Es war einmal anders

Gleich zu Beginn der Reise ins Historische ein Statement: Handwerker und Sucher nach einer neuen Einfachheit, Florian Nagler, freut sich, dass die hier angelegte Übersicht einer Geschichte der Tragkonstruktion am Anfang des 20. Jahrhunderts endet. Denn ab da sei es den Ingenieuren wie Architekten nur noch um ein Höher und Noch -Weiter-Gespannt gegangen. Und er endet in dem überraschenden Schlusssatz, dass man mehr als das hier in diesem Buch gezeigte „vielleicht gar nicht wissen“ dürfe!

Und wirklich: Angesichts einer Tendenz, sich auf einfache Robustheit zu konzentrieren und damit  auf die Ergebnisse Jahrhunderte altem, induktiven Bauwissens, erscheint dieser Ansatz zunächst einmal sinnvoll. Aufgeteilt in die Kapitel Mauerwerksbau, Holzbau, Stahlbau und Eisenbetonbau, die sich wiederum untergliedern ­
in Werkstoffe, Fügetechnik, Tragmechanismen, Tragwerkstypen und Gefährdungen sowie sämtlich mit knapper Darstellung beispielhafter Bauwerke, wird diese systematisch nachvollziehbare Gliederung durch Exkurse weitergeführt. Die überraschenderweise nicht ein-, sondern angefügt werden. In diesen schauen die Autorinnen auf das Tragwerk und die Innovation, auf das Thema der Darstellung (Grafik), auf Methoden der Bauaufnahme und schließlich auf Aspekte des Erhalts, der Pflege, Sanierung, Dokumentation etc.

Man könnte nun kapitelweise durchs Thema reisen, vielleicht erscheint der Holzbau näher als der Stahlbau. Dass man dennoch auch sehr gut von Anfang bis Ende lesen könnte, hat der Rezensent am eigenen Lesen erlebt. Das meiste hängt einfach am anderen, das Bauen mit Holz hat den Weg in den Stahlbau gewiesen, Mauerwerks- und Betonbau hängen dazwischen und sind zugleich Konstruktionslogiken in der Tragwerkswelt insgesamt. Die Texte sind so verständlich wie sie fachlich sind; das reiche Abbildungsmaterial – historische und zeitgenössische Fo­-
tografie, Druckgrafiken und Zeichnungen – erlaubt zudem einen einfachen Zugang zu teils komplexen geometrischen Konstruktionen … Krea­tionen?!

Ja, man könnte hier lesen und (erst einmal) aufhören (Florian Nagler). Doch damit wäre Stillstand programmiert. So sollten wir mit dem hier komprimiert dargestellten Kenntnisstand auf die heutige Praxis schauen, die von Mathematik und Ökonomie, von Normen und Ehrgeiz bestimmt ist und sie – mit Rückgriff auf das induktive Wissen – revidieren. Nach der Lektüre jedenfalls können wir einfacher erkennen, welche Abzweigungen wir inzwischen und warum genommen haben und vielleicht gelingt es dann, wieder näher an das heranzurücken, „was wir wirklich zum Leben brauchen“ (Florian Nagler). Mit Literatur-, Personen- und Sachregister. Be. K.

Historische Tragkonstruktionen. Von der Antike bis zur Moderne. Hrsg. v. Jörg Rehm. Birkhäuser, Basel 2025, 304 S., 450 sw-Abb.

68 €, ISBN 978-3-0356-2929-3

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