Vom gleichen Standpunkt aus

Ein wenig ist der Bau aus der Medienaufmerksamkeit gerutscht, der Hauptbahnhof Stuttgarts, seit ein paar Jahren besser bekannt unter dem Kürzel seines Umbauprojektnamens „S21“. Geplant hat die monumentale Eingangs- und Ankommenshalle der Architekt Paul Bonatz, dem der Wasmuth Verlag wieder einmal eine Monografie gewidemt hat: Nicht die Hauptwerke stehen dabei im Vordergrund, sondern eher das Werk am Rande (der Wahrnehmung), hier deutlich mit Schwerpunkt auf den Villen.

Es geht in dem Buch also nicht um eine Werkschau, sondern um die Darstellung des weniger populären Bonatz: Villen, Schulen, ein Museum, eine Fabrik, ein paar technische Bauwerke. Alle sind sie aktuell fotografiert und mit meist kurzen Erläuterungstexten versehen. Doch auch wenn hier nicht der Bahnhof in Stuttgart oder die Stadthalle in Hannover im Vordergrund stehen, es geht dennoch um den ganzen Bonatz, genauer gesagt, hier wird der Versuch unternommen, den zumindest umstrittenen Baumeister (wieder einmal) zu rehabilitieren. Dass er eben nicht auf der Linie der NS-Ideologie lag, wie (auch vom Rezensenten) öffent mal behauptet wird. Der Einleitungstext von Wolfgang Voigt, der auch Kurator der Bonatz-Ausstellung im DAM war, bringt trotz seiner Kürze immer wieder Argumente gegen Bonatz Verstrickung in die NS-Ideologie. Dass er dabei gar auf die Reputation von Julius Posener zurückgreift, dessen Sohn unlängst heftig gegen Bonatz polemisiert hat, macht das ganze Unterfangen einer Neutralisierung zumindest zweifelhalft. Kurz und gut: Es fehlt immer noch die kritische Aufarbeitung der Bonatz-Biografie.

Ansonsten überrascht das Buch auch: Einmal negativ dadurch, dass es zu keinem der fotografierten Bauten einen Grundriss, ja nicht einmal einen Lageplan gibt. Dann, dass die Fotos stellenweise das Gebaute derart dekorativ in den Blick nehmen, dass man fast schon glaubt, Wohnhäuser präsentiert zu bekommen wie sie bei einem anderen großen, allerdings Münchener Verlag so sehr im Schwange sind (das schöne Wohnen verkauft sich immer noch am Besten).

Positiv überrascht ist man von den Arbeiten Bonatz im hinteren Teil des Buches, also der Pulverfabrik oder den Staustufen am Nekar. Hier finden sich durchaus expressionistische, auch moderne Ansätze, die mit dem späteren Traditionalisten und – hier positiv gewendet – Regionalisten Bonatz wenig gemein zu haben scheinen. Dass sowohl vom Stuttgarter Bahnhof wie aber auch beim Kunstmuseum Basel (mit Rudolf Christ) nicht ein Wort auf die Umbauszenarien verwandt wird, überrascht. In Stuttgart beschränkt man sich auf die Abbildung des „Baggerbisses“ am Nordflügel, in Basel kommt gar nichts. Was also ist das Buch? Ein Puzzelteil? Eher eine Momentaufnahme, wieder einmal vom gleichen Standpunkt aus. Be. K.

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