Liebe LeserInnen,

auf die Frage, wie er, der große Bildhauer, ein so einmaliges wie großes Werk habe schaffen können, antwortete der franzöische Künstler August Rodin mit „travailler, travailler et encore travailler“. Arbeiten, arbeiten und noch einmal arbeiten, das war (und ist noch?) die Maxime, die für ein erfolgreiches Lebenswerk stand. Doch allem – auch und besonders gebautem – Anschein zum Trotz, hat sich hier etwas verändert. Nicht mehr das Arbeiten an sich gilt als ein Wert und die ausschließliche Möglichkeit, sich als Mensch in der Gesellschaft zu definieren. Es zählen längst schon andere Dinge: Freizeit beispielsweise, selbstbestimmte Arbeitszeiten, das Arbeiten mal hier, mal dort, ein fließender Wechsel von Gruppen- zu Soloarbeit. Überhaupt das Fließende. Wovor Gewerkschaften, aber auch Psychologen warnen, ist die zunehmende Vermischung von Arbeit und Freizeit, von Arbeit und Familie. Sie kommentieren kritisch die Arbeit auf Abruf und die Arbeit, die keine sein will. Die Digitalisierung ermöglicht Gleichzeitigkeiten, die bis vor Kurzem noch nicht denkbar waren und nur in der SF-Literatur, in Forschungsprojekten Platz hatten.

Und obwohl das Arbeiten einen dramatischen Wandel erlebt hat – und immer noch, angefeuert durch die Pandemie, erlebt – muss man immer noch nach architektonischen Konzepten suchen, die das abbilden. „Arbeiten“ ist das bewusst fokussiert wie zugleich offen gehaltene Titelthema dieser DBZ-Ausgabe, zu dem wir uns Martin Henn von HENN, Berlin, als Heftpartner dazugeholt haben. Das große Büro leistet sich eine eigene kleine Abteilung, die sich dem „Programming“ widmet. Hier forschen ArchitektInnen nach Möglichkeiten, auf die skizzierten Veränderungen des Arbeitens über Grundrisse, Vertikalvernetzungen, Cluster und anderes baulich zu reagieren und das Gebaute dennoch offen zu halten für Anpassungen, die in unseren schnellen Zeiten unabdingbar geworden sind (zum „Programming“ hier im Heft auf S. 54ff). Mit Martin Henn zusammen diskutierten wir das Spektrum der für dieses Heft ausgewählten Projekte und schauten dabei einmal weiter über die Landesgrenzen hinaus. Nach Österreich, Frankreich, Finnland und in die USA, aber natürlich auch in dieses Land, wo wir mit „Covestro“ in Leverkusen (S. 24ff) gleichsam den Bürobau klassischer Ordnung auf dem Gipfel zeitgemäßer Varianz abbilden. Anders dagegen das Headquarter von ASI Reisen in Innsbruck (S. 42ff), in dem die Verdichtung Büro/Zuhause sehr anschaulich gemacht wurde. Auch die übri­gen Projekte probieren – mal sehr radikal, mal schon erprobt, aber noch verfeinert – die sich verändernde Arbeitwelt baulich so abzubilden, dass Arbeitgeber- und Arbeitnehmeransprüche mit der neuen Arbeitswelt in Einklang gebracht sind.

Wir selbst, der Bauverlag mit seinen 18 Fachzeitschriften, haben uns auch eine neue Arbeitswelt geschenkt. Vieles ist besser, schöner und für die Arbeit unterstützend; manche Patina fehlt, die informellen Räume müssen neu codiert werden. Am Ende bleibt die schier unüberbrückbare Diskrepanz in der Synchronisation der höchst verschiedenen Geschwindigkeiten von Planen, Bauen, Nutzen und den sich rasant ändernden Arbeitsmitteln, -weisen und -möglichkeiten. Die Arbeitswelt verändert sich schnell und kontinuierlich, ich schließe à la Rodin mit „Reste agil, agil et encore agil!“

Seien Sie herzlich gegrüßt ... und bleiben Sie beweglich,

Ihr

Benedikt Kraft

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