Mainzer Rathaus wird saniert. Bürger sollen entscheiden

Mainz liegt nicht weit entfernt von Frankfurt a. M., hier wie dort wird gerade an der Stadtgeschichte gearbeitet. In Mainz aktuell mit einem Bürgerbegehren, in welchem die Stadt zum ersten Mal in ihrer Geschichte zum Votum bat: für oder wider die Erweiterung des Gutenberg Museums durch den „Bibelturm“. Der Entwurf kommt von DFZ Architekten, Hamburg, die Anfang 2017 einen europaweit ausgeschriebenen Architektenwettbewerb gewannen. Tatsächlich wird aber das Bürgerbegehren, das von einer Bürgerinitiative gegen den „Bibelturm“ initiiert wurde, von der Verwaltung der Stadt nicht akzeptiert. Zu spät komme der Einwand, der von knapp 10 000 Mainzer BürgerInnen unterstützt wird.

Damit wird das erste Bürgerbegehren die von der Stadt selbst initiierte Befragung der Bürger zur Zukunft des Mainzer Rathauses werden. Der Bau aus den frühen 1970er-Jahren – nach einem Entwurf von Arne Jacobsen mit Otto Weitling – ist in die Jahre gekommen, längst überfällige Sanierungen stehen an. In Steinwurfweite des „Bibelturm“-Projekts, also mitten in der Altstadt und spektakulär auf dem westlichen Ufer des Rheins positioniert, war der Rathausbau schon seit vielen Jahren für eine umfassende Sanierung vorgesehen. Immerhin gab es eine Kostenschätzung und eine Kostendeckelung: 50 Mio. € dürfen es werden, mehr nicht.

2016 wurde dann ein Gutachterverfahren eingeleitet, das agn Niederberghaus & Partner aus Ibbenbüren für sich entschied. Zwei zentrale Erkenntnisse beinhaltete das Gutachten: Zum ersten kommt es zu dem Schluss, dass eine Sanierung kostengünstiger werde, als ein Neubau. Zum anderen: 50 Mio.€ reichen nicht. Was auch daran liegen mag, dass die Sanierer mehr wollen, als bloß das festhalten, was ist. Und sie haben Recht mit ihren Vorschlägen, das Rathaus mit seiner dezidiert öffentlichen Funktion, wie sie schon in der Wettbewerbsauslobung 1967 gefordert war, zu erhalten und zu stärken. So planen agn neben der energetischen wie technischen Sanierung ein zentrales, tageslichthelles Rathausforum und ein „Rathausdach“ mit Café als Aussichtsplattform. Hinzu kommt u. a. die Absenkung der Rathausterrasse zur besseren Anbindung an den Stadtraum ohne dabei die von Jacobsen gesetzte städtebauliche Ensemblekonstellation infrage zu stellen.

Weil die Stadt nun vor der Sprengung des „Finanz-Deckels“ steht, möchte sich ihr Oberbürgermeister, Michael Ebling (SPD), nun also in der Bürgerschaft rückversichern. Was aber geschieht – und das ist beinahe zu vermuten – wenn sich die Bürger gegen die Mehrkosten/Sanierung/Aktualisierung aussprechen? Es würde ein Foyer mit regelmäßig kuratierten Ausstellungen wegfallen, ebenso ein Versammlungssaal. Und nicht zuletzt die Atmosphäre in einem Bau mit Geschichte, denn vor diesem war Mainz jahrhundertelang ohne Rathaus. Die mitregierenden Grünen sind sich wegen des Bürgerentscheids noch nicht einig, die FDP will ihn. Dem OB ist ein Funktionieren der Verwaltung oberstes Gebot, was, mit Blick auf die durch Vernachlässigung herbeigezwungene Bauschadenmenge keine gute Prognose für den Bau darstellt, dessen Fertigstellung sein Architekt, Arne Jacobsen, nicht mehr miterleben konnte. An seinem fünfzigsten Todestag, am 24. März 2021, sollte sich die Stadt aber nicht die Blöße geben … Die Architektenkammer fordert schon mal einen „Brexit Mainzer Rathaus“. Was genau sie damit meint, ist allerdings nur zu vermuten. Be. K.

www.mainz.de, www.agn.de, dfz-architekten.de

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