Lagerbauten aus Beton Firmenhalle KAMP, Theresienfeld/AT

Für einen Steinmetzbetrieb entwickelten gerner°gerner plus den Masterplan für ein geordnetes, formschönes, gewerbliches Wachstum. Skulpturale Lagerbauten aus Ortbeton an der Zufahrt und modular addierbare, flexibel nutzbare Hallen aus vorgefertigten Betonelementen bilden ein funktionierendes Ensemble und einen einmaligen Ort.

Begonnen hat alles 2002: Damals baute Josef Kampichler die erste Halle. „Es war eine 08/15 Halle aus Blech“, erinnert er sich. „Die nächste war schon aus Beton.“ Kampichler leitet einen Steinmetzbetrieb, der Natursteine für Küchen, Fassaden, Treppen und mehr zuschneidet, bearbeitet, anliefert und montiert. Im niederösterreichischen Theresienfeld hat er ein knapp über 18 000 m² großes Grundstück: An der Längsflanke im Norden erfolgt die Zufahrt an der Bahnstraße, wo sich diverse Bauten in einem Stilmix zwischen rustikal, industriell, originell und banal zu einem kleinen, heterogenen Gewerbegebiet formieren. Im Süden und Osten aber erstrecken sich weite Felder in die flache, ebene Landschaft. Hier generiert die Firma eine starke Fernwirkung.

Klares Konzept

Auf die erste Halle folgte eine zweite, darauf ein Verwaltungsbau, doch der Betrieb wuchs weiter. Kampichler holte sich professionelle Planungshilfe. Bei Projekten der Architekten gerner°gerner plus hatte er öfter Steinmetzarbeiten ausgeführt. „Wir wollten Ordnung in das chaotische Gewerbe-Umfeld bringen“, so Andreas Gerner, Bürogründer von gerner°gerner plus. „Es gab kein klassisches Raumprogramm, nur eine ziemliche Dynamik. Dafür entwickelten wir ein System.“ Die Architekten gingen von der bestehenden Halle aus, legten davor die Zufahrt fest und erweiterten sie rechts und links um eine homogene, modular erweiterbare Hallenstruktur aus Betonfertigteilen. Der Bestand war damit perfekt integriert. Gemeinsam bildeten die aneinandergereihten Hallen einen durchgehenden Baukörper: 50 m breit, an die 10 m hoch und derzeit 185 m lang. Im Osten, wo den Hallen transparente Büros vorgelagert sind, wurde mit einer Über-Eck-Verglasung unter der leicht auskragenden, vorgefertigten Betonsandwichpaneel-Fassade so etwas wie ein Kopf definiert: Vor dieser transparenten Stirnseite liegen die Parkplätze, hier ist keine Erweiterung mehr möglich.

Geordnetes Wachstum

Im Norden bilden spitz zulaufende, aus Ortbeton gegossene Wandscheiben, die sich blickschützend um Paletten, Verschnitt, gebrochene Steinplatten und ähnliches wickeln, eine kunstvolle Formation aus kleineren, teils gedeckten, teils offenen Baukörpern. Sie dienen als Materiallager, Trafostation, Ablagefläche etc. Städtebaulich höchst wirksam fassen sie die Zufahrt ein, fungieren als klare Abgrenzung zum Gewerbegebiet und halten die leicht konische Fläche zwischen Halle und Lager frei. „Diese Baukörper beinhalten alle Nebenräume, die man so braucht – und schaffen Ruhe und Klarheit“, sagt Gerda Gerner, Bürogründerin von gerner°gerner plus. Im Prinzip haben  
die Architekten eine Art Masterplan für ein formschönes, funktionelles und damit an diesem Ort einzigartiges gewerbliches Wachstum festgelegt und bis ins Detail stringent durchgeplant. Das Verhältnis zwischen Architekten und Bauherren war idealtypisch: Der Bauherr Josef Kampichler vertraute der städtebaulich-gestalterischen Kompetenz von gerner°gerner plus komplett und war bereit, sein Werksgelände konsequent in einer bestimmten Ästhetik auszubauen. „Der Bauherr suchte perfekte Materialien: Er wollte etwas Authentisches. Es bedurfte keiner Überredungskunst, ihn von Beton zu überzeugen“, so Architektin Gerda Gerner. „Man kann Beton nämlich wie Naturstein behandeln.“

Skulptural und funktional

Perfekt geschalt, mit einer glatten Oberfläche, messerscharf durch klar definierte Zwischenräume voneinander abgesetzt, bilden die Lagerbaukörper gleichermaßen die Vorhut und erste, baulich manifeste Schicht an der Straße durchs Gewerbegebiet. „Das ist unser ‚Rückgrat‘, das die Umgebung ausblendet und natürlich eine skulpturale Wirkung hat“, so Andreas Gerner. Die unterschiedlich langen und hohen Baukörper, die von Osten nach Westen immer niedriger werden, erzeugen in ihrer kontrapunktischen Aneinanderreihung eine subtile Dynamik und einen bestimmten Rhythmus. So filtern sie auf eine ganz eigene Weise den Blick auf die Nachbarschaft und das Werksgelände. Sie wirken wie abstrakte Skulpturen. Selbst die Entwässerungsrinne, die entlang ihrer firmenseitigen Kanten verläuft, trägt zum ausbalanciert dynamischen Erscheinungsbild des Platzes bei. Außerdem erfüllen die Baukörper ihre Funktion als Lager ganz vortrefflich. „Wir brauchen weder einen Zaun, noch ein Tor“, so Andreas Gerner.

Die skulpturalen Bauteile aus Ortbeton verlangten Baumeister Manfred Sperhansl einiges ab: Einerseits war da die Dachfläche aus wasserundurchlässigem Beton, die einen Teil der schräg ansteigenden Wandscheiben des zweiten Lagers bedeckt. Sie ist geometrisch eine windschiefe hyperbolische paraboloide Fläche (HP-Fläche) und kommt – wie alle anderen Dachflächen auch – ohne Blech und Regenrinnen aus. Andererseits sind die Oberflächen unterschiedlich: Um außen ein glattes Schalungsbild zu erreichen, legte man Schalungsplatten auf normale Alu-Kassettenschalungen. Ihre Proportion entspricht den Sandwich-Fassaden-Paneelen der Hallen, also etwa 6,60 x 2,50 m. Dadurch korrespondieren die Bauteile miteinander. „Das Schalungsbild musste man sich genau überlegen. Außerdem waren die Schalungsplatten immer wieder zu demontieren und neu aufzubringen. Das war ein vermehrter Aufwand“, so Sperhansl. Eines der Lager hat ein spitzes, über Eck geführtes Fenster: Dafür musste man die Körnung beachten. Die betrug 16/22. „Wir mussten sorgsam betonieren, damit sich keine Betonnester bilden.“ Innen ist die Betonoberfläche gestockt. Das verweist auf den Naturstein und erzeugt einen spannungsvollen Kontrast. Alle Tore sind aus schwarz lackiertem Holz. Weil der Boden leicht geneigt ist, fallen sie ganz von alleine zu.

Optimales Preis-Leistungsverhältnis

Rund zwei Drittel der Hallen aus vorgefertigten Betonelementen sind vermietet. „Der Bauherr hat keine Akquise betrieben, aber Architecture sells“, so Matthias Raiger, Partner bei gerner°gerner plus und Projektleiter. „Jede Halle bietet einen hohen Standard.“ Der Boden besteht aus einer 20 cm dicken, gabelstaplerfesten, stahlfaserbewährten, frost- und tausalzbeständigen Betonplatte, in jeder Halle gibt es einen Montagekran. Die Sektionaltore sind 4,10 m hoch. Sie dienen als Aus- und Einfahrten für die LKWs und liegen im Süden zentral in der Mitte der Hallen: Plexiglas lässt die Sonne hereinscheinen und gibt den Blick auf die Felder frei. Die Toröffnungen rhythmisieren die lange Fassade. „Die Proportionen waren uns wichtig“, sagt Architekt Raiger. „Alle Hallen sollten trotz unterschiedlicher Nutzer eine Einheit bilden.“ Vor einer Halle ragen Rohre hoch: Eine schwarze Holzplatte verdeckt sie, damit das Gesamtbild aus der Ferne homogen bleibt. Außerdem gibt es Oberlichtbänder. Die Stahlbetonstützen und durchgehenden Träger sind weiß gestrichen: So wirken die großzügigen, 8,5 m hohen Hallen sehr aufgeräumt und hell. Die Spannweiten betragen zwischen 20 und 25 m, die vorgefertigten Sandwichpaneele haben 10 cm Wärmedämmung, es gibt Gaskonvektoren und Foliendächer. In einigen Hallen planten gerner°gerner plus „Meisterkabinen“ ein: Zu ebener Erde dienen die Glaskojen mit Tischen und Sesseln als Sozialräume, auf dem Dach, so es schon wärmer ist, gibt es eine Galerie mit Dusche und freier Sicht über die Halle. Handlauf und Treppe sind mit Naturstein belegt. Auch die Büros sind von gerner°gerner plus gestaltet: In den Hallen der Cummins Diesel-Kögler Antriebstechnik werden Autos repariert, im ersten Geschoss steht ein aerodynamisches, freigeformtes Empfangspult aus weiß lackierten MDF-Platten, die breite Brüstung des durchlaufen­den Fensterbands ist mit gestocktem Sandstein belegt. Die Dame, die dort arbeitet, schätzt ihr helles, modernes Büro mit dem tollen Ausblick sehr. „Auf lange Sicht war das Preis-Leistungsverhältnis der vorgefertigten Betonhallen das absolut Beste“, sagt Josef Kampichler. „Die Fertigteile sind frost-tausalzbeständig und haben eine gute Oberflächenqualität. Außen haben wir sie hydrophobiert, damit sie weniger anfällig gegen Feuchtigkeit sind.“ Kampichler kaufte das Nachbargrundstück im Westen. Dort planen gerner°gerner plus nun eine weitere Halle. Isabella Marboe, Wien

129  1–6

1 Lagerplatz
2 Bestand Lagerplatz überdacht
3 Lagerplatz überdacht
4 Ein- und Ausfahrt
5 Empfang
6 Lager
7 Manipulationshalle
8 Produktionshalle Bestand
9 Lagerhalle Bestand
10 Lagerhalle
11 Meisterkabine
12 Innenhof
13 Büro
14 Mannschaftsraum

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