Wohnraum finden

Daniel Fuhrhop hatte sich mit seiner Publikation „Verbietet das Bauen!“ aus dem Jahr 2015 nicht nur Freunde gemacht, zu radikal erschienen die Thesen seiner „Streitschrift“ genannten Publikation, zu sehr auch an der Praxis vorbei. Denn wie soll das gehen, ohne Bauen eine Gesellschaft am Leben erhalten, die ganz essentiell vom Bauen lebt? Nun ist eine zweite, überarbeitete Fassung der Streitschrift erschienen, nicht milder, vielleicht etwas mehr in der Praxis angekommen. Denn: Daniel Fuhrhop hatte sich um ein politisches Amt bemüht und da war klar, dass Realpolitik mit Polemik nicht zusammengehen. Was geblieben ist und wie man trotz alledem über Jahre erarbeiteten Standpunkten treu bleiben kann, zeigt der nachfolgende Text.

400 000 Wohnungen will die Ampelkoalition im Jahr bauen – aber vielleicht ist ein Teil davon bereits vorhanden, versteckt in ungenutzten Altbauten? Um deren Potentiale zu heben, muss man Neubau nicht gleich verbieten, wie ich früher in einem Buchtitel formulierte. Nach einem Ausflug in die Politik sage ich nun positiver: Wenn wir Wohnwünsche in Altbauten erfüllen, schaffen wir klimagerecht Wohnraum. Das schont Fläche, verhindert Überschwemmungen und kostet weniger.

„Unser Ziel ist der Bau von 400 000 neuen Wohnungen pro Jahr“, schreibt die Ampelkoalition in ihrem Vertrag – und versichert gleichzeitig: „Wir werden […] unsere Klima-, Energie- und Wirtschaftspolitik auf den 1,5-Grad-Pfad ausrichten“; dabei müsse Bauen und Wohnen einen Beitrag leisten. Diese Ziele widersprechen sich drastisch, denn der Neubau von 400 000 Wohnungen verursacht etwa 25 Mio. Tonnen  CO2 durch die Herstellung der Baustoffe wie Zement; je nach Bauweise könnte es sogar doppelt soviel sein. Wie schwer das wiegt, zeigt der Vergleich mit den Emissionen sämtlicher bestehender Wohngebäude, deren Betrieb (vor allem für das Heizen) im Jahr etwa 90 Mio. Tonnen CO2 verursacht. Um jede einzelne Million wird hier durch Sanierung der Altbauten gerungen, gleichzeitig will die Ampelkoalition nun soviel mehr Wohnungsbau, dass allein diese Steigerung 8 Mio. Tonnen mehr Treibhausgase pro Jahr bedeutet!

Aber vielleicht haben die Koalitionäre nur unsauber formuliert und meinen gar nicht, dass 400 000 Wohnungen gebaut werden, sondern dass sie fertiggestellt werden sollen: In den letzten Jahren wurden in Deutschland jeweils etwa 300 000 Wohnungen fertiggestellt, aber davon wurden nur 270 000 neu gebaut und es entstanden 30 000 klimaschonend in Altbauten, etwa indem Dachgeschosse ausgebaut wurden.

Noch viel mehr Wohnraum versteckt sich in ungenutzten Altbauten, wir müssen ihn nur finden und können ihn dann klimagerecht neu nutzen. Bevor wir dazu kommen, folgt ein kurzer Blick darauf, warum wir so wenig wie möglich neu bauen sollten.

Bauen verbieten?

Der Autor dieser Zeilen schrieb 2015 das Buch „Verbietet das Bauen!“ Der polemische Titel sollte den Blick auf die Schäden lenken, die das Bauen verursacht: Es versiegelt Fläche und trägt dadurch zu Überschwemmungen bei wie im vorigen Sommer im Ahrtal. Bauen zersiedelt die Landschaft, erzeugt dadurch längere Wege und mehr Verkehr, wobei es die Lebensräume von Pflanzen und Tieren zerschneidet. Der Abbau von Baustoffen wie Kies und Sand schadet der Umwelt, während beim Abriss Unmengen an Bauschutt entstehen. Das alles wird noch gesteigert – wie in der Neuauflage 2020 geschildert – durch die Klimaschäden des Bauens und die Folgen des Klimawandels. Zugleich explodieren trotz massiven Neubaus die Preise, doch in den neuen Häusern wohnt oft niemand – da wohnt nur das Geld und vertreibt die Menschen, das ist die sogenannte Investification. Nicht zuletzt verunstalten manche öden neuen Wohnbauten das Stadtbild.

Trotzdem: Wir brauchen dringend Wohnraum, vor allem in den Großstädten! Deswegen spreche ich heute seltener polemisch vom Bauverbot, zumal ich 2021 als Oberbürgermeister von Oldenburg kandidierte. Hierfür habe ich die Polemik in praktische Politik übersetzt und sage: Lasst uns den Wohnraum, den wir brauchen, nur so viel wie nötig in Neubauten schaffen, und so viel wie möglich in Altbauten.

Besser bauen

Wenn wir neu bauen, dann bitte klimaschonend, und das zeigt sich am Womit, Wieviel und Was des Bauens. Womit wir zukünftig neu bauen: Bes-tenfalls mit Holz, das speichert CO2. Oder wir nutzen alte Bauteile in einer Kreislaufwirtschaft. Im Extremfall bauen wir mit Müll; oder ersetzen Stahl durch Bambus und Beton durch Pilze.

Wieviel bauen wir? Manchmal reicht es, ein bisschen neu zu bauen, durch einen Anbau oder durch Aufstocken auf ein niedriges Wohnhaus, einen Supermarkt oder ein Parkhaus. Das schont Fläche und erlaubt, Baulücken zu füllen und nachzuverdichten. Allerdings raubt Verdichtung kühlende Freiflächen, die wir zukünftig noch dringender benötigen.

Was wir in Zukunft bauen: lebendige Stadtviertel für Arbeiten und Wohnen, um Wege zu verkürzen und Verkehr zu vermeiden. Obendrein sollte Bauen sozialen Wohnraum schaffen, und zwar nicht nur für zwanzig Jahre, wie so oft bei gefördertem Wohnbau: Dauerhaft bezahlbares Wohnen ermöglichen kommunale Wohnungsgesellschaften, Genossenschaften oder andere am Gemeinwohl orientierte Träger wie die Stiftung Trias und das Mietshäuser Syndikat.

All diese Beispiele besseren Bauens verursachen dennoch Treibhausgase und verbrauchen Fläche. Noch besser ist darum: Wohnraum ohne Bauen schaffen.

Nichtbauen

Es gibt bereits Fläche, die man nur nutzen muss: Offensichtlich wird das beim Leerstand von Wohnraum. Den verfolgen manche Kommunen als Zweckentfremdung, ahnden das mithilfe einer Satzung mit Bußgeld oder setzen Wohnungen selbst instand und geben sie vermietet den ­EigentümerInnen zurück. Auch leerstehender Gewerberaum lässt sich in Wohnraum umnutzen, selbst wenn so ein Umbau aufwendig ist und keine niedrigen Mieten ermöglicht.

Schwer zu entdecken sind ungenutzte Wohnräume: Wenn die Kinder ausziehen, hinterlassen sie leere Zimmer, und manche ältere Menschen bleiben allein im Haus und nutzen mehrere Zimmer nicht. Diesen Wohnraum kann man finden und nutzbar machen. Das funktioniert über soziale Programme, die EigentümerInnen helfen, ihr Haus anders zu nutzen. Quasi als Nebeneffekt wird Wohnraum für andere frei.

Menschen verbinden

Ein Beratungsprogramm für Einfamilienhäuser kann EigentümerInnen nach der Formel 3U&VW helfen: Umbau mit dem Teilen einer Wohnung. Umzug in eine kleinere Wohnung. Untermieter vermitteln, etwa nach dem Modell „Wohnen für Hilfe“, bei dem jüngere Leute zu älteren ziehen und im Garten oder im Haushalt helfen. Unterstützung bei der Vermietung als soziale Wohnraumvermittlung. Schließlich gemeinschaftliches Wohnen ermöglichen; allerdings fördern Wohnprojekte zwar das Zusammenleben, aber sparen nicht automatisch Fläche.

All diese Bausteine sozialen Wohnens im Altbau werden bereits erfolgreich umgesetzt, bislang aber nur in einzelnen Projekten. Die besten Beispiele gilt es zu kombinieren und daraus eine andere Wohnungspolitik zu bauen. Darin besteht die Aufgabe eines neuen Ministeriums für Bauen und Wohnen: Soziale Programme für ältere Menschen und vor allem EigentümerInnen entwickeln, die auf den demographischen Wandel reagieren und zugleich Wohnraum finden lassen, der klimagerecht entsteht. Das bedeutet einen Paradigmenwechsel weg von der alten Politik, möglichst viel neu zu bauen, hin zum neuen Ziel, möglichst viel Wohnraum zu schaffen, indem wir Wohnwünsche in Altbauten erfüllen.

Auf diese Weise Wohnen sozialer machen bedeutet auch, etwas gegen die Spaltung der Gesellschaft zu tun: Wenn in den Häusern wieder mehr Menschen wohnen, entstehen Nähe und Nachbarschaft. Wo sich Menschen begegnen, kommen sie ins Gespräch. Wohnraum finden heißt Menschen verbinden.

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