Wie vom Himmel gefallen, Kinder aufs Dach
Ein Gespräch mit Prof. Susanne Gross,
ksg architekten und stadtplaner, Köln

www.ksg-architekten.de

Am 2. Dezember 2012 wurde mitten in Ulm die neue Synagoge eingeweiht. Die nicht alltägliche Bauaufgabe im Ensemble mit dem Stadthaus von Richard Meier, den Neubauten von Stephan Braunfels und Wolfram Wöhr sowie der Stadtbibliothek von Gottfried Böhm im historischen Kern rund ums Münster verlangte nach präziser Setzung und Volumenbildung. Wir trafen uns mit der Projektarchitektin und Partnerin bei kister scheithauer gross architekten und stadtplaner, Prof. Susanne Gross, in Köln. Und erfuhren unter anderem, wie in Ulm miteinander konkurrierende kultische und städtebauliche Anforderungen unter einen Hut gebracht wurden.

Sind Sie, aus der Rückschau, mit allem zufrieden?

Susanne Gross: Ja, das sind wir. Das Besondere beziehungsweise die besondere Erfahrung in Ulm war, dass wir nicht den ganzen Raum kontrollieren konnten. So haben zum Beispiel bei der Einrichtung des Sakralraumes außer uns auch die jüdische Gemeinde und die israelischen Handwerker mitgewirkt. Vielleicht hätten wir, bei freier Hand, nicht alles genau so gemacht. Das ist sicherlich auch ablesbar. Die äußere Schale kommt von uns Architekten, die innere Ausgestaltung entstand in der Zusammenarbeit zwischen ksg und der Gemeinde. Dennoch sind wir mit dem Zusammenspiel von innen und außen zufrieden.

Inwieweit haben Sie beim Innenleben Vorschläge machen können?

Wir konnten sehr viele Vorschläge machen, eigentlich ist das Meiste von uns, aber in enger Abstimmung mit der Gemeinde entstanden. Bestimmte Motive, wie der Thoraschrein mit seiner Flamme, kamen allerdings nicht von uns, das Motiv brachte die Gemeinde ein.

Was ist das Wesen Ihres Entwurfes, was macht ihn im Kern aus?

Ich denke, dass wir hier etwas gemacht haben, was bei Synagogen nicht üblich ist: und zwar alle Funktionen unter einem Dach zusammen zu fassen. In der Regel sind die jüdischen Bauten stärker differenziert. So soll sich auf der einen Seite der sakrale Bereich ablesen lassen, auf der anderen Seite aber auch die säkularen Einrichtungen. Bei der Ulmer Synagoge ist alles in einem Quader vereint.

Mit Blick auf die in den letzten Jahren fertiggestellten Synagogenneubauten scheint sich der Quader als Grundform durchgesetzt zu haben. Sehen Sie das auch so?

Das ist eine wichtige Frage, die ich aber nicht ganz beantworten kann, weil mir hier vielleicht die Distanz fehlt. Beantworten könnte das sicherlich jemand, der kein Architekt ist. Ich dachte im Vorfeld nicht an die Entwürfe der Kollegen in Dresden oder München, das waren für mich keine Vorbilder. Ich bezog mich im Entwurfsprozess auf die historische Situation, auf die ehemalige Synagoge in Ulm.

Auf der Website des Büros ist zu lesen, dass der Neubau sich schlüssig in den historischen Kontext einfügt, gleichzeitig habe er auch einen besonderen, exponierten Auftritt. Ist das nicht widersprüchlich?

Ich denke, der Neubau ist etwas ganz Besonderes, so wie er sich exponiert, so wie er da steht. Ich habe da immer dieses Bild „wie vom Himmel gefallen“ im Kopf. Der Bau steht da ohne Saum – es gibt keine Überleitung mit Mauern, Wegen oder Treppen. Die Synagoge soll, mit Bezug auf die gewalttätige Geschichte der Pogromnacht, auch heute noch distanziert im Stadtraum stehen. Jetzt, wo wir um den Bau herum gehen können, ihn anschauen, anfassen können, würde ich nicht mehr behaupten wollen, dass der Platzraum sich nicht verändert hätte. Er hat sich verändert.

Die Ausrichtung des Quaders ist eine ganz besondere?

Das stimmt. Eigentlich hätte der Bau exakt nach Jerusalem ausgerichtet sein müssen, ist er aber nicht. Die Synagoge gehorcht den städtebaulichen Erfordernissen vor Ort. Da die Gebetsrichtung aber nach Jerusalem weisen muss, entstand so dieses besondere Eckfens-ter. Hier möchte ich gerne auf meinen jüdischen Freund, Alfred
Jacoby, verweisen, der die Synagoge Beith-Schalom in Speyer realisiert hat. Er durfte auf dem Grundriss einer nicht mehr genutzten Kirche eine Synagoge bauen. Über die Ostung des Kirchenschiffs drehte er die Synagoge nach Südosten, genau in Richtung Jerusalem. Und diese Drehung bringt genau das Thema rüber, dass es viele Schichtungen in der Stadt gibt, die Verdrehungen zulassen, sie auch mal einfordern. Ich möchte das Ganze als ein Palimpsest beschreiben, in welchem nicht bloß historische, sondern eben auch physikalische Schichtungen offenbar werden können.

Auf den Fotos sieht man keine Sicherheitsvorrichtungen. Ist das nicht ungewöhnlich für eine jüdische Einrichtung in Deutschland?

Es gibt natürlich Sicherheitsvorrichtungen, aber die sind nicht sichtbar. Das sind technische Einrichtungen in der Eingangskontrolle …

Zäune, Absperrgitter?

Nein, alles nicht. Obwohl wir sogar einen Kindergarten haben! Er ist von unten nicht einsehbar, da er sich auf dem Dach der Synagoge befindet. Eine Platzierung, die nicht selbstverständlich ist, schließlich steht der Kindergarten auf dem Sakralraum. Aber der Rabbiner war damit einverstanden.

Aber sicher nicht während eines Gottesdienstes …

Nein, dann müssen die Kinder ja unten sein!

Können Sie kurz skizzieren, wie ein solches Ausnahmeprojekt bei ksg entwickelt und realisiert wird?

Prinzipiell sind mein Mann und ich die Autoren der Entwürfe, die hier aus dem Haus gehen. Dabei arbeiten wir aber während des Realisierungsprozesses nicht die ganze Zeit direkt zusammen. Ganz am Anfang fragen wir uns, wer den Entwurf für einen Wettbewerb oder die Präsentation übernimmt.  Und wenn dann einer von uns beiden sagt, er möchte das unbedingt, macht er das in der Regel auch – ich wusste in diesem Fall sofort, dass ich das für die Synagoge wollte!

Ich empfinde einen starken Kontrast zwischen dem erfindungsreich gestalteten Eckfenster und den Glasfugen auf den anderen Seiten in einem sehr pragmatischen Stil. Können Sie etwas dazu sagen?

Ich weiß genau was Sie meinen. Aber Sie müssen sich klar machen, dass wir – schon im Vergleich zu Dresden oder München beispielweise – so gut wie kein Geld hatten. Bei 4,6 Mio. € hat man nur die Wahl, alles ganz einfach zu machen und dann gibt es ein Highlight. Oder wir machen alles in einem mittleren Standard. Wir haben uns für die erste Variante entschieden.

Wenn man sich das Profil von ksg anschaut, erscheint ein Sakralbau – hier eine Synagoge – wie eine kostspielige Ausnahme. Wünschen Sie sich mehr von solchen Ausnahmen?

Ja, auf jeden Fall! Sicher, das Geld verdienen wir mit anderen Projekten. Die haben einfach mehr Bauvolumen. Aber Sakralbauten sind und bleiben die Traumprojekte.

Für deren seltene Bearbeitung aber dennoch viel Erfahrung vorhanden sein muss. Wie arbeiten Sie sich in ein solches Thema ein?

Ich denke gar nicht, dass wir hier so sehr spezielles Wissen haben müssen. Letztendlich müssen wir die Grundthemen in der Architektur beherrschen, große Volumen zu entwickeln und zu bauen und sie in der Art füllen, dass man beispielsweise ein besonderes Licht hat. Das sind Themen, die sich in vielen Sonderbauten finden, in Museen ebenso wie in Bibliotheken.

Besonderes Licht brauchen wir ja auch in einem Bürobau: Wo entscheidet es sich, ob der Raum sakraler oder sakral profaner Art ist?

Der Unterschied liegt in dem geistigen Inhalt, den man beim Sakralbau hat und beim Bürobau eben nicht. Ein Bürobau soll die Firma repräsentieren, die ihn nutzt. Ein sakraler Ort repräsentiert das Metaphysische des Irdischen, nämlich den Glauben. Und den haben die Menschen immer schon im Licht manifestiert.

Gibt es bereits Rückmeldungen von den Bürgern in Ulm?

Hier hat die Stadt Ulm sehr gute Öffentlichkeitsarbeit geleistet und die Bürger, auch die, die nicht unbedingt mit einer jüdischen Kultur vertraut sind, positiv auf den Neubau eingestimmt. Alle scheinen mit unserem Neubau zufrieden zu sein. Und dann ergab es sich im Laufe der Planungsphase, dass die Synagoge sich für mehr eignet, als nur für Gottesdienste. Der Bau hat Türen im Erdgeschoss, die zur Halle hin geöffnet werden können. Damit folgten wir einer öffentlichen Wahrnehmung, dass sich nämlich die Gemeinde Veranstaltungen, also Konzerte oder Vorträge oder ähnliches für ihr Haus von Anfang an gewünscht hat.

Wenn Sie noch einmal eine Synagoge bauen würden, in einer anderen Stadt, für einen anderen Bauherren: Würden Sie das noch mal machen und dann ganz anders?

Ich würde es sofort noch mal machen, vielleicht auch, weil ich als praktizierende Christin einen gewissen Abstand zum Kern der Bauaufgabe habe, mehr jedenfalls, als zu den Kirchbauten. Was würde ich anders machen? Eigentlich nichts!

Das Gespräch führte DBZ-Redakteur Benedikt Kraft am 13. März 2013 mit Susanne Gross im Kölner Büro von kister scheithauer gross architekten und stadtplaner, Blick auf den Rhein.

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