Die Ordnung der Elemente
Institut für Transurane (ITU), Karlsruhe

Die Erweiterung des Instituts für Transurane (ITU) auf dem Areal des KIT in Karlsruhe ist eine delikate Aufgabe. Und so schufen MGF Architekten zusammen mit den Ingenieuren graf ingenieure und Paul + Gampe + Partner über die Fügung von Material und Licht eine sehr geordnete Architektur.

Es geht um die Neuordnung der Verwaltungsflächen des ITU. Um das geordnete Zusammenarbeiten verschiedener Planer schon im Wettbewerb. Um eine ordentliche Fügung von Neubau und Bestand. Und um die Ordnung von Sicherheitsabläufen in einem Gebäude. Das Institut erforscht die Transurane, die Elemente mit hoher Ordnungszahl und mit Radioaktivität. So geht es zwangsläufig auch um die öffentliche Ordnung und Sicherheit. Und um eine ordentliche Außenwirkung. Alles in allem geht es um eine ordentlich delikate Bauaufgabe.

Die Bestandsgebäude des ITU aus dem Jahr 1964 sind heute längst zu klein, unwirtschaftlich und unkomfortabel. Der alte Verwaltungsbau glich, wie eine Mitarbeiterin erklärte, einem überfüllten Aquarium mit sommerlicher Überhitzung und winterlicher Kälte.

Für die Erweiterung des Verwaltungsgebäudes schrieb das Institut daher 2008 einen Wettbewerb aus, den MGF Architekten aus Stutt-gart, zusammen mit den Tragwerksplanern graf ingenieure und den TGA-Fachplanern Paul + Gampe + Partner, gewannen. Die Planer sanierten den alten Verwaltungspavillon und ergänzten an dessen Nord- und Südseite scheinbar nahtlos je einen zweigeschossigen Gebäudeflügel. Für diese Neubauten übernahmen sie die Merkmale des Bestandes: eine kompakte, einfache Kubatur und Lichthöfe im Innern.

Lichtlängen im Grundriss

Die Grundrissorganisation folgt der des Bestandes: Über den Eingang in der Mitte der langen Gebäudeseite führt ein Flur wie eine Querspange durch die Gebäudetiefe. Er verteilt kontrolliert den Zustrom der Mitarbeiter entweder in die hinter dem Gebäude liegenden Forschungshallen oder auf die sogenannte Magistrale. Diese quert die Zugangsachse und erschließt das Verwaltungsgebäude in seiner gesamten Länge: Zwei, parallel verlaufende Flure, zwischen denen sich zentral Treppenaufgänge, Besprechungs- und Nebenräume sowie Lichthöfe befinden. Zur Außenfassade hin liegen die Bürozellen, je 21 m² groß und für zwei Mitarbeiter. Büro an Büro. So reihen sich im langen Flur ca. dreißig Türen in einer gleichmäßigen Abfolge hintereinander. Hier erfasst man die Ausdehnung des Gebäudes von ca.120 m. Im Wettbewerb planten die Architekten noch unterschiedlich große Lichthöfe und Arbeitsflächen. Doch danach ordneten sie das Raumgefüge und setzten es in eine Symmetrie zur Querachse. Das sichert die gleiche Qualität aller Büroräume, die Übersichtlichkeit im Gebäude und die Ruhe im Grundriss. Allerdings stieg auch die Gleichförmigkeit der Räume und Zugänge. Der rigiden Reihung von Büros und Bürotüren setzen die Planer fünf Innenhöfe entgegen. Diese belichten die Gebäudemitte, weiten optisch die Flure und teilen ihre Länge in einen verträglichen Rhythmus kleinerer Einheiten aus Licht und Schatten. Vier der Höfe reichen bis hinab ins Erdgeschoss. Der mittige Hof jedoch diente schon im Altbau als Dachterrasse für das Obergeschoss und wurde als solche beibehalten.

Materialfügung im Innern

Nicht nur mit Licht, auch mit Material schaffen die Planer Kontraste, die die Organisation der Flächen unterstreichen. So erhalten die Erschließungsflächen samt darauf angeordneter Nebenräume dunkle Oberflächen: feiner matter Basalt auf den Bodenflächen, vom überdachten Freiraum bis hinauf in die Magistrale des Obergeschosses, sowie auf den Wänden der darauf angeordneten Nebenräume. Dazu filigran und scharfkantig wirkende Treppenaufgänge in schwarzem Stahl und glänzende Glasflächen, in denen sich der Basalt spiegelt und die Raumkanten fast auflösen. Die Trennwände zu den Büros, die bündig eingesetzten Türen und Möbeleinbauten kontrastieren dazu in Weiß. Weil die Architekten die Reliefbildung im Innern minimieren, Material und Bauteile bündig stoßen, Fugen aufs Schmalste reduzieren und Fußleisten nur leicht absetzen, wirkt der Hell-Dunkel-Kontrast entmaterialisiert und fast aseptisch glatt.

Relief in der Kubatur

Auch das Relief der Kubatur ist reduziert, aber dafür umso markanter. Die Architekten brechen die einfache Riegelkubatur des Gebäudes auf und lassen das Erdgeschoss eingangsseitig zurückspringen. Der überbaute Eingang war bereits ein Element des Altbaus: Das obere Geschoss des Bestandes kragt 7,50 m weit über den Eingang. Innenliegende Stützen tragen die Last und flankieren den überbauten Raum. Die Überbauung sollte sich als Merkmal auch im Neubau fortsetzen. Zum Einen, weil sie einen Wetterschutz für den Außenraum und Sonnenschutz für den Innenraum bietet. Vor allem aber auch, weil es einer markanten Fassade mit Fernwirkung bedurfte. Denn Passanten sehen das Gebäude wegen der Sicherheitsvorschriften nur mit Abstand und im Zusammenhang mit den Nachbarbauten. Die freie Auskragung im Neubau lässt den Einschnitt im Gebäude stärker wirken und gleichzeitig den Altbau anhand der bestehenden Stützenreihe leichter ablesen. Damit das funktioniert, bedurfte es eines gut durchdachten Tragwerks. Die Tragwerkplaner übernahmen das Stützenraster des Altbaus von 7,50 m für das Tragwerk des Neubaus. Dieses planten sie jedoch mit Schotten aus Stahlbeton statt wie im Altbau mit Stützen. Die Stahlbetonschotten des Obergeschosses verbinden die Deckenscheiben zu einer Einheit. So entsteht ein kraftschlüssiger Doppeldecker, der die Kragmomente auffängt und die Last über die Schotten und Treppenhauswände im Erdgeschoss abträgt. Das ermöglicht die weite Auskragung des Obergeschosses ohne Stützen und große, stützenfreie Innenräume im Erdgeschoss.

Kontrastmittel Hülle

Ein großer Kontrast entsteht durch die zwei Hüllebenen: Um die drei Gebäudeteile zu einem Volumen zusammenzufassen, umhüllten die Planer den Riegel mit einer Glasfassade und mit Sonnenschutzläden aus Aluminium. Eine glatte Fassade innen, eine faltbare Struktur außen. Die Glasfassade reicht bis an die Oberkante der Attika und überdeckt beide Geschossdecken. Eine einheitliche, glatte Haut, in der sich die Umgebung leicht spiegelt und die – das sieht man in den Innenhöfen – ebenfalls kaum eine Kontur bildet. Selbst die Rahmenprofile der Glasfassade nehmen sich zurück, im Boden versenkt, hinter der Konstruktion der Aluminiumläden versteckt oder optisch in das Attikablech integriert. Die Glashaut ist dunkel und lässt die vorgehängten Metallläden hell leuchten. So wird die Aluminiumfassade zum Hingucker.

Die Aluminiumläden bestehen aus zwei miteinander verbundenen Rahmen, die sich gegeneinander falten lassen. Sie hängen an vier Auflagern an den querverlaufenden Profilen einer Pfosten-Riegel-Konstruktion. An einer Seite drehen sich die Auflager, bleiben aber in Position. Auf der anderen Seite gleiten sie entlang der Querprofile und falten die Läden auf und zu. Der Klappmechanismus ist sensorisch nach Tageslicht und Wind gesteuert. So verändert sich die Fassade im Tagesverlauf. Fällt Sonne auf eine Gebäudeseite, falteten sich die Läden auf und legen sich als geschlossene Haut dicht und eben vor die Glasfassade. Die Kubatur samt Fassade wirkt dann glatt und monolithisch. Das gewebte Streckmetall, das die Läden ausfüllt, sorgt mit kleinen Öffnungen und Licht­brechungen für Tageslicht im Innern, auch bei geschlossenem Sonnenschutz. Bei starkem Wind legen sich die Läden ebenfalls an die Fassade und verankern sich an ihren Faltnähten mit zwei Haken, die die Läden oben und unten sichern. Ganz anders, filigraner und nicht mehr monolithisch wirkt die Fassade bei zusammengefalteten Läden. Dann zeigen sich in der Ansicht nur die schmalen Seiten der gefalteten Rahmen. Auch die Höfe sind mit Streckmetallrahmen überdacht, die die Freifläche gen Himmel nach Bedarf öffnen oder schließen.

Anarchisches Bauteil

Doch diese zwei Ansichten in der Fassade, einheitlich geöffnet oder geschlossen, wird man aber nur selten sehen. Denn auf eine Bürofront kommen vier Klappläden, die sich nicht nur über die zentrale Steuerung, sondern zusätzlich raumweise individuell und stufenlos verstellen lassen. Weil sich die Raumwirkung im Innern mit der Bewegung der Läden extrem wandelt, sind auch die Reaktionen der Mitarbeiter darauf sehr unterschiedlich. Manch einer empfindet bei geschlossener Fassade fast klaustrophobische Gefühle, ein anderer sucht dahinter bewusst Ruhe vor äußeren Störungen. Die Mitarbeiter passen also den Öffnungsgrad ihrer Fassade selbst an. Diese bekommt dadurch ein variables Bild mit unterschiedlich geneigten Flächen. Sie erhält eine Tiefe, die sich mit den Empfindungen der Mitarbeiter verändert – die Fassade wird zum anarchischen Bauteil. Deren Licht-Schatten-Abdruck geht weit unter die Gebäudehaut auf Wände, Böden und Schreibtische. So setzt die Fassade der sonst so kontrollierten Ordnung im Innern die Emotionen der Mitarbeiter entgegen. Rosa Grewe, Darmstadt

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