Versteckte Komplexität
Bevk Perovi´c Arhitekti/Ljubljana

Parametrische Formspiele finden sich in ihrer Architektur nicht. Auf den ersten Blick wirken die Gebäude von Bevk Perovi´c Arhitekti nüchtern rational, fast minimalistisch. Der erste Eindruck täuscht. Je näher man den Gebäuden kommt, desto komplexer erweisen sich ihre Durchdringungen mit unerwarteten räumlichen Erweiterungen.

Europa ist größer geworden. Gewohnt nach Westen, in die Niederlande oder nach Spanien zu blicken, registriert man in Deutschland immer noch zu selten, was sich in Osteuropa jenseits der Projekte internationaler Stararchitekten in Sachen Architektur tat. In Ländern wie etwa Polen, Estland, Slowenien oder Tschechien sind sehr lebendige neue Architekturszenen entstanden, die eigene Position­en in den internationalen Diskurs einbringen. Aus der Einbahnstraße des Wissenstransfers von West nach Ost ist längst ein Dialog zwischen West und Ost geworden. So mancher osteuropäischer Architekt sitzt mittlerweile nicht nur auf dem Podium, sondern ist auch unter den Preisträgern westeuropäischer Wettbewerbe zu finden.
Eines dieser Architekturbüros ist Bevk Perovi´c aus Ljubljana, das sich erstaunlicherweise international mit sozialen Bauaufgaben wie Sozialwohnungen und Bildungsbauten einen Namen machte. Matija Bevk und Vasa Perovi´c gehören einer neuen Generation slowenischer Architekten an, die nach dem Fall des Kommunismus ihre neuen Chancen erkannten. Vasa Perovi´c, geboren 1965 in Belgrad, nutzte so ähnlich wie viele andere Architekten seiner Generation die Zeit der politischen Wirren Ex-Yugoslawiens in den Neunzigern, um im Westen Erfahrungen zu sammeln. Nach dem Abschluss seines Architekturstudiums in Belgrad ging er 1992 in die Niederlande zu einem Masterstudium am renommierten Berlage Institut in Amsterdam. Dort blieb er bis 1996, um in dem neu gegrün­deten Büro VMX Architects seines früheren Mitstudenten Don Murphy mitzuarbeiten. Erst ein Wettbewerbssieg für eine Schule in Slowenien brachte ihn wieder in seine Heimat zurück, um das Projekt einer Projektgemeinschaft im slowenischen Koˇcevje zu realisieren, das 2003 einen renommierten Piranesi-Preis erhielt.
Aus der Projektgemeinschaft entwickelte sich 1997 das Büro Bevk Perovi´c Arhitekti mit dem sieben Jahre jüngeren Matija Bevk, der noch vor dem Ende seines Studiums an der Architekturfakultät in Ljubljana vom Mitarbeiter zum gleichberechtigten Partner aufstieg. Die wirtschaftliche und politische Konsolidierung Sloweniens Ende der Neunziger Jahre eröffnete den Architekten viele Möglichkeiten. Mit der Residenz des niederländischen Botschafters in Ljubljana (2003) gelang Matija Bevk und Vasa Perovi´c ein erstes bauliches Manifest, das einen großen Einfluss auf die neue Wohnarchitektur Sloweniens haben sollte. Das kubisch abgestaffelte Haus mit einem repräsentativen Erdgeschoss und einer privaten Wohnzone darüber, stieß zu Beginn auf heftige Kritik. Kein geneigtes Dach besaß dieses Haus, dessen Holzverkleidung auch gegen das bis dahin übliche Verständnis von einem solide verputzten und gemauerten städtischen Wohnhaus verstieß. Auf dem Lande in Dörfern baute man mit Holz, doch nicht in der Stadt und schon gar nicht mit „nackten Flachdächern“, die so manchen an die Systembauten des Kommunismus erinnerten. Mit der niederländischen Residenz wurde jedoch das Material und die Bauform en vogue, so dass sich heute Holz an vielen neuen Bauten findet, was im waldreichen Slowenien nahe liegt.
Viele Villen folgten dem Gebäude, doch zugleich machten sich Matija Bevk und Vasa Perovi´c erstaunlicherweise auch einen Namen im sozialen Wohnungsbau, der von vielen Architekten wegen seiner vielen Einschränkun­gen eher gemieden wird. Nur ein Jahr nach der niederländischen Residenz entstanden in Polje, am Rande Ljubljanas 78 Sozialwohnun­gen in sechs Häusern. Entlang einer Bahnlinie gelang es ihnen die Häuser derart geschickt zu positionieren, dass ein weiter halböffentlicher, geschützter Wohnhof entstehen konnte, der die begrenzten Wohnungsflächen vergessen macht und integraler Teil einer sehr konsequent umgesetzten, konzeptionellen Verbindung von privaten Räumen und kommunikativen Durchwegungen zwischen Außen und Innen ist, die ihre Architektur auch im Weiteren kennzeichnet.
Parametrische Formspiele finden sich in ihrer Architektur nicht. Fest, ja kubisch sind nahezu alle ihre Hausvolumina, die jedoch in den unterschiedlichsten Weisen und Graduierungen Perforationen erfahren, um die Wände und Räume durchlässig und wandelbar zu gestalten. Nicht zuletzt zeigt sich hierin der Einfluss von Herman Hertzbergers Architekturlehre am Berlage Institut, der Vasa Perovi´c tief beeindruckte. Raum als sozialer Raum menschlicher Interaktion und das Konzept miteinander kommunizierender Räume ist ihr Credo, das auf Vielfalt in der Einheit setzt. Nüchtern rational, ja fast schon minimalistisch wirken viele Gebäude von Bevk Perovi´c Arhitekti auf den ersten Blick, deren Kubaturen streng dem rechten Winkel folgen und vor allem kompakt erscheinen. Doch wie bei Hertzberger täuscht der erste Eindruck. Je näher man ihnen kommt, desto komplexer erweisen sich ihre Durchdringungen mit unerwarteten räumlichen Erweiterungen.
Ein Beispiel hierfür ist die Mathematik-Fakultät in Ljubljana, die 2006 quasi auf dem Rücken eines Altbaus entstand und 2007 den europäischen Mies van der Rohe-Preis für Nachwuchsarchitekten erhielt. Die Privatisierungspolitik der Neunziger hatte auf dem Cam­pus dazu geführt, dass das Grundstück inklusive eines zweigeschossigen Provisoriums an eine Computerfirma veräußert worden war. Das neue viergeschossige Institutsgebäude konnte nur auf dem Altbau entstehen, was Bevk und Perovi´c auf beeindruckende Weise gelang.
Da auf der Ebene des Erdgeschosses nur eine reduzierte Eingangssituation möglich war, verteilten die Architekten den sonst üblichen zentralen Foyerbereich auf verschiedene Etagen mit großartigen Räumen und Ausblicken auf die Stadt. Der Enge des Eintritts folgen so sehr überraschende Räume der Kommunikation auf den Obergeschossen, die zugleich die strenge Raumfolge solcher Institutsgebäude immer wieder überraschend aufbrechen. Dabei erstreckt sich der Neubau mit seiner bedruckten Glasfassade wie ein großer Bühnenvorhang über den Altbau, der mit seinem Strichcode erste zarte Hinweise auf die Nutzung des Gebäudes gibt. Doch nicht nur räumlich überzeugt das Gebäude, sondern auch konstruktiv bis in das letzte Detail wie etwa mit horizontal verschwenkbaren Sitzschalen in den großen Vorlesungssälen.
Eine andere Form räumlicher Perforation und Implantation, eines intensiv zu erfahrenden Wechselspiels zwischen Innen- und Außenräumen, privaten und halb-öffentlichen Räumen verfolgten die Architekten Matija Bevk und Vasa Perovi´c bei ihrem nahezu zeitgleich entstandenen Studentenwohnheim am Fluss. Alle Wohneinheiten wurden kompakt in zwei zweihüftigen Riegelbauten konzentriert, die sich über einem großzügigen Gemeinschaftsgeschoss erstrecken, das vielfältige Aktivitätsbereiche anbietet und transparent wie schwellenlos zwischen Innen wie Außen überleitet. Mit einer markanten Haut aus Laser geschnittenen Aluminiumblech, die sich unschwer auffalten lässt, können seine Bewohner ganz unterschiedliche Grade der Abschottung oder Öffnung zum Sozialleben des Studentenwohnheims wählen.Erstaunlich sind ihre Grundrisse: Je zwei Wohn­einheiten sind um einen gemeinsamen Ess- und Nasszellenbereich angeordnet, der großzügig transparent zum Außenraum über­leitet, währenddessen jeder Wohneinheit eine eigene kleine Loggia vorgelagert ist. Ganz unerwartet brachte späterhin das Studentenwohnheim den Architekten noch eine besondere Auszeichnung jenseits der Welt der Architekturpreise ein. Mitsubishi wählte es als ein Motiv seines firmeneigenen Jahreskalenders aus und schenkte ihnen eine voll betreute achttägige Wunschreise durch Japan.
Glas- und Metallfassaden gewinnen in ihrem Werk kontinuierlich an Bedeutung, obwohl beide Architekten die massive Wand über alles schätzen, die sich nicht zuletzt auch in der Nachfolge der slowenischen Nachkriegsmoderne eines Edvard Ravnikars sehen wollen, dessen Museum für Moderne Kunst sie 2009 in Ljubljana modernisierten. Doch im Gegensatz zu ihren kleinen Einfamilienhaus­projekten, wo sie den Bauprozess noch bestimmen können, fehlt heute, wie sie kritisch anmerken, das nötige Knowhow und die Sorgfalt bei den Partnern größerer Bauprojekte. Ravnikars Generation konnte in den Sechziger Jahren noch auf Handwerker zurückgreifen, um aufwändige Ziegelmauerwerke entstehen zu lassen, die das Licht brechen und lenken konnten und sogar Räume mit massiven Wänden erstaunlich durchlässig erscheinen lassen konnten.
Was damals auf der Baustelle möglich war, muss heute industriell vorkonzipiert werden, was die Architekten aber nicht davon abhält die Details ihrer transparenten Raumelemente selbst zu entwickeln. Für die europäische Ratpräsidentschaft Sloweniens entstand so 2007 im alten Schlosspark von Brdo ein Konferenzzentrum, das dem alten Mies van der Rohe in seiner Eleganz und Detaillierung wohl viel Freude bereitet hätte. Einmal mehr gelang ihnen dort eine erfolgreiche Durchdringung der Räume ohne jedwede störenden Barrieren. Außen verschmilzt es nahezu mit seinem Park. Innen glaubt man unmittelbar in der Natur zu sitzen, was ein wahrer Genuss ist.
Doch der Alltag des Büros sind solche Pro­jekte nicht, das sich trotz seiner derzeit etwa 20 Mitarbeiter eher als eine Art von experimentellem Workshop-Studio als ein Dienstleistungsunternehmen versteht.
Der Wohnungsbau ist das Rückgrat des Büros, das in nicht einmal zehn Jahren knapp ein Dutzend Einfamilienhäuser und sechs Wohnkomplexe in Maribor, Kranj und Ljubljana realisieren konnte. Bevks und Pero­vi´c Konzept substraktiver Raumentwicklung, von gefassten Raumfolgen mit integrierten Freiräumen kann am Einfachsten bei ihren zahlreichen Einfamilienhäusern nachvoll­zogen werden. Dabei steht die manchmal schon Comic-hafte erscheinende Simplizität ihrer Volumina immer wieder in starkem Kontrast zur darin verborgenen Komplexität der Raumprogramme, die vor allem mit der Spannung von Sehen und Gesehen werden spielen. Es sind komplexe Topographien der Raumerfahrung, der Erweiterung der Ebenen in die Tiefe und Weite der umgebenden Räume, die stets in enger Beziehung mit dem Vorgefundenen entwickelt werden. Doch Kontextualisten sind die Architekten noch lange nicht, die immer wieder dem Kon­text bemerkenswert resistente Gebäude eigener Präsenz entgegen setzen, die Raumprogramm, Nutzerprofil und Situation radikal neu und individuell definieren. Ein viel zu umfangreiches Raumprogramm auf einem sehr begrenzten Grundstück für einen Bauherrn mit großem Bedürfnis nach Privatheit führte etwa zum Haus D in Ljubljana, dessen Wohnräume um drei Atrien sich vor allem in die Tiefe erstrecken und dabei doch erstaunlich viel Tageslicht besitzen. Beim Haus R in Bohinj wurde hingegen die traditionelle Haus­typologie des Voralpenraumes für einen Städter neu interpretiert, für sein Bedürfnis nach Naturerfahrung bei aller privater Zurück­gezogenheit.
Bei ihrem neuesten Wohnprojekt Pilon an der großen Ringstrasse und nahe eines frühe­ren Steinbruchs in Ljubljana schufen sie 140 Wohneinheiten mit einer erstaunlichen Varianz an Grundrissen: Kleine Etagenwohnun­gen für Kurzzeitmieter, großen Maisonette-Einheiten organisiert um zweigeschossige Patios und kleinen luxuriösen Penthäusern auf dem Dach. Dieses Projekt folgt ihrer Idee der vertikalen Verdichtung der Stadt in einem Haus, die noch stärker bei ihren jüngsten Projekten für funktional gemischte Komplexen zum Ausdruck kommt. Im Bau befindet sich ihr Projekt Situla zwischen dem Stadtkern Ljubljanas und der BTC-City, einer der größten Malls Europas, das 80 000 m2 BGF umfasst: 6 000 m2 Bürofläche, 2 000 m2 Geschäftsflächen und 228 Wohnungen. Doppelt so groß soll sogar das neue K66-Quartier an der Smartinska Straße werden, das sie in einem Wettbewerb Anfang des Jahres gewannen und das trotz der derzeitigen Immobilienkrise Sloweniens gebaut werden soll. In den letzten Jahren hat sich das Aufgabenspektrum des Büros erheblich erweitert, das aus den engen Grenzen Sloweniens drängt. In Österreich und der Schweiz nahm man an Wettbewerben teil. Man gewann sogar 2008 den Wettbewerb einer Bankzentrale am Schrottenturm in Klagenfurt, in der Heimat Jörg Haiders, dessen Grenzland für seine Slowenen-Phobie bekannt ist. Mit der zunehmenden Größe der Vorhaben gewinnen nun städtebauliche Fragen an Bedeutung, was u.a. zum jüngsten Projekt von Bevk Perovi´c führte, die im Juni den kombinierten Masterplan-Realisierungswettbewerb für einen neuen Universitätscampus an Sloweniens Mittelmeerküste in Koper gewannen.
Auf dem Weg zu neuen Ufern ist das Architekturbüro, das sogar letztes Jahr im Be­reich Design aktiv wurde. Der leidenschaftliche Stühlesammler Vasa Perovi´c, der schon vor Jahren in Ljubljana den T5-Projekt Space, eine Galerie für zeitgenössische Formfragen mit ins Leben rief, wurde mit seinem Partner Matija Bevk zu Beratern des jungen Design-Unternehmens Vertigo Bird. Vier Lampen-Modelle, Slim, Smoke, Funnel und Lanterna entwickelten sie, von denen Slim sogleich 2009 einen Red Dot Design-Award erhielt. Doch damit nicht genug, sind beide Architekten nun auch zu Lehrern geworden. Nach einem Jahr Gastprofessur an der Architekturfakultät in Bochum übernahm 2009 Vasa Perovi´c einen Lehrstuhl in Ljubljana, während Matija Bevk im kroatischen Split lehrt. Fast alles scheint den beiden Architek­ten zu gelingen. Nur ein Wunsch von Perovi´c, der montenegrinische Wurzeln besitzt, blieb bislang unerfüllt, nämlich dort am Mittelmeer etwas bauen zu können. Claus Käpplinger, Berlin

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