Eröffnung des Jüdischen Museums, Frankfurt a. M.

Wahrscheinlich habe ich ihn in Frankfurt a. M. übersehen, den Kulturbau, auf den ich seit der Eröffnung des Historischen Museums von LRO, Stuttgart, seit fast vier Jahre warte. Gab es einen veritablen, öffentlichen Kulturbau? Hochhäuser gab es, prächtige Türme darunter. Auch gab es Überlegungen, einen Kulturbau auf den Müll zu werfen, das Schauspiel am Willy-Brandt-Platz. Eine „Bürgerinitiative Aktionsgemeinschaft Schauspielhaus“ möchte den Bau nicht retten, sondern an seiner Stelle das Schauspielhaus von 1902 wiedererrichten, man sammelt gerade Unterschriften für ein Bürgerbegehren.

Gleichsam im Schatten des Gebäudekomplexes Schauspiel – und dem des ehemaligen „Nationalhauses“ von Max Meid – wuchs in den letzten Jahren ein Neubau in die Höhe, der es in sich hat: die Erweiterung des Jüdischen Museums von Staab Architekten. Erweitert wurde das klassizistische Rothschild-Palais von 1821, das seit 1988 das Jüdische Museum in Frankfurt beherbergt. 2012 hatten die Stadtverordneten entschieden, das Museum deutlich zu erweitern. Bereits im April 2013 gab es die Wettbewerbsentscheidung für Staab Architekten, Berlin. 2015 folgte der Spatenstich. Nun, am 21. Oktober 2020 wurde der „Lichtbau“ genannte Erweiterungsbau und der sanierte Bestand der Öffentlichkeit übergeben. Der Neubau, der den Bestand unterirdisch erschließt, vergrößert die Ausstellungsfläche um 2 380 m² (Altbau 2 287 m²). Während das Palais im Wesentlichen für die Dauerausstellung konzipiert ist, dient die Erweiterung der Erschließung des Ganzen. Sie bietet eine Bibliothek, einen Vortragssaal, Archiv- und Büroräume, Räume für Museumspädagogik, Garderoben und Werkstätten.

Der Neubaukörper hat einen fünfeckigen Grundriss, oben schließt er mit einem gefaltet-geneigten Dach ab. Er folgt der nördlich anliegenden Hofstraße, weitet sich in Richtung Palais spitzwinklig auf und bildet mit dem Bestand einen weiten, nach Westen offenen Platz, den neuen Bertha-Pappenheim-Platz (Bertha Pappenheim war Jüdin und hat sich in Frankfurt für die Rechte der Frauen eingesetzt). Nach Westen hin zeigt sich auch das zwei Geschoss hohe Fenster der öffentlichen Bibliothek, eine der wenigen Öffnungen im kompakten Neubauvolumen. „Lichtbau“ heißt er dennoch deshalb, weil in seinem Zentrum ein gebäudehohes Atrium Tageslicht über ein großes Dachfenster erhält. Diesen zentralen Raum, dessen Licht auch die anliegenden, im ­Split-­­­Level organisierten Räume heller macht, erreicht man über eine dreimal gestaffelte Treppenanlage aus dem Foyer mit Kasse und Garderoben. Von hier aus ist auch das koschere Café zu erreichen. Vom Atrium geht es u. a. ins Palais mit seiner Dauerausstellung sowie in den zwischen Platz und Neubau liegenden, abgesenkten Innenhof, in dem eine Skulptur von Ariel Schlesinger platziert wurde. Die Arbeit „Untitled“ besteht aus zwei in Aluminium gegossenen Bäumen, deren Kronen aufeinanderstehen – Symbol für die Ver- und Entwurzelung der Juden in Europa.

Der Neubau innen zeigt viel Sichtbeton von hoher Ausführungsqualität, Hölzer (Esche) und Metall (Handläufe etc.) unterstreichen die Nobilität des Hauses, das kaum rektanguläre Grundrissstrukturen aufzuweisen hat. 58 Mio. € haben Neubau und Sanierung gekostet inklusive Museografie. Davon hat die Stadt Frankfurt 50 Mio. € übernommen, das Land Hessen 2 Mio. € und die Gesellschaft der Freunde und Förderer des Jüdischen Museums den Rest. Die Sanierung der historischen Räume des Palais hat etwa 36 % der Gesamtkosten ausgemacht. Bauherr und Projektsteuerungsgesellschaft ist die „MuseumsBausteine Frankfurt GmbH“, die im Februar 2012 als eine hundertprozentige Tochtergesellschaft der Stadt Frankfurt am Main gegründet wurde. Der ursprünglich anvisierte 9. November 2019, ein mehrfach symbolisch kodierter Tag deutscher Geschichte, konnte als Eröffnungsdatum nicht gehalten werden. Rund 3 Mio. € hat diese Verzögerung die Stadt gekostet.

Dass mit dem Neubau ein Stück Park mit großen Bäumen im inneren Stadtkern überbaut wurde, ist bedauerlich. Andererseits hatte der Park an den Wallanlagen, dem Grünzug, der der alten Stadtbefestigung aus dem 12. Jahrhundert folgt, kaum Besucher. Er war mehr grüne Restfläche als lebendiger Bestandteil einer urbanen Struktur. Der neue Platz allerdings könnte noch die gestaltende Hand vertragen, die der Neubau im Zusammenspiel mit dem Bestand aufzeigt: Dezent gestaltete Volumetrie, die sowohl dem Stadtraum aber auch dem Ort selbst neuen Halt gibt. Dass viele Räume und Funktionen wie Foyer, Bibliothek, Archiv, Buchhandlung und das „Deli“ genannte Bistro öffentlich zugänglich sind, ohne dass BesucherInnen eine Eintrittskarte lösen müssten, ist vorbildlich und hat das Potential, einen Ort wiederzubeleben, der auch vor der jahrelangen Baustelle eher ein stiller, nichtgenutzter Stadtraum war. Dass Staab Architekten etwa zeitgleich mit der Realisierung des Jüdischen Museums in Frankfurt auch das Jüdische Gemeindezentrum mit Synagoge in Regensburg planten und realisierten (2013 – 2019), ist beiden Bauaufgaben zugute gekommen. Die Museumsplaner aus Berlin haben in beiden Städten Arbeiten abgeliefert, die mit komplizierten städtebaulichen Vorgaben arbeiten mussten und haben in beiden Städten einfache wie eindrucksvolle Lösungen gefunden. Dass das Museum in Frankfurt nach knapp zwei Wochen Öffnung und fast 5.000 BesucherInnen nun coronabedingt erst einmal wieder schließen muss, ist tragisch. Denn tatsächlich ist alles fertig und wartet darauf, erfahren und erlebt zu werden: Kunst, Zeitzeugnisse und das Innenleben eines veritablen Kulturbaus. Be. K.

www.staab-architekten.com, www.juedischesmuseum.de
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