Inklusiv Bauen: vier bundesweite Regionalkonferenzen für Planer

„Inklusion beinhaltet die Vision einer Gesellschaft, in der alle Mitglieder in allen Bereichen selbstverständlich teilnehmen können und die Bedürfnisse aller Mitglieder ebenso selbstverständlich berücksichtigt werden. Inklusion bedeutet davon auszugehen, dass alle Menschen unterschiedlich sind und dass jede Person mitgestalten und mitbestimmen darf. Es soll nicht darum gehen, bestimmte Gruppen an die Gesellschaft anzupassen.“ So definiert Erziehungswissenschaftler Walter Krög einen Begriff, der zur Zeit auf vielen Ebenen thematisiert wird.

Auch die Bundesarchitektenkammer führt gemeinsam mit der Beauftragten der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen, Verena Bentele, eine Veranstaltungsreihe durch, die den Beitrag von Architekten und Stadtplanern und deren Kompetenzen beim Thema „Inklusive Gesellschaft“ darstellen und das Bewusstsein für die Belange behinderter Menschen schärfen möchte. Zusammen mit den Länderkammern werden vier Regionalkonferenzen (Süd – 
Nord – West – Ost) mit dem Titel „Inklusiv gestalten – Ideen und gute Beispiele aus Architektur und Stadtplanung“ ausgerichtet. Diese Regionalkonferenzen sind zugleich Fortbildungsveranstaltungen für Absolventen und Kammermitglieder. Bei den Veranstaltungen gibt es „Best-Practice-Beispiele“ aus den ­Bereichen „Wohnen“, „Stadtquartier“ sowie „Freiraum – Freizeitraum“, die anschließend in Podiumsgesprächen diskutiert werden.

Die erste Regionalkonferenz (Süd) fand Ende November in München statt. Ende Januar folgte die zweite (Nord) in Hannover. In seinem Grußwort betonte der Präsident der Architektenkammer Niedersachsen, Wolfgang Schneider, dass Architekten viele Lösun­gen finden, stets unterschiedliche Probleme betrachten und verschiedene Nutzeranforderungen bedenken. Auch wenn dies seit jeher zur Jobbeschreibung von Architekten gehöre, sei es dennoch richtig, Architektenschaft und auch Bauherren stärker als bisher über Inklusion und Barrierefreiheit im Bauen aufzuklären. Einem etwas beängstigenden Blick in die Zukunft durch die Hamburger Trendforscherin Birgit Gebhardt (Autorin des Buches „2037 – Unser Alltag in der Zukunft“) folgten aktuelle, gebaute Beispiele, wie die neue inklusive Wohnanlage „Wohnen am Thie“ am Kronsberg in Hannover von kellner schleich wun­derling architekten + stadtplaner aus Hannover.

Beim „Wohnen am Thie“ planten die Architekten 36 Wohneinheiten. Dazu zählen drei Wohngruppen als Wohngemeinschaften für sieben Personen, die nach der DIN 18040_R (für uneingeschränkte Rollstuhlnutzung) ausgeführt worden sind. In enger Abstimmung mit den zukünftigen Bewohnern haben die Planer sieben Appartements mit eigenen Duschbädern um einen zentralen Bereich aus Entree, Küche, Wohn- und Essraum angeordnet, der vielfältige Blicke eröffnet. Damit die Wohngruppe so „normal wie möglich“ in ­ihrer Wohnung ­leben kann, haben die Architekten alle „dienenden Räume“ außerhalb der Wohnung ­untergebracht. Architektin Karin Kellner beschrieb anschaulich Herausforderungen aus Brandschutz und Gebäudetechnik, wie 1,70 m breite Treppenläufe, zwei Evakuierungsabschnitte, zwei Brandmeldeanlagen oder die Anordnung der Schalter und Schwesternrufanlagen bei variablen Bettpositionen im Zimmer. Mithilfe von Visualisierungen haben sich die Planer der Gestaltung der zentralen Aufenthaltsbereiche genähert. „Rolli-Fahrer“ brauchen keine Stühle. Stattdessen ist ein Rammschutz entlang der Wände nötig. Wie schafft man einen angenehmen Aufenthaltsraum – mit Rammschutz und Tischen „ohne Stühle“?

Ob es ihnen gelungen ist, werde sich zeigen, meinte die Architektin. Das Gebäude werde gerade bezogen. Sie ist überzeugt, dass allein aufgrund der Kosten für die Gebäudetechnik ein solches Bauvorhaben immer noch wesentlich teurer sei als konventionelle Wohnbauten. Dem widersprach die Beauftragte der Bundesregierung Verena Bentele, die der Meinung ist, dass „von Anfang an geplante Barrierefreiheit“ der Volkswirtschaft langfristig Kosten sparen werde. Die Planerin erwiderte, die Realität sähe in der Projektbetrachtung anders aus, mehr ­Geschoss- und Verkehrsflächen, mehr TGA – Investoren dächten noch nicht an volkswirtschaftliche Kosten. Nicht nur die höheren Kosten barrierefreien Bauens waren Thema der anschließenden Podiumsdiskussion. Einig waren sich die Diskutanten, dass Inklusion eine Aufgabe für die ganze Gesellschaft sei. Susanne Kreykenbohm, Hannover

Thematisch passende Artikel:

Neuer Präsident Architektenkammer NRW

Lüdenscheider Architekt Ernst Uhing ist neuer Präsident der Architektenkammer Nordrhein- Westfalen, folgt Hartmut Miksch

Der Lüdenscheider Architekt Ernst Uhing ist neuer Präsident der Architektenkammer Nordrhein- Westfalen. Das Architektenparlament wählte den 57-jährigen am 9.11.2013 in Düsseldorf zum Nachfolger...

mehr

Ernst Uhing zum neuen Beisitzer ins Präsidium des BDB gewählt

Der Lüdenscheider Architekt tritt im BDB auf Bundesebene die Nachfolge von Dipl.-Ing. Hartmut Miksch an, der nach fast 20 Jahren als Präsidiumsmitglied sein Amt zurückgegeben hat

Mit überzeugendem Votum der rd. 240 Delegierten des diesjährigen Baumeistertages in Berlin ist am vergangenen Wochenende der Lüdenscheider Architekt BDB Dipl.-Ing. Ernst Uhing zum neuen Beisitzer...

mehr
Ausgabe 2020-01

Ziele im Wandel

Berufspolitische Sicht auf die Digitalisierung

Die Digitalisierung dringt in alle Lebensbereiche vor. Ebenso wie beispielsweise die Industrie sich mit dem Programmtitel „Industrie 4.0“ darauf einstellt, muss sich auch das Planen und Bauen mit...

mehr

Andreas Wohlfarth als Präsident der Architektenkammer Sachsen gewählt

Zu einem Pilotprojekt des ehemaligen Präsidenten gehörte der „Digitale Bauantrag“. Die Ziele seines Vorgängers möchte Andreas Wohlfarth ebenso ambitioniert angehen und sagt zu seiner Wahl als...

mehr

Volles Programm

Veranstaltungsprogramm der Bremer Architektenkammer für April 2009

Die Bremer Architektenkammer stellt für den Monat April ein vielfältiges und aktuelles Veranstaltungsprogramm vor. In der Auflistung sind alle Termine bis zum 8. Mai 2009 aufgeführt. Zu den...

mehr