Genial, doch was nur?
Bürgerlichkeit steht eher nicht für das Aufmüpfige, im Gegenteil definiert sich Auflehnung als anti-bürgerlich. Neugierig gemacht durch den Titel der gut 800 Seiten starken Reise durch westeuropäische Kulturgeschichte, die ja definitiv auch Architekturgeschichte ist, war ich dann doch enttäuscht, das Genie nicht gefunden zu haben in der abendländischen Welt. Oder doch, aber diesen oder jenen genialen Künstler kannte ich längst.
In der sehr dichten, nicht immer konsistenten Betrachtung kulturgeschichtlicher Zusammenhänge startet der Autor im frühen Mittelalter und endet in der beinahe Jetztzeit. Der Kunst- und Kulturtheoretiker Beat Wyss schöpft aus dem Vollen (seiner vorangegangenen Publikationen etc.), wobei seine Sammlung von Geschichten, Phänomenen, von Vermutungen und Behauptungen, von auf Quellenlagen (Bilder) ruhender, vergleichender Betrachtung mitunter etwas zusammengestoppelt wirkt, Übergänge von einem ins andere Thema sind nicht selten abrupt und nur mühsam nachvollziehbar. Das Einzelne jedoch ist mit Vergnügen zu lesen, das Eingestreute leicht zu überlesen. Auf alles geschaut bringt die Lektüre vor allem das eine: die Rekapitulation des einmal irgendwie Gewussten.
Doch zurück zum Titel, der beziehungsreich sein soll, vor allem aber Erwartungen weckt. „Das Genie“ behauptet das Einzigartige, das wir im Abendland finden sollen. Die Würdigung des Werts der Arbeit als Fundament der Gesellschaft beispielsweise, Komplizenschaft zwischen Kunst und Herrschaft oder – auch das eine Auszeichnung, der selbstbewusste Künstler, der, stolz auf sein Handwerk, „der Typus des Malochers vor dem Herrn ist.“ Ein Malocher außerhalb des Ruhrgebiets und viele Jahrhunderte früher als gedacht?
Es geht dem Autoren – neben all den Erzählungen, neben all dem Anekdotischen, Analytischen und der Wiederholung des Historischen – um die Behauptung eines Alleinstellungsmerkmals des Abendlands vs. chinesisches Kaiser- und Mogulreich. Warum aber? Mit Blick auf die Kunst, und ihre Produktionsbedingungen (Künstlerproletariat?) auf dieser und jener Seite wird konstatiert, dass in Asien die Pflege der Tradition dominant sei, in (West-)Europa die „Überwältigung durch Überbietung“ gelte. Damit soll offenbar ein Kräfteverhältnis und die besondere Resilienz gesellschaftlicher, demokratischer (?) Strukturen erklärt werden. Ob allerdings die reine Gegenüberstellung westeuropäischer Kunstgeschicke und asiatischer Kunststereotype etwas zum aktuellen Demokratiediskurs beiträgt – wie behauptet wird – ist fraglich, wie überhaupt das aufgesetzte Dichotome mehr irritiert als dass es zu validen Ergebnissen in der Erkenntnissuche führt. Aber wird hier überhaupt gesucht, gibt es eine Absicht, ein erklärtes Ziel, das am Ende der gut 800 Seiten dauernden Lesereise steht?
Das – ich nenne es mal – Undercover-Ziel könnte sein, eine These zu formulieren, mit deren Hilfe es sich gegen das „heitere Karussell namens ‚Global Art‘“ argumentieren ließe. Kunst, so die Konklusion, ruht nicht nur in uns Zwergen, die wir auf den Schultern von Riesen hocken, Kunst ist ein nationallokales Ding, das zwar zarte Wurzelhaare rund um den Globus spinnt, im Eigentlichen sich aber aus (Nord)Italien, Frankreich oder vielleicht noch Deutschland ausgewachsen hat ins Abendländische. Kunst jedenfalls, die die Idee der Republik als eine euorpäische Errungenschaft in sich trägt, deren Werden der Autor in der (bis heute?!) anhaltenden Auseinandersetzung zwischen Macher (Künstler) und Macht (Fürsten) sieht.
„Der Kreuzzüge Gespenst ist wieder da“, so steht es im Epilog, wir haben ein wenig daran teilgehabt. Mit roten Wangen, mit tränendem Auge, einem Lachen und dem Wunsch, diesen Zauberberg noch einmal, aber anders zu lesen! Be. K.
