Prozessorientiert und klar strukturiertHAWE-Werk, Kaufbeuren

In Kaufbeuren entstand 2014 ein Industriegebäude für die Firma HAWE Hydraulik SE. Das Familienunternehmen mittlerer Größe hat seinen Stammsitz in München und produziert an mehreren Standorten für den internationalen Markt. Die Berliner Architekten Barkow Leibinger fügten nach einem Architektenwettbewerb vier Produktionshallen „campusartig“ in die Allgäuer Landschaft und schufen somit eine „Grüne Fabrik“.

Knapp über 50 000 m² BGF auf der grünen Wiese dienen der Herstellung von Hydraulikaggregaten und -systemen am bayerischen Standort Kaufbeuren. Nach längerer Grundstückssuche passt sich die Fabrik durch die campusartige Auflockerung heute wunderbar in den vorgefundenen landschaftlichen Kontext am Rand des bayerischen Allgäus ein.

2008 fand dazu ein eingeladener Architektenwettbewerb statt. Unter den sieben Teilnehmern kristallisierte sich das Architekturbüro Barkow Leibinger mit seinem Entwurf als am geeignetsten heraus. Baumschlager Eberle hatten mit einer kompakt gehaltenen minimalistischen Großform zunächst den ersten Preis erhalten, konnten sich in der Überarbeitung aber nicht gegen die Berliner durchsetzen. Deren Vorschlag in Form eines Patchworks mit engmaschigen Funktionsbeziehungen überzeugte den Bauherrn umso mehr, da die Kommunikationsströme des Produktionsstandorts besser unterstützt wurden. Barkow Leibinger bekam daher den Auftrag. Aufgrund der globalen Finanzkrise wurde das Projekt 2009 zeitweise ausgesetzt. Bedingt durch die schwierige gesamtwirtschaftliche Situation mussten die Planungen unterbrochen und der Entwurf überarbeitet werden. Die Nutzfläche fiel etwas geringer aus als zunächst vorgesehen, die Zahl der Hallen reduzierte sich.

Nach zweijähriger Bauzeit fand die Eröffnung im September 2014 statt. Der Projektleiter des Unternehmens HAWE, Andreas Gilnhammer, schildert heute: „Wir verfügen als Bauherr über sehr gutes Know-how, was das Erstellen von Gebäuden betrifft. Bereits mehrere gelungene Beispiele belegen das. Wir wollten in Kaufbeuren vor allem hochwertige Industriearchitektur schaffen. Die Architektur sollte zeitgemäß und energieschonend sein. Nach dem Architektenwettbewerb erschien der Vorschlag von Barkow Leibinger in der Überarbeitung generell vom Konzept her optimal für uns. Die verschiedenen Baukörper vermittelten den Anschein, leichter wachsen zu können als eine einzelne große Kiste. Für uns ist es extrem wichtig, wie wir uns an dem Standort weiterentwickeln können. Daher sollte im Entwurf dieses potentielle Wachstum von Anfang an berücksichtigt werden.“

Versetzt angeordnete Struktur

HAWE SE ist ein privater Bauherr. Laut Lukas Weder, Projektleiter im Architekturbüro Barkow Leibinger, gab es, was die Vorgaben betraf, „reichlich Informationen zu den Produktionsprozessen, aber ausreichend Spielraum für die Architektur. Ein Prozessplaner war nicht dabei. Dafür war die Zusammenarbeit zwischen Bauherrn und Architekt umso enger. Um die Produktionsprozesse und den Produktionsfluss zu verstehen, führten wir mit dem Bauherrn und den Spezialisten aus der Produktion lange Gespräche.“

Zwei annähernd quadratische und zwei rechteckige Hallen, jeweils leicht zueinander versetzt angeordnet, gruppieren sich um den Innenhof. So entsteht trotz der enormen Größe des Werks eine aufgelockerte, differenzierte Gebäudefigur. Unterstützt wird die Auflösung des Volumens durch die Sheddächer, die den Produktionshallen eine rhythmisch bewegte Silhouette verleiht. Das Leitmotiv zeigt sich in der Faltung der Oberflächen auf den Dächern und findet sich wieder in den Fassaden der polygonal zugeschnittenen Felder aus Trapezblech, Glas und transluzentem Profilbauglas.

Zwischen die mit vorgefertigten Stahlbetonelementen errichteten Hallen schieben sich schmale, in Ortbeton erstellte Baukörper, die auf zwei Ebenen Büros und Besprechungsräume beinhalten. In der Mitte umschließen sie einen rechteckigen grünen Innenhof. Im Obergeschoss liegt die Kantine, von der man die Dachterrasse betritt. Der nördliche Mittelbau reicht bis über die Hallenkante hinaus und bildet damit den „Kopfbau“, in dem sich der Haupteingang mit Lobby und darüber die Büros der Werkleitung befinden. Die monolithische Bauweise und die niedrigeren Raumhöhen vermitteln in den Mittelbauten ein zur Nutzung passendes, sehr verschiedenes Raumgefühl als die 8 m hohen Produktionshallen. Diese nehmen zusätzlich das durch wandartige Stützen getrennte Gehwegsystem auf, das von den Fahrwegen getrennt einen räumlichen Puffer zwischen den beiden Nutzungsbereichen bildet. Gleichzeitig bietet sich dadurch den Besuchern eine schnelle Orientierung.

Übersichtliche Organisation und Fertigung

Das vierflügelige Organisationsprinzip des Gebäudekomplexes bildet den betrieblichen Produktionsprozess ab. Die Produktion läuft im Uhrzeigersinn: An die Vorfertigung schließt sich die Dreh- und Blockfertigung, an die Oberflächenbearbeitung die Montage an. Am Warenein- und -ausgang endet der Stoffkreislauf. So ist die Orientierung gewährleistet sowie, dank der offenen Fugen zwischen den Baukörpern, eine natürliche Belichtung, die gute Aufenthalts- und reibungslose Arbeitsqualität mit effizienten Abläufen garantiert.

Die Knoten des Tragwerks sind als Stufenauflager ebenenbündig mit dem Stützenquerschnitt. Die ovalen Aussparungen lassen das Tageslicht über die Sheddächer in den Hallenraum einfallen und nehmen zusätzlich die Leitungsführung auf. Der Mittelbau mit Kantine und der Kopfbau wurden als Ortbetonbauten in Skelettbauweise erstellt. Wie Lukas Weder erläutert, sind Stützen und Binder der Hallen in Betonfertigteilbauweise hergestellt: „Holz konnten wir nicht einsetzen aufgrund der in der Luft befindlichen Ölschmierstoffe. Stahl war aus Kostengründen wegen der Brandschutzanforderungen nicht konkurrenzfähig.“

Kurze Bauzeit und gute Energieeffizienz

Die Vorfertigung sowohl der weitgespannten Tragstruktur aus Stahlbeton als auch der tragenden Sandwichelemente aus Stahlblech zur Dacheindeckung verkürzten die Bauzeit wie gewünscht. In den Produktionsbereichen mit hoher Lärmemission vermindern unterseitig angebrachte Akustikdecken auf den vorgefertigten Elemente der Sheddächer eine zu hohe Geräuschentwicklung. Die Fenster sind nach Norden ausgerichtet, die Dachschrägen zur Südseite. Das verhindert ungewünschten Wärmeeintrag und sorgt für gleichmäßige Ausleuchtung der Hallen. Die hellgrauen Böden reflektieren das einfallende Licht und wurden frei von Installationen gehalten, um die zahlreichen Produktionskonstellationen möglich zu machen. Die dank der Ausrichtung des Sheddachs im Wirkungsgrad optimierte Photovoltaik­anlage ist auf den Dachschrägen einer der Hallen im idealen Winkel installiert. Sie bildet einen wichtigen Baustein des Energiekonzepts.

Auch wenn der Bauherr während der Planungszeit keine Zertifizierung anstrebte, erfüllt das Gebäude dennoch hohe Anforderungen der Nachhaltigkeit: „Wir versuchen grundsätzlich bei allem, hochwertig zu bauen, um ein lange gut funktionierendes Gebäude zu erhalten. Möglichst viele Firmen aus der Region wurden beauftragt und somit auch der schnelle Zugriff auf die Ausführung gewährleistet,“ bestätigt Gilnhammer.

Ein Blockheizkraftwerk erwärmt die Hallen. Zu 18 % mit Tageslicht ausgeleuchtet, sorgt die Architektur für angenehme Atmosphäre und reduziert den Strombedarf. Zusätzlich sind die Produktionsbereiche und Büros mit sparsamen LED-Leuchten ausgestattet. Alle Maßnahmen am Gebäude und für die Gebäudetechnik übertreffen die Vorgaben der zur Bauzeit gültigen Energieeinsparverordnung von 2009 um 39 %. HAWE Hydraulik ist mit dem Standort Kaufbeuren Ende Mai 2014 dem Energieeffizienz-Netzwerk Vorarlberg beigetreten. Die Steuerung der Gebäudeanlagen wurde daraufhin zwei Jahre lang auf den Produktionsbetrieb ausgerichtet und im Energiebedarf entsprechend optimiert.

Während der gesamten Planung war der Bauherr permanent beteiligt. Die dadurch resultierenden kurzen Entscheidungswege halfen, die integrale Planung von Anfang an perfekt durchzuführen und auch die Produktion zum richtigen Zeitpunkt miteinzubeziehen. Wie Gilnhammer berichtet, konnte man somit gemeinsam den engen Terminplan einhalten. Die Hallen wurden nach den Produktionsvorgaben „just in time“ fertiggestellt. Cordula Rau, München

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