Interview mit Prof. Wolf D. Prix
„Es war wirklich fantastisch zu sehen, wie das Gebäude in seiner Form gewachsen ist, und ich habe manchmal bedauert, dass wir die Stahlkonstruktion am Ende wieder ver­kleiden mussten. Denn mich hat der Rohbau immer an die Entwürfe von Piranesi erinnert.“
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DBZ: Wie verlief die Zusammenarbeit mit Ihrem Auftraggeber – auch über die Distanz zwischen China und Europa?

Wolf D. Prix: Das ging nicht ohne tägliche Videokonferenz mit unserem chinesischem Partnerbüro vor Ort. Es war eine große Herausforderung, unsere chinesischen Partner mit den Computerprogrammen vertraut zu machen, mit denen wir arbeiten und die sie zu Beginn der Zusammenarbeit gar nicht kannten. Sie haben aber sehr schnell gelernt. Wir haben den Auftrag vom Bürgermeister der Stadt Dalian bekommen, der bei einem Besuch in München unsere BMW Welt gesehen hatte. Und sehr begeistert davon war. Das hatte den großen Vorteil, dass er als Bürgermeister und somit als Auftraggeber hinter jeder unserer Entscheidungen gestanden hat. So konnte ich mich immer, wenn es kritisch wurde, auf den Bürgermeister berufen. Die Entscheidungen gingen dann sehr schnell.
DBZ: Wie verlief der Entwurfsprozess? Arbeiten Sie nur mit Computer- oder auch mit klassischen Arbeitsmodellen?

W. P.: Bei uns ist der Entwurfsprozess ein sehr komplexer Prozess.

Parametrische Programme als alleinige Entwurfsmethode wären ein geschlossenes System und dem stehe ich eher skeptisch gegenüber. Aber als Planungshilfe sind sie unersetzlich. Ohne diese Programme hätten wir die Aufgabe nicht in dieser kurzen Zeit bewältigen können, denn wir haben für das Projekt – Entwurf, Planung und Bau – nur drei Jahre gebraucht. Im Allgemeinen beginnen wir mit Arbeitsmodellen, übertragen diese Entwürfe dann in den Computer und generieren 3D-Modelle, die wir anschließend wieder an einem Modell überprüfen. Die Modelle werden von Hand gemacht und dabei spielt immer auch der Zufall eine Rolle – wie in der Evolution. Der rote Punkt auf dem Schmetterlingsflügel ist auch nicht geplant. Für den Innenraum der Oper zum Beispiel haben wir zunächst die akustischen Anforderungen genau studiert und daraus die Form des Konzertsaales entwickelt. Die Form, die wir dann an großen Modellen überprüft und akustisch vermessen haben. So wurde der Saal sozusagen eine funktionale Plastik.  
DBZ: Das Konferenzzentrum besteht aus einem ziemlich komplexen Raumprogramm. Stand dieses von Anfang an fest?

W. P.: Von Anfang an stand fest, dass das World Economic Forum ein Hauptnutzer des Gebäudes sein wird. (Anm.: Das World Economic Forum wird auf Deutsch oft als Weltwirtschaftsforum bezeichnet.

Es ist eine in der Schweiz ansässige, gemein­nützige Stiftung, die vor allem durch ihr jährliches Treffen in Davos bekannt ist, bei dem international führende Wirtschaftsexperten, Politiker, Intellektuelle und Journalisten zusammenkommen, um über aktuelle globale Fragen der Wirtschafts- oder auch Gesundheits- und Umweltpolitik zu diskutieren. Seit 2007 gibt es ein weiteres jährliches Treffen in China, das so genannte „Sommer-Davos“. Es findet vom 11.–13. September 2013 zum ersten Mal am neuen Standort in Dalian statt.) Die Anforderungen des Weltwirtschaftsforums bestimmten das Raumprogramm, also die Größe und Anzahl der Konferenzsäle und Büros. Zum Zeitpunkt des Wettbewerbs gab es noch keinen Konzertsaal. Diese kulturelle Nutzung ist auf Wunsch der Stadt erst später dazugekommen. Das bestimmte unter anderem die Gebäudeform.

DBZ: Wie entstand die Gebäudeform?

W. P.: Um Platz für die Oper zu gewinnen, haben wir die Konferenzsäle als bestimmendes Formelement aus der Fassade gerückt. Und ein weiterer Faktor, der die Gebäudeform bestimmt hat, waren die klimatischen Bedingungen des Ortes. In Dalian herrscht stets ein starker Meereswind. Diesen nutzen wir als Unterstützung für die Gebäudekühlung. Die Konstruktion der Gebäudehülle, die einerseits durch das Hinausdrehen der Konferenzsäle und andererseits durch die klimatischen Bedingungen sehr stark verformt wird, war nur und das in sehr kurzer Zeit möglich, weil wir parametrische Computer­programme verwendet haben. Natürlich unterscheidet sich der planerische Aufwand dieser Hülle von einer Lochfassade dramatisch.

Aber durch den Einsatz von Computern kann man diesen Aufwand verkürzen und dadurch nicht nur die Baukosten, sondern auch die Planungskosten verringern.
 
DBZ: Das Gebäude besteht vor allem aus Stahl. Die Stahlkonstruktionen sind in Zusammenarbeit mit Schiffswerften entstanden. Wie und warum?

W. P.: Wie man weiß, hat Le Corbusier gesagt, man müsse Gebäude wie Schiffe bauen. COOP HIMMELB(L)AU hält was Corbusier versprochen hat. Die lokalen Werften waren die einzigen Firmen, die 10?cm dicke Stahlplatten exakt und sicher verschweißen konnten. Und zweitens waren die Werften schneller als jede andere Stahlbau­firma. Das war nicht das erste Mal, dass wir mit Schiffswerften zusammen gearbeitet haben – die Kunsthalle am Dach des Museums in Groningen und das Dach der evangelischen Martin-Luther-Kirche in meinem Heimatort Hainburg sind Beispiele dafür.
 
DBZ: Was sagen Sie denn zum Thema Materialminimierung im Hinblick auf den Einsatz von Stahl beim Konferenzzentrum in Dalian?

W. P.: Bei uns ist die Entwurfspriorität der begehbare Raum und nicht das Sparen am Material. Dann entstehen Kisten. Bei uns ist die Priorität der Raum. Es war wirklich fantastisch zu sehen, wie das Gebäude in seiner Form gewachsen ist, und ich habe manchmal bedauert, dass wir die Stahlkonstruktion am Ende wieder verkleiden mussten. Denn mich hat der Rohbau immer an die Entwürfe von Piranesi erinnert.
 
DBZ: Was gefällt Ihnen besonders an Ihrem Gebäude – jetzt, wo es fertig da steht?
W. P.: Das Gebäude ist trotz seiner immensen Größe für immerhin 7?000 Menschen sehr lebendig wie eine Stadt. Schauen Sie sich die Räume zwischen den Konferenzsälen an und die Erschließungswege, die quer durch den Raum führen. Die Eingangshalle ist so groß wie vier Fußballfelder und zum Teil bis zu 45?m hoch. Und trotz dieser Größe ist das Gebäude nicht abweisend, sondern übersichtlich und einladend.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Susanne Kreykenbohm mit Prof. Wolf D. Prix für die DBZ im Wiener Atelier von COOP HIMMELB(L)AU.

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