Wohnhaus Bläsiring, Basel/CH

Turmbau zu Basel Wohnhaus Bläsiring, Basel/CH

Um Raum für zwei Wohnungen zu schaffen, wurde auf einem kleinen Basler Grundstück ein markanter, 6-geschossiger Sichtbetonbau errichtet. Die Lösung stieß im Kontext mit seiner Nachbarbebauung auf heftige Kritik, wurde aber auch mit dem Schweizer „Architekturpreis Beton“ ausgezeichnet.

Es war ein Aufschrei, wenngleich eher künstlicher Natur, der durch die Basler Medien ging: Wie konnte man am Bläsiring nur so etwas Schändliches tun? Einen 5-geschossigen Turmbau zwischen zwei 2-geschossige Altbauten setzen. Sogar eine Bürgerinitiative – angeführt von den verständlicherweise unglücklichen direkten Nachbarn – bildete sich, allerdings erfolglos. Und auch die zahlreichen Denkmalpfleger, denen der Autor zwischenzeitlich die Straßenansicht zeigte, entrüsteten sich spontan. Mit dem Zeigen einer Luftaufnahme relativierten sie ihre Haltung jedoch sofort.

Denn der Basler Bläsiring ist alles andere als eine homogen mit Siedlerhäuschen des 19. Jahrhunderts bebaute Straße. Tatsächlich stellen diese allesamt nicht unter Denkmalschutz stehenden Niedrigbauten nur noch einen geringen Anteil der vorhandenen Bausubstanz dar. Die Basler Architekten Buchner Bründler haben sich zudem streng an die vorgegebene Traufhöhe gehalten. Und aufgrund einer kontinuierlich fortschreitenden innerstädtischen Verdichtung orientieren sich heutzutage daran weit mehr als 50 % der Bauten am Bläsiring. Allerdings war die Siedlerhäuschengruppe das letzte Dreier-Ensemble an der vielleicht 600 m langen Straße.

Verschlungene Erschließung

Die auf den ersten Blick klar gestalteten Geschossgrundrisse des Neubaus verdienen einen genaueren Blick: Denn das aus 5 Vollgeschossen und einem darüber angeordneten Attikageschoss bestehende Objekt teilt sich auf in zwei Wohneinheiten mit jeweils drei Ebenen. Und trotz der geringen Grundfläche von rund 50 m² verfügen beide Wohnungen über getrennte Treppenhäuser. Die geraden Treppenläufe sind entsprechend geschickt ineinander verschränkt.

So betritt man die untere Wohnung durch eine Art Terrassentür, die in eine breite Glasfront integriert ist. Die obere Wohnung, die erst im 3. OG beginnt, erreicht man durch eine hermetisch erscheinende Tür rechts daneben. Dahinter findet sich ein kleiner Flur mit einem Aufzug sowie einer Treppe, die in einem Lauf zwei Geschosse nach oben führt und im 1. OG lediglich ein Podest aufweist. An ihrem Ende im 2. OG, wo man zudem die Gebäuderückseite erreicht, wendet sich der Aufgang Treppe um 180° und ein weiterer Lauf führt hinauf zu den Wohnräumen, die man etwa in der Hausmitte erreicht.

Der seitliche Aufzug bildet eine Ausnahme: Obwohl nur über die „Haustür“ der oberen Wohnung zugänglich, fährt er alle Vollgeschosse unterhalb der Attika an, also auch die der unteren Wohnung. Erreicht wird der Lift nicht über das Treppenhaus, sondern jeweils seitlich aus dem großen Wohnraum heraus. Um dessen stählerne Aufzugtür nicht zu dominant und unwohnlich erscheinen zu lassen, haben die Architekten dieselbe mit einer hölzernen „Tapetentür“ kaschiert.

Das so genannte Attikageschoss im 5. OG resultiert aus der städtebaulich vorgegebenen Traufhöhe. Alternativ – wie etwa auch in Berlin üblich – kann man mit einem zurückspringenden Geschoss arbeiten. Die Architekten nutzten dies nicht nur für das besagte Geschoss, sondern legten auf dessen Dach noch eine weitere Dachterrasse an. Sie ist über eine außen angeordnete Treppe zu erreichen. Markant steht in dieser Dachlandschaft ein hoch aufragender Kamin, der zu einer offenen Feuerstelle im 4. OG gehört. Der gesamte Bereich wirkt ausgesprochen skulptural und erinnert – verstärkt durch seine sägerauen Sichtbetonwände – subtil an den Dachgarten von Corbusiers Unité d‘habitation in Marseille.

Auf Bestand bauen

Der ersetzte Mittelbau des aus drei Häusern bestehenden Ensembles war zwar renovierungsbedürftig, aber nicht baufällig, und so taten sich die Architekten Buchner Bründler schwer damit, den Bestand abzureißen. Zunächst suchten sie nach einer Möglichkeit, das Haus so umzubauen, dass zwei Familien darin wohnen konnten. Bedingt durch die Grundstücksenge blieb jedoch nur die Option, in die Höhe zu gehen, zumal der städtebauliche Rahmenplan dies ausdrücklich vorsieht. Allerdings ganz ohne eine Weiternutzung des Bestandes ließ sich das Projekt nicht realisieren, denn die vorhandenen Brandwände sind in den 1870er-Jahren nicht doppelschalig, sondern als eine dicke Mauer errichtet worden. So war es unvermeidlich, das aufgehende Bestandsmauerwerk erneut mitzunutzen. Die sichtbare, seitliche Betonaußenschale beginnt tatsächlich erst oberhalb des alten Ortgangs.

Daraus ergaben sich zwei unterschiedliche Seitenwandaufbauten des Turmhauses. Im Bereich der bestehenden Brandwand bekleidete man diese zunächst mit einer 14 cm starken Mineralwolldämmung und stellte ohne Hinterlüftung davor eine Gipskartonwand. Letztere ist gut auf den Treppenhausbildern zu sehen. In den Seitenwandabschnitten oberhalb des Ortgangs arbeiteten die Architekten hingegen mit einer 2-schaligen Ortbetonkonstruktion mit einem nicht hinterlüfteten Dämmplattenkern. Dabei wurde zunächst die tragende Außenwand errichtet, von innen an diese die Mineralwollplatten gestellt und daran die Innenwand anbetoniert. Auch die Decken sind reine Ortbetonkonstruktionen. Während die regulären Geschossdecken in klassischer Weise mit einer Trittschalldämmung und einem Zementestrichboden aufgebaut sind, ließen die Architekten im Attikageschoss als Fußboden hochkant stehende, somit 11,5 cm starke Tonziegel in einem Splittbett verlegen. Da auf dieser Ebene beide Traufseiten eine Dachterrasse aufweisen, entschieden die Planer, den Tonziegelbelag in gleicher Weise auch durch den Innenraum zu führen. Denn nur eine bodenbündige Verglasung trennt diesen von den Außenräumen.

Bad brut

Auch die Innenwände oberhalb des Ortgangs sind Sichtbeton. Daniel Buchner und Andreas Bründler war es wichtig, das Handwerkliche zu betonen. So zeichnete das Architekturbüro keine Schalungspläne, sondern überließ es dem Rohbaupolier, die Holzschalung nach seinem Ermessen zu stellen. Einzige Vorgabe war, horizontale Stöße grundsätzlich zu vermeiden.

Ebenfalls in herkömmlichem Beton erstellt wurden die Bäder, insbesondere deren Waschtische und Badewannen. Die Wasserbecken weisen eine flache Vertiefung auf, gebildet durch vier rechteckig zueinander angeordnete Dreiecke, in deren gemeinsamem Tiefpunkt der Abfluss sitzt. An die identisch erstellten Badewannenböden formte man lotrecht die seitlichen Wannenbrüstungen an, während die Schmalseiten eine bequeme Neigung erhielten. Nach der Betonage der Becken ließen die Betonbauer diese kurz anstocken und zogen sie dann von Hand ab, um die gewünschten geometrischen Senken zu erzielen. Nach dem vollständigen Aushärten wachsten die Handwerker deren Oberflächen, um sie so dauerhaft zu imprägnieren. Die dadurch leicht entstehenden, langfristigen Gebrauchsspuren sind durchaus erwünscht und beleben tatsächlich das „harte“ Material in ungeahnter Weise.

Langfristige Wirkung

Der Bau zeichnet sich durch einen so kenntnisreichen wie sinnfälligen Umgang mit dem Baustoff Beton aus, der sich vor allem in liebevollen Details manifestiert. Tatsächlich waren diese wie auch der Gesamtentwurf so überzeugend, dass das Haus am Bläsiring mit dem diesjährigen „Architekturpreis Beton“ ausgezeichnet wurde, der in der Schweiz ein hohes Renommee besitzt. Die kritisch zu dem Projekt eingestellte Basler Zeitung bewertete dies tatsächlich als einen „absoluten Affront“.

Eine Denkmalpflegerin erkannte jedoch an, dass der Bau auch noch dann im Bläsiring ein Blickfang sein wird, wenn die gültige Traufhöhe einmal durchgängig und der aktuelle Solitärcharakter des Hauses lange Geschichte ist.

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