Manifeste Aufforderung
Das Buch wurde schon im letzten Jahr aus den Augenwinkel wahrgenommen, nun hat es endgültig Platz gefunden auf der Leseliste: Ein Buch über die Casa Rossa, ein Umbau-, Sanierungs-, Weiterbau- und Neubau-Wohnprojekt, das wir mit „Stein auf Stein“ schon im Projekteteil der DBZ 05|2022 feierten. Die Casa, ich könnte auch schreiben Causa, denn um einen Fall, eine Referenz handelt es sich ja auch, steht in Chemnitz. Damals, vor der Arbeit des Architekturbüros bodensteiner fest, stand das längst unbewohnte Wohnhaus nach jahrzehntelangem Ausgesetztseins kurz vor einem Abbruch.
Die vorliegende, außerhalb des Gewohnten gemachte Publikation mit Schweizer Broschur und Deckelprägung (Ziegelsteinoberfläche), erzählt uns ausführlich von der Rettung des Hauses am Sonnenberg. Sie startet mit der glücklich verlaufenden Suche nach einer Immobilie (niemand anderes wollte mehr zahlen, als die Architekten für „die Ruine“ maximal auszugeben bereit waren), mit erstem Kennenlernen des ruinösen Hauses, dem Gefühl, hier etwas gekauft zu haben, das Potenzial hat, Sicherungsarbeiten, Aufmaß … und einer durchlaufenden Fotostrecke, die uns von maroden Bauteilen u. a. schließlich in ein saniertes Dachloft führt.
Dazu viele Details von Materialien, von Patina, Bauschäden … nichts, das neu wäre oder überrascht, eigentlich der Blick auf das, was Bestand sein kann. Die Architektinnen freuten sich über das Unverbaute des Hauses von 1910, über seine gestalterischen und materiellen Qualitäten (die befürchteten Unmengen Laminatböden und Baumarkttüren waren nicht vorhanden), sie erkennen Charaktereigenschaften und bauliche Spezifika aus der Bauzeit und sind sofort bereit, damit zu planen.
Das Ergebnis, die Casa Rossa am Sonnenberg, überrascht am Ende nicht. Zu selbstverständlich erscheinen die fertigen Bilder, die wir anderswo schon gesehen haben. Raue Schönheit des Ziegelsteins mit Holz oder Beton kontrastiert, einfach geschmiedete Handläufe, Eingangstüren (aus dem Bestand), deren handwerkliche Qualität das Planungsteam wieder erweckte usw. Ergänzt wurde nicht mit Baumarktqualität; selbstentwickelte Fenster und -zargen oder die hybriden Einhangdecken zeugen von einem Anspruch, der auf Professionalität fußt.
Dass die Reise durch die Projektzeit – wesentlich gestützt auf die kohärente und wohl chronologisch geordnete Folge der Baustellenfotografie – Unterbrechungen hat durch kleine Exkurse in die (Stadt-)Viertelgeschichte oder auch zu den Forschungshäusern des „Einfach Bauen“ der TUM (Florian Nagler mit Team), reichert das Thema an und soll ganz offensichtlich den Kreis der Angesprochenen erweitern. Aber noch einmal: Neu ist das alles nicht. Das Bekenntnis zum Bestand als Ressource unserer Zeit leidet ein wenig unter dem Ergebnis. Oder sagen wir es anders: Laminatböden und Baumarkttüren sind die wahren Herausforderer und denen sind die Architekten hier in Chemnitz nicht begegnet. Dazu dann ein zweites Projekt/Buch?! Ich kaufe/lese es! Be. K.
Chr. Bodensteiner, A. Fest, Casa Rossa Chemnitz. Ein Beitrag nachhaltiger Baukultur. Dt./engl. Deutscher Architektur Verlag, Münster 2025, 227 S., zahlr. Farb- u. sw-Abb.
58 €, ISBN 978-3-946154-90-7
