik der Architektur offenbar verschlossen blieb, für Abriss und Neubau aus. Er wollte für „großartigen Inhalt“ auch eine „großartige Architektur“.

Ressourcen schonen, aber nicht die Fassade

Das war vor drei Jahren, da gab es bereits den Beschluss, die ursprünglich einmal geplante Fassadensanierung auf eine Generalsanierung auszuweiten. Der Bibliotheksbau solle im Sinne der Energieeffizienz nicht einfach ertüchtigt werden. Es sind innovative Maßnahmen vorgesehen. Zu sanieren sind 14 500 m² BGF. Nach der Sanierung soll die Stadt Köln, die das Projekt nach EU-weiter Ausschreibung einem Generalunternehmer, der Ed. Züblin AG übergeben hat, eine komplett neue Haustechnik, neue Fassade, neue Dachdeckung und einen zukunftsfähigen Innenausbau erhalten. Die TGA, Medientechnik, Schadstoff­sanierung, der Brandschutz, Tragwerkplanung und Bauphysik beschreiben die Hauptarbeitsfelder. Dies alles auf einer sehr beengten Baustellenfläche – auf der digitale 3D-Gebäudemodelle für alle Planungsdisziplinen theoretisch ein kollisionsarmes Planen und Bauen ermöglichen.

Durch den Erhalt großer Teile der Gebäudesubstanz bei gleichzeitiger Optimierung der Gebäudetechnik werden Ressourcen geschont und es sollen, so die Berechnungen, ca. 2,9 Mio. kg CO₂-Emissionen vermieden werden. Das wird u. a. auch dadurch erreicht, dass eine neue, effiziente Haustechnik mit neuer Photovoltaikanlage und der bestehenden Fernwärmeversorgung den Ener­giebedarf deutlich senken. Die Modernisierung der Gebäudehülle, hier insbesondere die der Fassade, muss als „innvoativ“ (s. o.) in Frage gestellt werden. Anstatt es mit einer vielleicht weniger effektiven Innendämmung zu probieren („zu großes Risiko“, so Markus Greitemann, Beigeordneter für Planen und Bauen der Stadt Köln und Begleiter auf unserer Baustellenbesuchstour) setzen die Sanierer auf klassische Außendämmung, auf die dann aber nicht die gereinigten Waschbetonplatten gehängt werden können (zu viel Gewicht für eine selbstragende Fassade), sondern hell geschlämmte Riemchen.

Inspirierendes Gemeinschaftslabor

„Inhalt und Funktion sollen von Außen sichtbar und verständlich sein. Dieser Absicht kommt am besten ein transparentes Haus entgegen, in das man hineinsehen kann und dessen Lebendigkeit und Vielfalt nach außen wirken. Wie eine Vitrine, ein Schaufenster soll die Zentralbibliothek Neugier wecken und den Wunsch einzutreten.“ Das erhoffte sich der Bibliothekar Horst-Johannes Tümmers anlässlich der Eröffnung des Hauses 1979 – und es überrascht, wie nahe seine Skizze an dem ist, was sich die heutigen Sanierer und Umbauerinnen von ihrer Arbeit erhoffen: „Die zukünftige Zentralbibliothek versteht sich als inspirierendes Gemeinschaftslabor und demokratische Beteiligungsplattform, während sie im Hintergrund als ‚Organisations- und Logistik-Hub‘ für das dezentrale System der Stadtteilbibliotheken fungiert“ (Stadt Köln). Neugier, Aktion, Sehen und Gesehenwerden, eine Bibliothek als lebendiger Stadtraum … heute mit doppelt sovielen Sitzgruppen und informellen Räumen, die mehr leisten sollen, als nur ein Ort für stilles Lesen, das strukturierte Forschen in der Literatur.

Heute möchte man das damals schon beabsichtigte Verweben des Hauses mit seiner Umgebung – offenes Erdgeschoss – auch im Inneren weiterspinnen. Die Blickbeziehungen sollen weiter reichen, die Nutzerinnen sind multikultureller, multidisziplinärer und multisozialer: „Bibliotheken sind Bildungs- und Kulturorte – und längst auch Begegnungs- und Interaktionsräume. Sie sind Orte der Vernetzung, der Ermächtigung, der Aktivität. [...] Ziel der Generalsanierung und der neuen Innenarchitektur ist es, Funktionalität, Ästhetik und Atmosphäre der Zentralbibliothek diesen vielfältigen Rollen zeitgemäß anzupassen“ (Stadt Köln).

Die Innenarchitektur, die deutlich mehr leisten soll, als einfach nur Lese- und Kommunikationslandschaften auf allen Geschossebenen auszurollen, wird von includi, Groningen, (Gestaltung), und MARS Interieurarchitecten, Rotterdam, in Zusammenarbeit mit PELL Architekten, Köln, (beide Ausführung) verantwortet. Ihre dynamischen und den unterschiedlichen Szenarien anpassbaren Raumkonfigurationen sollen die Bibliothek eben zu dem machen, wohin sich große Medienhäuser ohnehin schon seit Jahren entwickeln: zum sozialen Treffpunkt, zum Ruhe- und Aufenthaltsort ohne irgendeinen (Buchkultur-)Zwang.

Dachterrasse mit Blick zum Dom ... wohin auch sonst!

Im Augenblick ist der Komplex, in dem die Arbeiten 2024 mit dem Umzug ins nahegelegene Interim starteten, so gut wie komplett entkernt. Nach Schadstoffsanierung und Betoninstandsetzung hat die TGA übernommen. Einzige größere bauliche Anpassung waren der Umbau der Fahrstuhlschächte und die Verlängerung des zentralen Treppenhauses um ein Geschoss. Das wurde nötig, um einen weiteren Fluchtweg für die obers-ten zwei Geschosse zu bauen, dazu dient auch eine Stahlkonstruktion mit Außentreppe auf dem Dach. Hier, hoch oben über dem Straßenraum, wird dann neben Räumen für die Verwaltung demnächst auch ein öffentliches Café untergebracht sein, das sich zum ebenfalls neuen Dachgarten hin öffnet. Der Blick von hier aus geht – in Köln kaum anders denkbar – auch zum Dom. An- und umliegende Dachflächen werden extensiv begrünt, wodurch das Mikroklima und die Effektivität der Photovoltaikanlage positiv beeinflusst werden sollen.

Kosten sollte die Generalsanierung nach einem ersten Gutachten gut 80 Mio. Euro – eine aktuelle Kostenprognose für das Projekt weist auf 139,8 Mio. Euro brutto (inklusive Ausstattungskosten von 18,8 Mio. Euro brutto). In dieser Gesammtsumme sind rund knapp 9 Mio. Euro Risikozuschlag und rund 24 Mio. Euro GU-Zuschlag enthalten.

Die schließlich sanierte und dann vollständig barrierefreie Zentralbibliothek wird voraussichtlich im ersten Quartal 2028 zur Nutzung übergeben werden. Wiedereinzug und daran anschließende Inbetriebnahme sind für das zweite Quartal 2028 geplant.

140 Mio. Euro ist nicht überraschend, das generalsanierte Gebäude ist schließlich überdurchschnittlich groß. Ob Abriss mit Neubau hier günstiger ausgefallen wäre? Für eine Umwidmung zu Wohnungen oder Büros hätte das Öffnen der Volumen zwecks Belichtung Flächenverlust und aufwendige Eingriffe in die Substanz (Abfangungen) nach sich gezogen. Ob eine thermische Ertüchtigung der Fassade nötig ist, auch angesichts der deutlichen Veränderung der Erscheinung des Hauses, muss deutlich hinterfragt werden. Und das bei solchem Bauen im Bestand unvermeidliche Thema der CO₂-Einsparung? Der weltweite Ausstoß von Kohlendioxid (CO₂) liegt aktuell bei etwa 38 Mrd. t/a. Der Großteil davon stammt aus der Verbrennung fossiler Energieträger wie Kohle, Öl und Gas. In Deutschland liegt der CO₂-Ausstoß bei rund 650 Mio. t/a (ca. 1,7 Prozent des weltweiten Ausstoßes). 2,9 Mio. t einmalige CO₂-Ersparnis in Köln wären dann ca. 0,0004 Prozent vom deutschen Gesamtausstoß/Jahr).

Was können wir mit solchen Zahlen machen? Man müsste sie hochrechnen auf alle Abrisse, die tagtäglich noch geschehen in Deutschland, Abrisse, die von den meisten (kleinen) Kommunen noch als Problemlösung definiert werden, von Mietern meist über Abrissfeiern als Erlösung von einem Übel und von der Abfallwirtschaft als Umsatzbringer definiert sind.

Was neben der CO₂-Ausstoßvermeidung aber vor allem freut, ist der Erhalt einer Architektur, die seit fast einem halben Jahrhundert kulturell prägend ist und mit ihrem Volumen einen Stadtraum gestaltet. Dass die Hülle mit der Neukodierung des Inneren bestens leben kann und also überleben wird, freut zudem.

Ganz zum Schluss noch ein Grund zur Freude: Die Kinderabteilung zieht aus dem Keller hinauf ins Tageslicht. Auch das markiert Fortschritt!

Benedikt Kraft / DBZ

www.stadt-koeln.de, www.zueblin.de

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