Ein ganzes Dorf
Kinderhaus St. Regiswind, Gerolzhofen

„Um ein Kind zu erziehen, braucht es ein ganzes Dorf“ – dieses afrikanische Sprichwort beschreibt den Entwurfsgedanken von Brückner & Brückner Architekten ausgesprochen gut. Insgesamt 14 Häuser formen sich zu einem kleinen Dorf. Im intensiven Dialog mit dem Bauherrn und den Erzieherinnen wurde ein maßgeschneidertes architektonisches Konzept entwickelt.

Christian und Peter Brückner begaben sich zuerst auf Spurensuche, erkundeten das Dorf, seine Umgebung, die bereits vorhandenen Gebäude und lernten die am Entscheidungsprozess Beteiligten kennen. Da die Architekten noch kein Kinderhaus in der Größe geplant hatten, wollten sie sich dem Thema von Grund auf annähern. In mehreren Workshops mit dem Bauherrn und den Erzieherinnen stellten sie sich die Frage, was Bauen für Kinder wirklich bedeutet. „Es wurde ein Bauausschuss gebildet aus Fachleuten, politischer Gemeinde, Kirchenverwaltung und dem Kindergartenteam. Es gab ständige Vertreter und es fanden sicherlich mehr als 50 Sitzungen statt, in denen alles auf den Tisch gelegt wurde“, erinnert sich der Bauherrenvertreter Pfarrer Mai. So erarbeiteten sie Begriffe wie „Geborgen sein, Halt geben, Entdecker werden, in Bewegung kommen, Freude schenken, Zukunft gestalten, Persönlichkeit entwickeln, Einander begegnen, Ruhe finden, Grenzen überwinden, Klarheit vermitteln, Weite spüren, Sehnsucht wecken, Glauben stärken, Natur erleben, Willkommen sein.“ Daraus wurden gemeinsam Raumprogramm und die funktionalen Bezüge entwickelt.

Das 1974 errichtete Bestandsgebäude entsprach aus funktionaler, energetischer und pädagogischer Sicht nicht mehr den heutigen Anforderungen an die Nutzung. Da eine Sanierung und Erweiterung des stark renovierungsbedürftigen Komplexes weder technisch noch wirtschaftlich sinnvoll war, erhielten die von der Diözese und der Kirchenstiftung beauftragten Architekten die Möglichkeit, auf dem Bestandsgelände ein innovatives Konzept für ein neues Kinderhaus zu entwickeln. Die Umgebung, die aus einem Wohngebiet aus den 1960er- und 1970er-Jahren besteht, wird heute von vielen jungen Familien mit Kindern bewohnt. Die Herausforderung bestand darin, das beträchtliche Volumen des Kinderhauses mit neun Gruppen und einer Bruttogeschossfläche von 1 800 m² architektonisch und städtebaulich gut in die kleinteilige Bebauungsstruktur einzufügen.

Lösungsansätze

Wie der Architekt Christian Brückner berichtet, gab es mehrere Lösungsansätze bis zu dem, das Gebäude an einem anderen Ort unterzubringen. „Wir hatten die Moderation übernommen und mussten die vielen Wünsche von Bauherren, Nutzern, Bürgern und Kommune unter einen Hut bekommen. Die Herausforderung bestand im Bauen für Kinder und somit im Bauen für die Zukunft der Gesellschaft.“ Am Anfang waren es über 40 Beteiligte. Aus den gut besuchten Workshops bildete sich eine schlagkräftige Gruppe von ungefähr zehn Leuten. Aus vielen verschiedenen Facetten entstand ein gemeinsames Ganzes ohne Kompromisse.

Zunächst sollte alles im Erdgeschoss untergebracht werden. „Das ging natürlich aus Platzgründen nicht“, schildert der Architekt. Aus Holzklötzchen wurden Volumen geformt. Dies setzten die Architekten Eins zu Eins um und kristallisierten dabei die Idee heraus, dass jede Gruppe ihr eigenes Haus bekommen sollte. „Das Projekt gestaltet sich wie ein kleines Dorf. Es gibt Häuser für die Ruhe, für die Gemeinschaft und für die Bewegung. Vor allem Ruhe zu schaffen, war dem Pfarrer sehr wichtig, nicht nur in Anbetracht der 160 Kinder.“ Es war notwendig, viele unterschiedliche Interessen zu vereinen. Auch dafür war die gemeinsame Identifikation besonders wichtig. Die Architekten wollten authentische Materialien verwenden. Daher ist nahezu 80 % in Holzbauweise erstellt. Holz wurde innen und außen verwendet. „Wenn man das Gebäude im heutigen Betrieb betrachtet, wirkt es sehr gepflegt und angenommen. Das ist meines Erachtens ein gutes Zeichen dafür, dass unser Konzept aufging und die Kinder sich wohlfühlen“, berichtet Christian Brückner.

Durch die Schaffung von 14 in sich abgeschlossenen und unabhängigen „Häusern“ für eine Hortgruppe, drei Regelgruppen und fünf Kleinkindgruppen werden kleine familiäre Einheiten gebildet. Die einzelnen Häuser bestehen aus einem Wohnraum mit Küchenzeile, einem Schlafraum, der auch als Intensivraum für Kleingruppenarbeiten oder als Rückzugsort genutzt werden kann sowie einem Bad mit Wickelraum und einer Garderobe. Die Fläche über den eingeschobenen Schlaf- und Intensivräumen wurde als Spiel­empore aktiviert. Das bestätigt Pfarrer Mai: „Jeder Kindergartengruppe sollte Geborgenheit und Weite zugleich vermittelt werden. Geborgen bedeutet in dem Fall, dass jede Gruppe aus einem Häuschen besteht und somit eine eigene Familieneinheit darstellt.“ Alles Notwendige ist bedacht. Man sollte beispielsweise nicht über den Gang zur Toilette gehen müssen, wie es in vielen Schulen der Fall ist.

Besonderes Profil

Der zuständige Pfarrer Mai in seiner Funktion als Bauherrenvertreter meint zum Findungsprozess: „Wir sind ein kirchlicher Kindergarten. Daher war es mir sehr wichtig, dass das Haus ein besonderes Profil zeigt. Wir wollten keinen Ort für Kinder haben, der Micky-Maus-Farben oder ähnliches aufweist. Allzu oft wird die Annahme getroffen, dies sei kindgerecht. Unsere Vorgabe war hingegen, ein Kinderhaus mit edler Einfachheit zu kre-ieren. Das haben die Architekten auch sehr gut umgesetzt. Die ausgewählten Materialien sind vor allem Stein und Holz.“ So betritt man den Kindergarten über großflächige Betonsteinplatten. Das Konzept gleicht den Gassen eines Dorfs. Aus Muschelkalk bilden sich Straßen, von denen man in die einzelnen Häuschen geführt wird. Dort beginnt die Gestaltung mit Holz, symbolhaft für die warme Atmosphäre der einzelnen Gruppen. Die Holzbauweise unterstreicht den ökologischen Anspruch. Das Gebäude entspricht bezüglich Energieeffizienz und Heizwärmebedarf den geforderten Werten. Statt des ursprünglich gewünschten eingeschossigen Baus reduzierten die Architekten die Außenfläche durch die doppelbündige, zweigeschossige Anlage mit relativ kompaktem Obergeschoss. Die Kubatur holt Licht, Luft und Raum in die Tiefe des Gebäudes. Auch muss keine der Gruppen auf einen Außenraum verzichten, alle Kinder haben Zugang zum Garten oder einer Terrasse. Durch die großen, nach Süden ausgerichteten Fensterfronten gelangt natürliches Licht in die Gruppenräume. Ein textiler, außenliegender Sonnenschutz sorgt für die nötige Verschattung. Einzelraumlüfter in den Gruppenräumen dienen der kontrollierten Be- und Endlüftung, weshalb auf eine Lüftungsanlage verzichtet werden konnte.

Stille und Bewegung

Im Zentrum des Kinderdorfs ist im unteren Bereich der große Speisesaal angeordnet. Dieser erinnert an ein Wirtshaus in einem Dorf. „Miteinander essen bedeutet in der Religion sehr viel“, erklärt Pfarrer Mai. „Über dem Speisesaal liegt der besonders gestaltete Raum der Stille. Man wird fast an Kuppelbauten erinnert. Das war mein ausdrücklicher Wunsch, auch wenn das nicht staatlich gefördert werden sollte. Für mich zeigt unser Haus ein religiöses Profil nach außen.“ Die Aufgabe an den Architekten bestand darin, die Vorgaben des Bauherrn in Übereinstimmung mit dem Team in Architektur zu übersetzen. Pfarrer Mai sagt: „Ich persönlich bin sehr zufrieden. Unser Kindergarten unterscheidet sich von allen anderen durch diese edle Schlichtheit. Die Formensprache außen wird konsequent nach innen durchgezogen. Die Workshops waren sicherlich zeitaufwändig für die Architekten und uns. Aber aus meiner Sicht geht es nur so, um miteinander eine Formensprache zu finden, die sowohl der Pädagogik als auch der Architektur entspricht.“

Mehr an Bedeutung

Wie Christiane Höflein, Fachberaterin der Katholischen Kindertageseinrichtung bei Caritas erklärt, hatten sich die Architekten sehr intensiv auf die Mitarbeiterinnen eingestellt, auf das, was ihnen wichtig ist und bei dem Bau beachtet werden sollte. Die Zusammenarbeit sei hervorragend gewesen. „Aus meiner Sicht fügt sich das Gebäude wunderbar in die Wohnumgebung ein. Durch die verschiedenen Häuser und die Staffelung passt der Kindergarten mit seinen neun Gruppen gut in die Umgebung.“ Auch innen empfindet die Fachberaterin den Kindergarten als sehr angenehm: „Es gibt im Gebäude viele Räume, die im täglichen Gebrauch einfach notwendig sind, wie Besprechungsräume oder Mitarbeiterräume. Jede Ecke wurde als Stauraum ausgenutzt. Dies wird gern vernachlässigt.“ Als besonders schön empfindet sie den Speiseraum: „Das Essen gewinnt in unseren Kindergärten mehr und mehr an Bedeutung. Leider wird das bei anderen Bauten oft immer noch zu wenig berücksichtigt.“ Durch die Wegeführung stehen die Häuser miteinander in Verbindung. Holz und Muschelkalk als Fußboden stellen eine angenehme Atmos­phäre her. Das gesamte Konzept wurde laut der Fachberaterin schlüssig umgesetzt. Cordula Rau, München

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