Ackerakustik und Klinker­stuck

Dorfstraße 32, Marxdorf

Am Dorfrand von Marxdorf in Ostholstein wird ein stark überformtes Bestandsgebäude nicht als Hindernis, sondern als Ausgangspunkt für eine neue räumliche und konstruktive Ordnung verstanden; und damit auch für eine neue Ästhetik. Bernd Schmutz Architekten aus Berlin haben hier ein 100 Jahre altes Katenhaus kernsaniert, energetisch ertüchtigt und zu drei Maisonetten umgebaut. 90 m2 zusätzliche Wohnfläche entstehen, obwohl ein Anbau abgerissen wird. Die historische Gebäudehülle und die tragende Struktur bleiben dabei weitgehend erhalten.

Der Umbau ist durch das detaillierte Auseinandersetzen mit dem Vorgefundenen geprägt. Das Gebäude mit seinen ursprünglich drei erdgeschossigen Wohnungen ist durch zahlreiche Mieterumbauten über die Jahre so verändert worden, dass weder die typologische Klarheit der historischen Wohnungen noch ein zeitgemäßer Wohnstandard vorhanden waren. Statt den Bestand abzubrechen, wie ein Gutachten empfiehlt, entscheiden sich die Architekten für eine Kernsanierung und die Optimierung der Außenhaut nach Effizienzhaus-Maßstäben.

„Abriss ist für mich immer die allerletzte aller Möglichkeiten“, sagt Bernd Schmutz. „Wir können ja nicht nur dort umbauen, wo es bequem ist.“ Gerade die unbequemen Projekte seien für ihn interessant, weil man dort situativ vorgehen müsse. Und so werden das dorfprägende Sichtmauerwerk, die Tragstruktur und zahlreiche vorgefundene Bauteile nicht pauschal als zu ersetzende Altlasten betrachtet. Vielmehr wird geprüft, was erhalten, ergänzt, repariert oder neu geordnet werden kann.

Vom Katenhaus zum Wohnhof

Ursprünglich handelte es sich um ein eingeschossiges Katenhaus, das um 1900 errichtet wurde und Landarbeitern der umliegenden Höfe als Wohnraum diente. Die Wohnungen waren klein, das nicht ausgebaute Obergeschoss wurde zum Räuchern und Lagern genutzt. Auch die damalige Beziehung zum Außenraum entsprach einer anderen Lebensweise: Man setzte sich nicht auf eine Terrasse, sondern ging um das Haus herum in den Selbstversorgergarten.

Mehrere Umbauphasen hatten die ursprüngliche Typologie stark deformiert. Aus den einst klar erkennbaren Wohneinheiten war ein Grundriss entstanden, in dem insbesondere Flure und Durchgangsräume einen erheblichen Teil der Erdgeschossflächen belegten. Die Antwort der Architekten darauf lautet: nicht nur eine Rückkehr zum ursprünglichen, durch die Mittelwand gegliederten Katengrundriss, sondern dessen Weiterentwicklung mit einer verdichteten und einer offenen Haushälfte, die durch Schnitt und Materialwahl zusätzlich gestärkt werden. Untergeordnete Wände werden entfernt, die südseitigen Wohnräume dadurch vergrößert und das Gebäude in drei Maisonetten neu organisiert. Durch den Dachgeschoss­ausbau entstehen 90 m² zusätzliche Wohnfläche.

Ergänzt wird das Wohngebäude durch einen schlanken Holzbau, der Stellplätze für Autos, Räder und Gartengeräte bietet. Zusammen mit dem Bestandsgebäude bildet diese Remise einen klar gefassten Hof am Übergang zur umgebenden Landschaft. Die südseitige, weiß getünchte und überdachte Veranda erstreckt sich über die gesamte Länge des Gebäudes. Sie erschließt einen Gemeinschaftsgarten mit Streuobstwiese.

Klar gegliederte Unterteilung

Eine wesentliche räumliche Qualität entsteht aus der Trennung von Wohnen und dienenden Funktionen. Auf der Südseite liegen die großen, schmalen Wohnräume. Die Nordhälfte nimmt Erschließung, Treppe, Bäder, Küchen und Abstellräume auf. Dafür werden ineinander verzahnte Holzleichtbauwände zwischen die vorhandenen Tür- und Fensteröffnungen eingepasst. Die Räume sind halboffen miteinander verbunden.

Auch im Querschnitt wird die vorhandene Geometrie genutzt. Die Wendeltreppe wird platzsparend unter der Dachschräge eingepasst. Die Schlafräume im Obergeschoss reichen auf der Südseite bis unters Dach. Über den Bädern bleibt der Dachspitz als Dachboden oder als Hochbett für Kinder nutzbar. Die bodentiefen Fenster auf der Südseite führen unmittelbar auf die überdachte Veranda. Deren schlanke Holzsparrenprofile lassen viel Licht in die Räume und übernehmen zugleich die Funktion eines passiven Sonnenschutzes.

Tragwerk für neue Grundrisse

Die Neuordnung des Grundrisses erfordert erhebliche Eingriffe in die bestehende Tragstruktur. Wo die ursprüngliche Katenwohnung aus vier kleinen Zimmern mit jeweils etwa 11 m² bestand, entstehen nun großzügige, langgestreckte Wohnräume.

Damit wird die Statik zu einem zentralen Bestandteil des Entwurfs. Insbesondere der Umbau des ehemaligen Räucher­geschosses stellt Anforderungen an den Dachstuhl. Um den Dachraum als Wohnfläche nutzbar zu machen, müssen Lasten neu verteilt werden. Die Ertüchtigung erfolgt im Obergeschoss mit Stahlwinkeln. Die Böcke des Holztragwerks werden auf die Außenwände umgelegt. Die schlanken Räume mit einer Spannweite von lediglich 3,5 m erleichtern dabei diese Lösung.

Beim Freilegen des Bestands treten konstruktive Überraschungen zutage. Für die ehemaligen Räucherkammern sind Betonplatten in den Dachstuhl eingegossen worden, diese müssen nun entfernt werden. Auch die Treppen werden neu angeordnet. Im Inneren wird damit intensiv eingegriffen, aber „so viel wie nötig und nicht mehr als notwendig“.

Innendämmung und Sichtmauerwerk

Eine Herausforderung besteht darin, die energetische Ertüchtigung mit dem Erhalt des dorfprägenden Sichtmauerwerks zu verbinden. Die Außenhaut soll nicht hinter einer Außendämmung verschwinden. Teilweise müssen die Ziegel sogar erst wieder freigelegt werden, weil sie durch ein Verblendmauerwerk aus den 1980er-Jahren verdeckt wurden.

„Das Sichtmauerwerk wollten wir unbedingt erhalten“, betont Schmutz. Die energetische Optimierung wird deshalb auf der Innenseite umgesetzt. Im Erdgeschoss kommt dafür eine knapp 10 cm starke Hanfkalkdämmung zum Einsatz. Im Obergeschoss stehen etwa 20 cm für eine Holzfaserdämmung zur Verfügung; zusätzlich wird der verbleibende Raum mit Einblasdämmung ausgeflockt. Grund für die größere Stärke hier ist unter anderem, dass die Außenwand im Obergeschoss um zwei Ziegel dünner wird.

Insgesamt bleibt die Konstruktion diffusionsoffen. Auf der Innenseite werden Kalkputz und mineralische Farben eingesetzt. Auch die Fensterlaibungen werden gedämmt, um an die neuen Fenster anzuschließen. Verwendet werden dreifachverglaste Fenster mit einem Rahmen aus Fichte auf der Innenseite und Accoyaholz auf der Außenseite.

Die Wärmeversorgung erfolgt über eine Luft-Wasser-Wärmepumpe, die die Fußbodenheizung in allen Räumen speist. Ergänzend stehen in den Wohnungen 6-kW-Scheitholz-Kamin­öfen zur Verfügung, über die die Häuser zusätzlich temperiert werden können. Die energetische Qualität wird dabei nicht allein über eine möglichst dicke Dämmschicht definiert. Entscheidend ist das Zusammenspiel: „Wir haben durch diese Kombi von knapp 10 cm Hanf- und Holzfaserdämmung, Wärmepumpe, Fußbodenheizung, Dreifachverglasung und dem Kaminofen sehr niedrige Heizkosten“, sagt Schmutz. Nach zwei Wintern als Testphase ist der Architekt mit dem Ergebnis mehr als zufrieden.

„Ackerakustik“ im Obergeschoss

Besonders anschaulich zeigt sich die Haltung zum Bestand bei der Holzbalkendecke zwischen Erd- und Obergeschoss. In die Konstruktion ist Erde eingebracht worden, die als akus­tische Dämmung dient, indem Masse und Gewicht die Schwingungen der Holzdecke reduzieren. Statt diese Füllung zu ersetzen, wird sie erhalten und mit getrocknetem, gesiebtem Erdreich vom angrenzenden Acker ergänzt. „Die gesamte Obergeschossdecke ist also mit ‚Ackerakustik‘ gedämmt“, sagt Schmutz.

Auch die Feldsteine des Endmoränenackers finden Verwendung. Bereits die Außenwände des Bestands stehen auf Feldsteinfundamenten, wo nötig werden diese ergänzt. Bei den Fundamenten der Stahlstützen für die Terrasse kommen sie ebenfalls zum Einsatz. Dafür musste zunächst ein Statiker gefunden werden, der diese „arbeitende“ Konstruktion berechnen kann.

Rezyklieren während des Bauens

Die Kreislaufstrategie beginnt bereits vor dem eigentlichen Bauprozess. Verwertbare Bauteile des Vorgängerbaus werden verkauft oder verschenkt. Auf dem Dachboden finden die Architekten historische Füllungstüren, die sie aufwändig saniert wieder im Gebäude einsetzen. „Handwerker zu finden, die diese Ambitionen am Umbau mitmachen, das war auf dem Land sehr schwierig“, berichtet Schmutz.

Auch andere Schichten der vergangenen Umbauten werden entfernt. Kunststofftapeten, Laminat und weitere Materialien werden aus dem Gebäude herausgenommen. Vorhandene Dämmungen hingegen können teilweise übernommen werden. Die Abdichtungsfolien werden neu und korrekt angeordnet, und unter der Dachfläche wird eine zusätzliche Holzfaserdämmung eingebaut.

Ein weiteres Beispiel für die Weiterverwendung von Materialien sind Reste der Terrakotta-Fliesen aus dem Innenausbau. Sie werden für die Außenfassaden eingesetzt und schließen dort Lücken, die durch den Abbruch der ursprünglichen Verblendung entstehen. Dazu werden die Fliesen an den Ecken abgeschlagen und ornamental zum Reparieren angeordnet. Zusammen mit Resten des Bestandsklinkers entsteht so eine Art Klinkerstuck aus dünnen Platten und dickeren Ziegeln. Die Spuren des Umbaus werden dadurch ablesbar und umgedeutet.

Situativ statt schematisch

Der Erhalt der bestehenden Außenhaut hat aber nicht nur gestalterische Gründe, auch die Baukosten sollen reduziert werden. Dach und tragende Wände können eingebunden werden; die energetische Ertüchtigung erfolgt gezielt und mit abgestimmten Dämmstärken. „Mir war wichtig, dass wir außen wie innen all diese Themen des ökologischen wie ökonomischen Bauens auch gestalterisch umsetzen und dass man das immer verknüpft denkt“, so Schmutz.

Auch die Wiederherstellung der Giebel gehört zu diesem gestalterischen Weiterbauen. Nach den zahlreichen Umbauphasen war der Ausdruck des Hauses verloren gegangen. Die Giebel sollen deshalb wiederhergestellt und die Adressbildung des Hauses dadurch gestärkt werden.

Für Schmutz liegt die zentrale Erkenntnis des Projekts nicht in einem einzelnen Bauteil oder einer bestimmten Materialwahl. Übertragbar sei vielmehr die Haltung, sich auf den jeweiligen Bestand einzulassen. „Unsere Haltung ist es, mit jedem Projekt maximal situativ umzugehen“, sagt er. Das setzt eine intensive Bestandsanalyse voraus. Der Bestand müsse daraufhin „abgeklopft“ werden, was er leisten könne und was nicht. Erst daraus lasse sich ableiten, welche Bauteile erhalten, welche ertüchtigt und welche entfernt werden müssen. Diese Vorgehensweise sei allerdings zeitintensiv und verlange viel Abwägung.

Als hilfreich erweist sich die Zusammenarbeit mit einer Energieberaterin, die die einzelnen Bauteile fortlaufend bewertet und die Auswirkungen von Änderungen neu berechnet. So kann die energetische Planung an die Förderkriterien für KfW Denkmal angepasst werden. Für Schmutz gehört dieses Nachjustieren zum Wesen des Weiterbauens. „Einige Entscheidungen sind erst auf der Baustelle gefallen“, sagt er.

Ein Wohnhof als Weiterbau

So wird aus einem stark überformten Wohnhaus ein Um- und Weiterbau, dessen Wert sich nicht allein an seiner Substanz bemisst. Er liegt auch in den Möglichkeiten, die sich ergeben, wenn Tragwerk, Material, Grundriss und Ort gemeinsam betrachtet werden. Dass dieser Ansatz auch architektonisch gewürdigt wird, zeigt die Nominierung des Projekts für die ­Shortlist des Erich-Mendelsohn-Preises 2026 für Back­stein-Architektur. ⇥Heide Teschner/DBZ

Dorfstraße 32 macht aus einem unscheinbaren ­
Bestand drei Wohnungen mit überraschend feinsinnigen, detailreichen Räumen. Zwischen Maisonette und Reihenhaus findet Bernd Schmutz eine eigenständige Antwort auf das Wohnen auf dem Land, die sich auch in der natürlichen Materialwahl und -verwendung wiederfindet.«
DBZ-Heftpartner Meier Unger Architekten, Leipzig

Projektdaten

Objekt: D32, Wohngebäude als Reihenhaus mit drei Maisonetten

Standort: 23730 Marxdorf

Bauherr: privat

Nutzer: Mietwohnungen

Architektur/Bauleitung: Bernd Schmutz Architekten, www.berndschmutz.com

Team: Luisa Behrendt, Marta Kazimierczak, Lukas Keller, Jonas Krause, Sara Madej, Simon Semerak, Leon Schade, Tamim Arab, Patricia Madrid, Paul Stockhausen, Freddy Vetter

Bauzeit: 05.2023 - 10.2024

Grundstücksgröße: ca. 800 m²

Nutzfläche gesamt: 248m²

Nutzfläche: 245 m²

Technikfläche: 3 m²

Brutto-Grundfläche: 340 m²

Brutto-Rauminhalt: 1 045 m³

Baukosten (nach DIN 276): gesamt brutto: 785 000 €

Fachplanung

Tragwerksplanung: Baubüro Kröger, www.bau-consult.org

TGA-Planung: Mangels Mau, www.mangels-mau.de

Lichtplanung/ Innenarchitektur/ Landschaftsarchitektur: Bernd Schmutz Architekten

Energieplanung/ Energieberatung: Energieberatung NordOst, www.energieberatung-nordost.de

Fachfirmen

Fenster: Bautischlerei Seltz

Maurerarbeiten: Bernd Leinert, Lübeck

Fliesen Boden/Fassade: Priebe Fliesenverlegung

Energie

Energiestandard: KfW Effizienzhaus Denkmal

Primärenergiebedarf: 74 kWh/m2a

Endenergiebedarf: 41 kWh/m2a

U-Werte Gebäudehülle:

Außenwand: U = 0,53 + 0,19 W/(m²K)

Bodenplatte: U = 0,49 W/(m²K)

Dach: U = 0,20 W/(m²K)

Fenster: Uw =0,70W/(m²K)

Luftwechselrate: n₅₀= 1,5 [1/h]

Herstellerfirmen

Bodenbeläge/Fassade: Agrob Buchtal, Naturkeramik

Heizung: Wärmepumpe Pollmann

Sanitär: Laufen

Innendämmung: Hanf: von Hanf, Holzfaser: Steico

Schalter: Jung

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