Mehr schwarz als grün
Die Expo Real 2008 im Rückblick

Viel dunkles Tuch war zu sehen in den Münchener Messehallen vom 6. bis zum 8. Oktober 2008. Doch weder hatte die Architektenschaft geschlossen die diesjährige Expo Real übernommen, noch war die Immobilienbranche in Trauer gehüllt. Grund genug dazu hätte sie allemal gehabt, angesichts der schwarzen Wolken über den Finanzmärkten. Nein, es war „business as usual“, die Branche gibt sich gern cool, gediegen und dezent, und stürmte trotz Krise in wieder einmal gestiegener Zahl die Münchner Messehallen.

42 000 Teilnehmer fanden sich denn auch als Besucher oder Repräsentanten der Aussteller dieses Jahr in München ein – 3000 mehr als letztes Jahr. Insgesamt 1856 Unternehmen aus 45 Ländern stellten sich vor, unter denen sich wie immer auch einige Architekturbüros befanden. So waren z. B. Auer + Weber und Eller + Eller Architekten mit einem eigenen Stand vor Ort, weitere Büros mit ein­zelnen Projekten im Rahmen der zahlreichen Städtepräsentationen vertreten. Berlin, München, Hamburg, Kiev und viele andere, aber auch Städteverbünde oder die Mäc Geiz Non-Food Vertriebsgesellschaft mbH buhlten um die Gunst der Finanzwelt. Vom ehemaligen Flughafengebäude in Berlin über Feriensiedlungen auf Hawaii bis zum einstigen Kartoffelacker am Rande polnischer Kleinstädte war alles im Angebot, was irgendwie be-, um- oder überhaupt baubar ist. Auf über 100 Einzelveranstaltungen wurde über „Emerging Trends“, „Neue Konzepte im Einzelhandel“, „Globale Kapitalflüsse“ oder die „Schatzsuche am schwarzen Meer“ debattiert; der „Real Estate Investors Guide“ vermittelte dem Besucher detaillierte Kenntnisse über die Rahmenbedingungen für Investitionen an Orten wie Kasachstan, Polen, Bulgarien oder Rumänien. Eine ganze Reihe von Architekten nutzte wieder die Chance zur Information, Kontaktpflege und Neuakquisition – eine sinnvolle Sache, denn nirgendwo sonst bietet sich eine vergleichbare Chance, so viele Kontakte in die Immobilienbranche zu knüpfen und mehr über aktuelle Trends für das eigene Arbeitsfeld zu erfahren.

Neben der obligatorischen Diskussion aktueller Investment- und Finanzstrategien war das Thema „Nachhaltigkeit“ diesmal Schwerpunkt der Messe. „Nachhaltige Stadtentwicklung“, „Öko-Offices“ oder „Null-Energie-Städte“ waren Themen der Panels. Es gab viel grüne Standdeko zu sehen, grüne Prospekte zu bestaunen und grüne Äpfel lagen zur Stärkung bereit – fast könnte man meinen, die Immobilienbranche sei schon seit Jahren eine der nachhaltigsten. Leider zeigen die nackten Zahlen bislang ein anderes Bild, eben­so wie die ausgestellten Objekte. Bei weitem nicht alles, was man zu sehen bekam, war „grün“ – und schön schon überhaupt nicht. Insbesondere die Stände aus den osteuro-päischen Ländern, allen voran Moskau mit seiner gigantomanischen Schau, ließen dem auch nur ansatzweise an Architektur interessierten Besucher die Tränen in die Augen schießen. Aufgedonnerte Hostessen überreichten Hochglanzprospekte von ausgesuchter Scheußlichkeit. Entfesselte Formen, hilfloser Kitsch und erbarmungslose Landschaftsverschandelung überboten sich gegenseitig – für die einen eine Goldgrube, für sensiblere Gemüter ein Tal des Jammers. Von Nachhaltigkeit fehlte hier jede Spur.

Erstmals wurde auf der Messe der von der Zeitschrift PropertyEU mit der Expo Real initiierte „Green Thinker Award“ verliehen. Ziel des Preises ist es, so die Auslober, die „grünen Vordenker“ der Branche zu ermitteln. Dass dieser dann an Alvaro Portela, CEO des portugiesischen Entwicklers Sonae Sierra ging, welcher erst kürzlich die monströse Shopping-Mall „Alexa“ am Berliner Alexanderplatz eröffnete, irritierte. Weiter nominiert für diesen Preis waren unter anderem die ECE Projektmanagement oder die Hochtief Projektentwicklung – allesamt Unternehmen, deren bislang abgeschlossene Projekte nicht gerade Pioniertaten des nachhaltigen Bauens waren. So ist mit einiger Skepsis zu betrachten, was sich die Branche hier auf die Fahnen schreibt. Dennoch: Zumindest verbal ist das Thema offensichtlich angekommen, und das gilt es zu begrüßen. Wie sich allerdings die Finanzkrise auf dieses noch zarte Pflänzchen auswirken wird, darüber bestand jedoch weitestgehend Uneinigkeit. Während die einen den Rückgang von Investitionen in Nachhaltigkeitsaspekte vorhersagten, waren andere hoffnungsvoller und sahen gerade die Krise als Chance: Nur nachhaltige, energetisch optimierte und damit „grüne“ Immobilien hätten überhaupt zukünftig noch eine Chance am Markt, so Simon Jenner, Hines UK. Und Jonathan Fenton-Jones, Gazeley UK, eines der weltweit führenden Entwickler von Logistikimmobilien, schalt die Branche: „Unser ganzes System ist nicht nachhaltig“, so sein Resumé auf dem Best-Practice-Panel. Allzu gern mochte man ihm zustimmen angesichts des Gezeigten – und war doch immerhin froh über die Diskussion. Die Zukunft bleibt erst einmal schwarz mit grünen Punkte. Moritz Henning, Berli

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