Hotel mit Twist

Hotel Moxy, Lausanne

Nur wenige Monate bevor Corona die Hotellerie weltweit lahmlegte, eröffnete im Dezember 2019 in Lausanne das erste ­Moxy-Hotel der Schweiz. Der junge Designableger der altehrwürdigen Marriothotels wendet sich an ein urbanes Publikum und sieht sich als Konkurrenz zu AirBnB. Mit dem konzisen Bau von localarchitecture im hippen Lausanner Viertel Flon könnte dies gelingen.

Lausanne, die Hauptstadt des Schweizer Kantons Waadt, ist berühmt-berüchtigt für ihre Topografie: Das Stadtgebiet erstreckt sich über unzählige Hügel und teils tief eingeschnittene Täler am Nordufer des Genfer Sees. Mitten im Zentrum liegt das Flon-Viertel, benannt nach dem Fluss, der es formte und der heute weitgehend unter die Erde verbannt ist. Das Quartier hat eine rasante Karriere hingelegt: einst ungeliebter Industriestandort ist es heute das In-Viertel der Stadt.

Mit dem Bau des Güterbahnhofs 1877 wurde das Gebiet zum Warenumschlagplatz mit Lagerhäusern und Gleisflächen, bis die Schweizer Bundesbahnen 1953 einen neuen Standort weiter westlich in Betrieb nahmen. Das Viertel wandelte sich zum alternativen Untergrundkultur-Quartier mit intensivem Nachtleben. Als die Liegenschaften um die Jahrtausendwende instandgesetzt werden mussten, kam es zur nächsten Transformation. 2009 erwarb die private Immobi­liengesellschaft Mobimo das 55 ha große Gebiet und entwickelte es sukzessive von Ost nach West zum neuen Hotspot der Stadt. Kreative bezogen das Areal, Galerien, Res-taurants und Läden siedelten sich an. Auf die ehemalige Nutzung verweist der Masterplan, der das rechtwinklige, dichte Raster der Lagerhäuser beibehält.

Mineralischer Monolith

Eine gelungene Ausnahme in der baulichen Beliebigkeit ist der 2019 fertiggestellte Bau an der Rue de la Vigie 3, am westlichen Rand des Flon. Im Immobilienportfolio des Areals fehlte noch ein Hotel, außerdem wünschte sich die Eigentümerin, diesen weniger frequentierten Teil des Quartiers stärker zu beleben. Sie beauftragte daher die Architekten von localarchitecture mit einem entsprechenden Projekt – das Büro hatte damals seine Räumlichkeiten auf der Parzelle. Die Hotelkette Marriott als Mieterin kam erst während der Planungen hinzu. Sie wollte hier die erste Schweizer Dependance ihrer Moxy-Linie verwirklichen. Der Claim: „Stylish Budget Hotels“.

Tatsächlich ist den ArchitektInnen ein expressiver, stringenter Bau gelungen. Das Volumen erhebt sich auf vier bis fünf Geschossen und nutzt die Grundrissfläche voll aus. Letzteres ist auch der Tatsache geschuldet, dass der Neubau auf dem bestehenden Untergeschoss errichtet wurde, die Maße also vorgegeben waren. Die Gliederung des Baukörpers in ein zurückversetztes, verglastes Sockelgeschoss, davor gestellte Arkaden und den darüber liegenden Hotelgeschossen hinter einer Lochfassade evoziert Urbanität, seine Ausführung in Beton ist eine Reverenz an die einstigen Lagerhäuser. „Eine Stadt sollte aus Stein sein, nicht aus Glas“, zitiert Manuel Bieler, projektleitender Partner von localarchitecture dazu seinen einstigen Lehrer Hans Kollhoff.

Die Fassade ist in einzelne, facettierte Elemente aus Betonfertigteilen aufgeteilt, die jeweils einem der 113 Hotelzimmer zugeordnet werden. Die Facetten sind nach innen geneigt, die einzelnen Felder stehen schräg zueinander, im Zentrum ist ein trapezförmiges Fenster platziert. Diese räumliche Tiefe schafft ein geometrisches Spiel mit Licht und Schatten, das die Fassade zusätzlich gliedert.

Der kleine Unterschied

Auch im Innern ist der qualitativ hochwertig ausgeführte Sichtbeton allgegenwärtig. Betritt man das Hotel, steht man nicht wie erwartet in einer Lobby, sondern direkt an der Bar. Eingecheckt wird am Tresen. Das passt zum Moxy-Anspruch, ein junges, aber konsumfreudiges Publikum anzuziehen – denn ein Billig-Hotel ist es nicht. Dementsprechend viel Wert legt man in der corporate architecture auf die Gemeinschaftsflächen, wie eben die Café-Bar. Mit ihren Hängeschaukeln, den Gemeinschaftstischen und den vielen unterschiedlichen Sitzgelegenheiten könnte sie auch aus einer beliebigen Co-Working-Space stammen. Nicht einmal der obligate Kickertisch fehlt. Der zeitgenössischen Interpretation eines typischen Hotelelements begegnet man aber doch: Das Atrium zieht sich vom Café bis unters Dach, dient als Orientierungspunkt durch alle Geschosse und versorgt das Café und die darüber liegenden Hotelflure via Oberlicht mit Tageslicht. Obwohl die Lobby mit Atrium gemäß Manuel Bieler einst ein Markenzeichen des Mutterhauses Marriott war, mussten die ArchitektInnen dafür kämpfen: Luft und Licht anstelle von Hotelzimmern haben zwar einen hohen architektonischen, aber für die Betreiber keinen monetären Wert. Der Innenarchitektur tut diese großzügige Geste aber gut. Für die Gestaltung der Innenräume war das Zürcher Büro monoplan zuständig. Die Hotelkette hat den Anspruch, die Gemeinschaftsflächen jeweils mit einem regionalen Bezug zu gestalten. In Lausanne, „Olympische Hauptstadt“ und Sitz des Internatio­nalen Olympischen Komitees IOK, lag das Thema auf der Hand. Wer das nicht weiß, wird es allerdings kaum bemerken, zu unscharf sind die sportlichen Bezüge.

So bemüht wie die öffentlichen Zonen, so konzis sind die Hotelzimmer gestaltet. Die Zimmer sind jeweils an Nord- und Südfassade aufgereiht, dazwischen liegen zwei Flure zur Erschließung und die Kerne mit Technikräumen, Liftschacht und Nottreppenhaus. An Ost- und Westfassade sorgen Fenster für Tageslicht und ermöglichen die Orientierung nach außen – was bei den Nachbarn auf der Ostseite wegen der großen Nähe anfangs etwas für Unmut sorgte. (Hier ist das Hochbauamt untergebracht – also just jene Behörde, die für den Gestaltungsplan des Quartiers mit seiner hohen Dichte verantwortlich zeichnete.)

Auch in den Hotelzimmern greifen Architektur und Innenarchitektur ineinander: Um die mit rund 13 m² eher knapp ­dimensionierten Räume aufzuwerten (16,2 m² inkl. Bad), drehten die ArchitektInnen die Fenster an einer Seite um 20 cm nach außen. So entsteht eine intimere Zone am Kopfende des Betts und etwas mehr Großzügigkeit am Bettende. Gleichzeitig wird der Blick nach draußen bewusst geführt, ohne dass man sich im Innern exponiert fühlt. Die Intervention mag ­minimal erscheinen, ist im Raum aber durchaus spürbar. Die Ausstattung entspricht dem üblichen Mittelklassehotelstandard. Sichtbetonwände und eine Garderobe aus Holz und Bewehrungsstahl sind Teil der Corporate Architecture.

Sinnliche Strenge

Aufgabe also erfüllt? Mehr als das: Den Architekten ist ein Bau gelungen, der auffällt, ohne laut zu sein, sich einfügt, ohne zu verschwinden und der darüber hinaus die funktionalen Anforderungen mit Leichtigkeit und Poesie erfüllt, sie gar noch übertrifft. Allein das Wechselspiel von Licht und Schatten auf der auch haptisch ansprechenden Sichtbetonfassade lohnt die Reise nach Lausanne. Tina Cieslik, Düdingen/CH

Projektdaten                                                                                                                     

Objekt: Moxy Lausanne City

Standort: Rue de la Vigie 3, 1003 Lausanne/CH

Bauherr: Mobimo AG, Lausanne,Zürich/CH

Architektur: LOCALARCHITECTURE Sarl, Lausanne/CH, www.localarchitecture.ch

Fertigstellung: 2020

Anzahl der Zimmer: 113

Preis pro Übernachtung: 93 €

 

www.marriot.com

Mit seiner monolithischen Form, die auf das rechteckige städtische Gittermuster der Lagerhäuser von Le Flon abgestimmt ist, seinen sich wiederholenden Motiven und seiner mineralischen Gebäudehülle fügt sich dieses Gebäude auf natürliche Weise in das Stadtzentrum von Lausanne ein, während die Fenstergestaltung und die geometrische Musterung der Fassaden dem Hotel eine eigene, unverwechselbare Identität verleihen.«
⇥Architekten localarchitecture
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