In Frankfurt sind Hochhäuser eher mit positiven Attributen besetzt Im Gespräch mit Claudia Meixner und Florian Schlüter, Meixner Schlüter Wendt, Frankfurt a. M.

Im Gespräch mit Claudia Meixner und Florian Schlüter, Meixner Schlüter Wendt, Frankfurt a. M.

Wenn auf der Shortlist für den Internationalen Hochhauspreis des DAM ein Projekt aus Deutschland auftaucht, wird man hellhörig. Denn die gewagten und bildmächtigen Hochhäuser kommen aus Asien, den USA und vielleicht von einem europäischen Nachbarn. Oder aus Frankfurt a. M., hier darf ein Hochhaus schon mal ein Skyscraper sein. Das nun für den IHP nominierte Gebäude kommt tatsächlich aus der Mainmetropole. Warum es am Ende nicht unter die letzten fünf kam, darüber und über den neuen Henninger Turm selbst, sprachen wir mit den Architekten Meixner Schlüter Wendt, die das Hochhaus für Frankfurt neu erfunden haben.

Nominiert, aber nicht im Finale:  Wie ist die Stimmung?

Claudia Meixner (CM): Wir haben uns natürlich sehr gefreut über die Nominierung, schließlich messen wir uns hier ja mit der ganzen Welt. Und weil hier im Wettbewerb die unterschiedlichsten Hochhaustypen konkurrieren, sind sie auch nur bedingt vergleichbar. Insofern können wir das auch akzeptieren.

Florian Schlüter (FS): Über alle Freude und Ehrung hinaus, dass wir nominiert waren, hat uns das Aus in der Schlussphase aber nicht überrascht. Wir wissen natürlich, dass der Henninger Turm für ein Hochhausprojekt sehr speziell ist. Er hat mit dem Thema Erinnerung, mit der Aufladung des Ortes zu tun und ist ganz klar lokal verwurzelt. Seinen Charakter, seine Geschichte und damit auch seine Stärken offenbart er erst auf den zweiten Blick, womit er international auch nicht konkurrenzfähig ist, wenn die Jury sich nicht darauf einläßt.

Womit Sie unterstellen, im Wettbewerb geht es zuerst um Bilder?

CM: Das mag zum Teil stimmen. Was aber klar ist: Wir sind keine Designer, wir machen Architektur. Unsere Entwürfe haben immer eine inhaltliche Ebene, die über ein elegantes Design hinausgeht. Beim Henninger Turm spielt dieses Inhaltliche eine ganz große Rolle. Aber es kann sein, dass man gerade die konzeptuelle Vielschichtigkeit von Projekten nicht leicht mit spektakulären Bildern vergleichen kann.

FS: Der Henninger Turm ist tatsächlich auf den Ort bezogen gedacht, wir hätten hier auch gar nichts anderes entworfen. Mit Blick auf unsere Erfahrungen bei Wettbewerben lässt sich aber sagen, dass international – ich denke hier beispielsweise an Singapur – bei Bauherren und Behörden oft mehr der Mut vorhanden ist, experimentell zu sein.

Sehen Sie ein Revival für das Wohnhochhaus in Deutschland?

FS: Auf jeden Fall! Allerdings müssen wir Architekten hier eine ganze Menge tun, damit wir nicht wieder dahin kommen, wo diese Bauaufgabe einmal geendet ist. Wichtige Stichworte sind hier funktionale, soziale Einbindung in den Quartierskontext, Maßstäblichkeit etc. In Frankfurt haben wir das Glück, dass Hochhäuser eher mit positiven Attributen besetzt sind und dass wir schon eine Skyline haben, die eine Art Resonanzraum bildet für alle weiteren hohen Bauten. Und nicht zuletzt: Die Architektur muss gut gemacht sein.

Wohnhochhaus heute und gestern: Wo sind die Unterschiede?

CM: Bei der Entwicklung der beiden Wohnhochhäuser, die wir gerade fertiggestellt haben, haben wir das prinzipiell einmal analysiert: Wo waren die Probleme? Wo kann man besser sein? Wohnhochhäuser bieten eine perfekte Privatsphäre und einen fantastischen Ausblick, schwierig sind die öffentlichen Bereiche, der Weg zur Wohnung beispielsweise, der Mangel funktionierender Gemeinschaftsflächen, der Mangel, Nachbarschaft zu leben. Hier haben wir angesetzt und großzügige Eingangshallen geplant, die mit einem/einer Concierge fast rund um die Uhr besetzt sind. Hier kann man sich aufhalten, treffen.

FS: Dazu kommt noch ein hoher Ausbaustandart, großzügige Wohnungsgrundrisse und besonders die Kultivierung der Übergänge von Innen nach Außen in Form von Wintergärten, Loggien und Balkonen.

Ist ein Concierge nicht doch etwas wenig architektonisch gedacht?

FS: Es mag abstrakt und ein bisschen förmlich klingen: Der Concierge funktioniert sehr gut! Mit ihm besteht die Möglichkeit, dass sich die Bewohner wahrnehmen, ins Gespräch kommen über Kleinigkeiten etc. Um auf Ihren Hinweis auf das architektonische Denken noch einzugehen: Wir können Vorschläge machen. Am Ende ist das immer eine Bauherrenentscheidung, mehr Gemeinschaftsflächen zuzulassen. Geschossweise, geschossübergreifend … oder auf dem Dach. Was der Bauherr aus wirtschaflichen Gründen nicht wollte.

CM: Grundsätzlich ist das Thema der Gemeinschaft spannend. Das Wohnen verändert sich, aber es ist nicht damit getan, wenn wir nur Räume ausweisen. Die Fragen sind doch: Wer kümmert sich? Was soll da genau passieren? Ist es den Beteiligten etwas wert?

Wieso ist der Henninger Turm für Sie ein „emotionales Denkmal“?

CM: Der Henninger Turm ist für Frankfurt etwas ganz Besonderes gewesen, obwohl er eher originell und nicht sonderlich schön ausgesehen hat. Originell deshalb, weil auf den vier zu einem Schaft zusammengestellten Getreidesilos ein stilisiertes Fass gestellt wurde – mit Drehrestaurant. In den 1960er- und 1970er-Jahren war ein solcher Ort etwas sehr Besonderes, abgehoben, über dem Alltag schwebend. Die Feste, die Begegnungen aller Art haben sich bei großen Teilen der Stadtgesellschaft tief eingegraben. Diese emotionalen Aspekte haben bei unserer Planung eine wesentliche Rolle gespielt.

Das Restaurant im Fass, über den Luxuswohnungen mit 360 Grad-Rundumblick, wurde erhalten. Wie sieht es mit dem Rest aus?

CM: Ich glaube man sieht es von hier aus sehr gut: Die Fassade, die zur Innenstadt zeigt und sich scheinbar noch über das Dach legt wie ein Schild, bildet noch immer die geschlossene Silhouette des ehemaligen Turms ab. Dann öffnet sich die Fassade langsam, bis sie auf der Südseite durch die Loggien und Balkone wie aufgelöst erscheint.

FS: Insgesamt ist die Silhouette etwas größer skaliert als das Original, was aber in keiner Weise die Assoziation „Henninger Turm“ stört.

Luxuswohnen für Wenige im ehemaligen Silo für Alle?

FS: Bei beiden von uns geplanten Wohnhochhäusern in Frankfurt können Sie schnell feststellen, dass der Grundflächenpreis in einem ausgewogenen Mix vorhanden ist – auf dem Hintergrund der Preise in Frankfurt generell. Damit erreichen wir einen guten Bewohnermix.

Abgesehen von steigenden Preisen bei steigender Wohnhöhe: Differieren auch die Ausführungsstandards in der Vertikalen?

CM: Es gibt einen Grundstandard. Das ist Teil der Kalkulation des Bauherrn. Dazu gehören Schallschutz, technische Einbauten etc.

FS: Zunächst ist der Standard von unten bis oben gleich. Natürlich kann jeder Käufer hier Sonderwünsche gegenüber dem Bauherrn äußern … bei steigenden Höhe möglicherweise auch ausgefallenere!

Geschosshöhe? Überall dieselbe?

FS: Nein, die Geschosshöhen sind leicht gestaffelt; vor allem ganz oben gibt es etwas mehr Luft.

Haben Sie beim Henninger Turm etwas neu erfunden?

CM: Ja, wir haben eine Fassade entwickelt, die einen extrem hohen Schallschutz aufweist. Weil in der Nachbarschaft Gewerbe ist, hatten wir genau definierte Vorgaben. So werden beispielsweise die Wohnräume über Wintergärten zu den Balkonen oder Terrassen hin akus-tisch gepuffert. Zudem haben wir mit Parallelausstellfenstern gearbeitet, die eigentlich in Bürogebäuden verbaut werden. Weil hier auch Kinder leben, haben wir die mechanisch bewegten Fenster mit einer Sicherheitstechnologie ausgestattet, die Verletzungen verhindern. Sie schauen hier also auf Prototypen.

Ab welcher Geschosshöhe würden Sie selbst hier wohnen wollen?

FS: Wenn wir uns das leisten könnten, dann gerne – wie wohl jeder – in der obersten und größten Wohnung.

CM: Aber das ist theoretisch. Wir wohnen in einem Altbau, sind dort zuhause mit Kind und vertrauter Nachbarschaft. Aber ich habe während der Bauphase tatsächlich immer wieder einmal daran gedacht, wie es wohl wäre, hier zu leben, mit weitem Blick auf unsere Stadt.

Mit Claudia Meixer und Florian Schlüter unterhielt sich DBZ-Redakteur Benedikt Kraft am 31.08.2018 am Fuße des Henninger Turms in Frankfurt a. M. Martin Wendt war noch im Urlaub.

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