Verleihung Deutscher Architekturpreis / Deutscher Architektentag, Berlin

Wahrscheinlich kann man die beiden Ereignisse nur in dieser „Ein Aufwasch“-Strategie sinnvoll bewältigen. Eine Zusammenschau der Ereignisse Verleihung des Deutschen Architekturpreises 2019 – der ging an das Berliner Büro Bruno Fioretti Marques BFM Architekten für ihre Arbeiten am Wittenberger Schloss – und des tagsdrauf folgenden Deutschen Architektentags in Berlin macht Sinn. Logistisch gesehen, inhaltlich und natürlich aus Gründen der Schreibeffizienz: Wer der feierlichen Preisverleihung in der Staatsbibliothek unter den Linden zugeschaut hat, konnte auf dem folgenden DAT über das Ergebnis mit den Kollegen diskutieren. Die sich, wie man selbst, unter dem Motto „Relevanz – Räume prägen“ im Berliner Congress Center BCC eingefunden hatten. Das BCC, alias „Kongresshalle“, ein Entwurf von Hermann Henselmann, der vor exakt 55 Jahren eröffnet wurde und als Teil eines größeren Neubauensembles am Alexanderplatz geplant war, war vor 16 Jahren wunderbar saniert worden von DAHM Architekten + Ingenieure, Berlin, und ist länger schon ein begehrter Feier- und Veranstaltungsort für Architekten und Ingenieure. Und war – was die meisten der hier Versammelten vielleicht nicht wussten – bis zur Eröffnung des Palasts der Republik 1976 Tagungsort der Volkskammer der DDR.

Auf dem Programm des DAT stand eine ganze Menge. Eine Feier am Abend (50 Jahre Bundesarchitektenkammer, Verleihung Bundesverdienstkreuz an die Präsidentin der Kammer, Barbara Ettinger-Brinckmann), es gab sieben große Themenkreise und die DAT-Werkstätten sowie ein kleines Rahmenprogramm (Stadtführungen).

Themen waren die Berufspolitik, die Baukultur, die Kommunikation, Wirtschaftlichkeit, Bodenpolitik/Wohnungsbau, Energiewende und natürlich die Digitalen Prozesse/KI.

Gab es Aufreger oder Aufregendes? Immerhin, man konnte mit vielen Prominenten ins Gespräch kommen, seien es die Referenten, seien es die Nachbarn in den zahlreichen Panels. Auch sollte man allem Glanz und dem Aufgebot guter Speisen und geschmeidiger Diskussionen zum Trotz nicht vergessen, dass die Kammer Fortbildungspunkte für diesen Tag vergab (4 bis 9,5).

Das Konzept der großen Keynotes und politischen Statements im Hauptsaal mit den drumherum in vielen kleineren, durchaus intimen Räumen untergebrachten Panels ist ein bewährtes: Hier die großen, teils unterhaltsamen, teils anspruchsvollen Redetexte, dort die sehr praxisnahen Podiumsgespräche mit kreisendem Mikro, das auch die Zuhörer zu Gesprächspartner machte (es wurde tatsächlich gut genutzt, dieses Werkzeug für eine wörtliche Teilhabe). Das Niveau der kleinen, aber wichtigen Gesprächsrunden war so anspruchsvoll und ergebnisreich, wie die Podien besetzt waren und moderiert wurden. Jeder, der wollte, hatte immer die Möglichkeit, eigene Themen mit den Protagonisten der Panels direkt oder im Anschluss zu diskutieren.

Die Keynotes von Rahel Jaeggi, Professorin für Praktische Philosophie, Humboldt-Universität zu Berlin, und von Reinier de Graaf, OMA Rotterdam, spiegelten das ganze Spektrum der Veranstaltung von anspruchsvoll nachdenklich (Jaeggi) bis unterhaltsam polemisch (de Graaf) wider. Jaeggi deutete das Relevante des architektonischen Handelns als etwas, das man nur gesamtgesellschaftlich interpretieren und verstehen könne – Verantwortung ist aus ihrer Sicht nicht teilbar und darum nicht individualisierbar. De Graaf zeigte anhand von Kurvenverläufen, die die steilen Gewinnmargen im weltweiten Immobiliengeschäft vor Augen führten, dass die Architektenzunft sich zukünftig mehr vom Gedanken der „Mobilien“ lenken lassen sollten, also Projekten, die nicht von der Spekulation über Bodenpreise zu kalkulieren seien. Und er schloss seine Bildertour – Rahel Jaeggi verließ sich zur Gänze auf das Wort – mit dem Aufruf, sein Buch zu kaufen (noch nicht auf Deutsch) und endlich damit aufzuhören, sich als Architekten überflüssig zu machen, weil man mutlos den Immobilienmarkt bediene. Applaus!

Zurück zum Abend der Verleihung des Deutschen Architekturpreises 2019, der vom Bund und der Bundesarchitektenkammer im Zweijahresrhythmus verliehen wird und mit 30 000 € für den Gewinner dotiert ist (hinzu kommen noch einmal 30 000 € für die ausgezeichneten und anerkannten Projekte). Natürlich waren die Bauten, auf deren Auswahl die BAK mittels Nominierung gerne mehr Einfluss nehmen würde, samt und sonders Hochkaräter und deckten so ziemlich alle Bauaufgaben ab, die gerade anstehen. Aber Arno Lederer, dieser in solchen Belangen omnipräsente Juror und an diesem Abend auch Laudator, wunderte sich, dass von den rund 100 000 realisierten Bauten, die im Wettbewerbszeitraum fertiggestellt worden sind, nur 183 für den Wettbewerb eingereicht worden waren. Und er fragte – um weiter zu provozieren – wo denn in dem Spektrum der Einreichungen der Wohnungsbau sei?! Damit meinte er vermutlich den Geschosswohnungsbau für alle, denn mit dem Terrassenhaus von Brandlhuber+ Emde, Burlon / Muck Petzet Architekten, Berlin, oder dem Integrativen Bauprojekt am ehemaligen Blumengroßmarkt (IBeB), Berlin, von ifau | Heide & Von Beckerath, Berlin, waren ja innovative Wohnungsbauprojekte unter den Ausgezeichneten/Anerkannten, aber wohl nicht die Bauten, die die in diesem Land völlig offene Wohnungsfrage nachhaltig hätten klären helfen können.

Und damit gingen beide Events am Ende zusammen: Auf beiden wurde – hier direkt von Arno Lederer, dort indirekt in allen Gesprächen und Verlautbarungen und Beschlüssen – Schönheit in der Architektur eingefordert. Und die können eben nur, da waren sich die Versammelten sicher,  ausgebildete ArchitektInnen ins Werk setzen. Was man als deutlichen Gruß in Richtung Brüssel verstehen darf. Dass es dem Architektenstand, wenn er sich weiterhin eher überflüssig macht (de Graaf), an den Kragen geht, das Gefühl war unter vielen Anwesenden mit Händen zu greifen.

75 Jahre Deutsche Architektenkammer? Man darf gespannt sein, wir warten auf die Einladung; also die jüngeren unter uns. Be. K.

www.bmi.bund.de, www.BAK.de, www.deutscher-architektentag.de

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