Referat für Stadtverbesserung*

Student*innen gestalten die Stadt

Sechs Architektur- und Urbanistikstudent*innen der TU München nutzten im Herbst 2019 die Gelegenheit, ihre Visionen für ein autofreies München zu Papier zu bringen. Auf ihren Semesterentwurf folgte ein realisiertes Projekt und die Gründung des „Referats für Stadtverbesserung“. Hier berichten sie von ihren Erfahrungen.
In dem Uniprojekt „Take back the streets!“ entwickelten wir Ideen und Bilder für ein autofreies München. Insbesondere beschäftigten wir uns mit der Schwanthalerstraße und dem südlichen Bahnhofsviertel – eine Herausforderung, wie sich herausstellen sollte: Die Schwanthalerstraße ist eine bis zu dreispurige Einfallstraße in die Münchner Altstadt, spielte aber bei den lokalen Diskussionen über die Verkehrswende lediglich eine Nebenrolle. Das kommunale Engagement konzentrierte sich eher auf angrenzende Stadtteile wie das Glockenbachviertel. Aber auch dort wurden nur wenige der bereits beschlossene Konzepte und Ideen realisiert- – viel politisches Engagement auf der einen und wenig Umsetzungen auf der anderen Seite. Wie kann das sein?

Wir tun mal so, als wären wir eine Behörde

In der Universität hatten wir bisher nur die Entwicklung, nicht aber die Umsetzung von Konzepten gelernt. Unser einziges Werkzeug für die Umsetzung unserer Ideen aus dem Semesterprojekt war die Partizipation – ein Wort mit vielen offenen Fragen. Bei der Vorstellung von Entwürfen hört man häufig: „... und hier gibt es Raum für die Bürger*innen.“ Aber wer sind diese Bürger*innen, die eine bessere Stadt gestalten sollen? Und was ist dann eigentlich unsere Rolle? Sind wir keine Bürger*innen? Dürfen wir nicht einfach versuchen, unsere Ideen umzusetzen und dann anhand der Ergebnisse darüber diskutieren? Von diesen Fragen geleitet waren wir uns nach Semesterende sicher: Wir müssen uns fern der Universität in den Dialog einbringen und selbst an der Verbesserung des Stadtraums partizipieren. Voller Tatendrang gründeten wir das Referat für Stadtverbesserung. Die Idee ist einfach: Wir tun mal so, als wären wir eine Behörde, und zeigen, wie Stadt besser geht. Letztlich simulieren wir Zukunft, damit sie Schritt für Schritt Realität werden kann.

„100 Meter Zukunft“: ein etwas anderes Uniprojekt

Eine Demonstration anmelden, das Uniprojekt ausstellen, ein Parklet auf einem Stellplatz bauen: Hauptsache, das Projekt aus dem Wintersemester irgendwie weiterverfolgen, bevor es sich im Sommersemester verläuft und das Referat für Stadtverbesserung schneller aufgelöst als gegründet ist – so der Stand im Frühjahr 2020, vor der Coronapandemie. Damals wussten wir noch nicht, dass Studieren im nächsten Semester komplett anders werden sollte. Zusammen im Studio arbeiten, gemeinsame Kaffeepausen, Exkursionen in andere Städte und Länder, das würde es vorerst nicht geben. Vieles, was einige von uns für das Sommersemester ge­plant hatten, war also erstmal verschoben, sodass es genug Zeit für das Referat für Stadtverbesserung gab. Das erste reale Projekt sollte die temporäre Umgestaltung eines Parkplatzes sein. Aus den anfangs geplanten fünf Metern sind letztlich 100 Meter geworden. In Form eines freien Projekts planten wir an den Lehrstühlen für Urban Design und Architekturinformatik die Sperrung der Schwanthalerstraße. Auf 100 Metern wollten wir den Akteur*innen der Stadt und den Menschen vor Ort einen Tag lang ein alternatives Straßenlayout im Maßstab 1 : 1 präsentieren – und so Lust auf Stadtverbesserung machen. Den Menschen zeigen, wie die Stadt aussehen könnte, wenn man mal Platz macht und die Flächen resilient und flexibel umgestaltet.

Wenn man es hier umsetzen kann, dann geht es überall

Rückblickend sind wir stolz, dass wir verschiedene Lehrstühle und Initiativen überzeugen konnten, an dem Projekt „100 Meter Zukunft“ mitzuwirken. Denn Stadtverbesserung erreicht man nicht als studentische Gruppe allein – sie benötigt aktives Networking mit sogenannten Stadtmacher*innen. Ein Großteil der Vorbereitung bestand deshalb aus digitalen Treffen mit Einzelpersonen und Organisationen, denen wir unsere Ideen vorstellten und die sich schließlich an der Aktion beteiligten. Der BUND Naturschutz veranstaltete ein Picknick. Park Dein‘ Park kamen mit ihrem bepflanzten Kleintransporter vorbei. Make Munich Weird designten Spiele für Bauzäune. Die Band Hills Like White Elephants spielten auf der Straße. Veronica leitete eine Yoga-Stunde zum Mitmachen. Zwischendurch fühlte sich das Projekt fast wie ein Selbstläufer an, auch weil wir uns die große Beteiligung und Unterstützung nie hätten träumen lassen. Vor allem der Verein Green City und das EineWeltHaus München waren wichtige Türöffner zu Ressourcen. Als Sieger des Wettbewerbs „Gestalte Deine Stadt – Grünes Licht für Deine Ideen!“ erhielten wir von Green City finanzielle Unterstützung und Ratschläge für das Einholen von Genehmigungen. Als Einrichtung vor Ort stellte uns das EineWeltHaus in der Schwanthalerstraße unter anderem Räumlichkeiten, Strom und Wasser für den Veranstaltungstag und die Zeit davor zur Verfügung. Letztlich konnte der Tag mit geringen finanziellen Mitteln – unter anderem durch die Förderung der Sto-Stiftung – und dank der Unterstützung Vieler stattfinden. Dazu trug auch bei, dass das Projekt  Teil des Studiums war. Denn so konnten wir sechs  Tage der  Woche unentgeltlich an dem Projekt „100 Meter Zukunft“ arbeiten – ein Privileg, wie wir heute als Berufseinsteiger*innen feststellen müssen.
Die Geschichte klingt bis jetzt sehr reibungslos. Das ist natürlich nur die halbe Wahrheit. Vor allem die Genehmigung war mit vielen Unsicherheiten verbunden. Viele haben uns anfangs von der Schwanthalerstraße östlich des Bavariarings abgeraten – im Westend oder in einer kleineren Parallelstraße ließe sich das Projekt einfacher durchführen. Die Schwanthalerstraße zu sperren sei aufgrund ihrer verkehrlichen Bedeutung zu schwierig. Aber genau das war für uns der Reiz. Wenn man es hier umsetzen kann, dann geht es überall. Es brauchte viele Gespräche und Umplanungen, bis wir die Genehmigung und damit das Go erhielten. Erst zwei Tage vor der Veranstaltung wussten wir: Die monatelangen Vorbereitungen waren nicht umsonst. Die Idee des Projektes, die städtischen Diskussionen auf ein bisher wenig betrachtetes Gebiet zu lenken, scheint aufzugehen. Nun rücken die verschiedenen Quartiere entlang der Straße ins Blickfeld der Stadtplanung und Initiativen. Wie zum Beispiel in den der Münchner Initiative Nachhaltigkeit und ihrem Projekt Westend-Kiez sowie in den des Zusammenschlusses Freiraum-Viertel südlich des Münchner Bahnhofes.

Das Studium endet irgendwann, Stadtverbesserung nie

Für einige von uns war das Projekt „100 Meter Zukunft“ die letzte Semesterarbeit in dieser Form. Wir, und damit auch das Referat für Stadtverbesserung, wachsen langsam aus der Studienzeit heraus. Das verändert auch die Referatsarbeit: Einige haben nicht mehr so viel Zeit wie vor einem Jahr oder orientieren sich um, Neue kommen hinzu, Räumlichkeiten und Organisationsformen müssen gefunden werden. Zwischen Rechtsformen und Anträgen verliert man da manchmal den Überblick und auch den Spaß. Der Einfachheit halber vielleicht doch in einem Büro anstellen lassen und die Referatsarbeit in die Freizeit schieben? Bleibt dann noch genug Zeit für Stadtverbesserung? Sicherlich hätte uns eine niederschwellige Beratung geholfen. Jedoch sind Beratungsstellen an der TU München eher auf Start-ups mit einer klaren Produktidee als auf gemeinnützige Arbeit und Planungsaufgaben ausgelegt. Auch Arbeitsräume würden das weitere Engagement erleichtern. Als Studierende stehen einem 24/7 Räumlichkeiten zur Verfügung, was die Zusammenarbeit sehr vereinfacht. Manchmal eignen sich auch die eigenen vier Wände oder digitale Räume – aber eben nicht immer. Wir werden also weitersuchen und improvisieren. Inzwischen jedoch nicht mehr als studentische Gruppe, sondern als Verein. Das ermöglicht uns, auch in diesem Sommer Projekte zu realisieren und Themen zu adressieren, die wir für längst überfällig halten. Zum Beispiel widmen wir uns der Frage, wie sich alltägliche Wohn- und Geschäftsstraßen im Sinne der Verkehrswende ändern müssen. Hierfür richten wir auf der Volkartstraße in München ein Freiraumbüro ein. Vorbeilaufende Bürger*innen können so mit uns ins Gespräch kommen und über die Straße diskutieren. Wir nennen das Walk-in Partizipation – eine kooperative Form der Stadtgestaltung. Den öffentlichen Raum fern des Verkehrs nutzen und dadurch Irritationen erzeugen, die Diskussionen und Veränderungen ermöglichen, ist eine unserer Herangehensweisen, der wir uns auch in Zukunft widmen werden. Denn das Studium endet irgendwann, Stadtverbesserung nie.
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