Sanierung Scharoun-Theater, Wolfsburg theater.wolfsburg.de, brenne-architekten.de

Ein Baudenkmal hat dann wohl die besten Chancen auf ein Überleben, wenn es entweder eine Berühmheit ist oder noch immer und ohne größere Einschnitte im Funktionalen als das funktioniert, als was es einmal gebaut wurde. Scharouns Bauten scheinen beides zu leisten und möglicherweise rührt die Berühmtheit auch aus gerade dieser Qualität: Jenseits von zeitgeschichtlich inhären-ten Mängeln in der Bauausführung (Materialien, Konstruktionsdetails) beweisen die Schulen, die Philharmonien und Theater, dass sie in ihrem städtebaulichen wie auf den Grundriss bezogenen Entwurf noch immer die Kraft haben, in der Jetztzeit nicht bloß nur noch zu funktionieren. Sondern darüber hinaus durch ihre außergewöhnliche Machart die Mängel, die sie durchaus haben nach einem halben Jahrhundert Betriebszeit, vergessen zu machen.

Mängel im Denkmal

Nun kommen ins Wolfsburger Theater auf dem Klieversberg nicht bloß die Wolfsburger gerne, man reist auch aus Hannover oder Berlin an. Was der Intendanz zu verdanken ist, vielleicht aber auch dem Gebäude selbst. Dessen grandios langgestrecktes Foyer fördert das Flanieren ebenso wie das Gespräch vor dem ersten und nach dem letzten Vorhang. Dessen eindrucksvolle räumliche Inszenierung des Theaterraums im Theaterraum ein ganz besonderes Ankommen produziert. Dessen immer noch ausgezeichnete Akustik sowohl Schauspiel- wie auch Musikensembles sicher sein lässt, in Wolfsburg einen Auftritt haben zu müssen. Die Besucher scheint der Raum ebenfalls zu überzeugen, mit rund 90 Prozent Auslastung gehört das Theater in Wolfsburg zu den am geringsten subventionierten Großkultureinrichtungen der an diesen Institutionen nicht armen Republik.

Aber dennoch: Die Zeit bleibt nicht stehen. Abnutzungen durch Gebrauch erzeugen mehr als nur edle Patina in Scharouns materialisierter Botschaft seines organischen Bauens. Auch die Ansprüche der Regie und des Bühnenbilds steigen, der Theatersound verlangt nach mehr Dezibel und die Zuschauer wollen keine Zugluft im Nacken spüren oder Arbeitsgeräusche aus der Haustechnik hören. Der Brandschutz, die Energieverbräuche, zu lange Schlangen vor dem Kassenschalter oder den Damentoiletten: Es sollte, es musste etwas getan werden.

Was hätte Hans Scharoun gemacht?

Zusammen mit dem Denkmalschutz – das Theater wurde gerade mal 15 Jahre nach seiner Fertigstellung 1973 im Jahr 1988 unter Denkmalschutz gestellt – erarbeitete der über ein VOF-Verfahren ermitteltete Generalplaner Brenne Architekten, Berlin, zunächst alle nötigen Grundlagen in den Schritten „Anamnese“, „Analyse“ und „Therapie“. Ohne die komplexe Bestandsaufnahme auch nur im Ansatz in aller Kürze wiedergeben zu können, kommt die Analyse des bauzeitlichen Kontextes zu einem überraschenden Ergebnis. Architekten und Denkmalpfleger gingen doch tatsächlich der Frage nach, was Scharoun, der die Fertigstellung des Theaters nicht mehr erlebte, möglicherweise noch ergänzt hätte? So kamen in der Bauphase die von ihm geplanten Bühnenneben- und Lagerflächen ebenso wenig zur Ausführung wie die Freiluftbühne an der südlichen Seite, eine Gartenanlage und ein Café auf dem Theaterdach. Im Gespräch mit Winfried Brenne betonte dieser, dass eine Volumenerweiterung (Sanitärbereich, Bühne, Depot- und Magazinräumen) an der geometrisch durchdeklinierten Mies‘schen Nationalgalerie nicht denkbar wäre, hier, am wie gewachsenen Theater in Wolfsburg, schon. Zwar konnten die Volumenergänzungen im Wesentlichen in der ansteigenden Topografie vergraben werden, dennoch sind größere Raumsegmente (auf der der Stadt abgekehrten Südseite) außen sichtbar. Gänzlich neu ist ebenso die Gestaltung der Kasse im Eingangsraum, deren Entwurf im Vergabeverfahren der Lackmustest war für die Eignung und damit Beauftragung des möglichen Generalplaners.

Instandsetzen, renovieren, ertüchtigen

Neben dem durchaus heiklen Weiterbauen gab es natürlich die klassischen Reparatur- und Instandsetzungsarbeiten an der Gebäudehülle. Oberflächen wurden erneuert oder gereinigt und zwar möglichst so, dass Patina dezent erhalten bleibt (so beispielsweise bei den Farbflächen oder den Eschenholzfurnieren im Theater). Auch konnte das bauzeitliche Konzept der Raumbelüftung über Luftauslässe in den Rückenlehnen der Sitze leicht modifiziert erhalten werden.

Dass allenfalls ein Fachmann die partielle Erhöhung eines Geländers oder den gegenüber dem Bestand variierten Fugenrhythmus der Steinplatten vor den teileingegrabenen Zubauten als etwas Neues erkennen kann, ist dem Planer- und Ausführungsteam das größte Lob. Damit erst wird ein solcher Umgang mit einem Baudenkmal zum Vorbild für vergleichbare Anlässe, Geschichte zu bewahren und das Denkmal gegen seine Musealisierung für den Gebrauch zu sichern. Be. K.

Weiteres, auch Fotos, auf DBZ.de

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