Amandus Sattler: Fünf Thesen für eine neue architektonische Wirklichkeit

Anlässlich der Auszeichnung „Gute Bauten 2014“ durch den BDA Düsseldorf im August fasste der Architekt und Juryvorsitzende des Wettbewerbs, Amandus Sattler, das, was Architektur heute ist und was Architektur sein kann in fünf prägnante Thesen. „Architektur“, so Amandus Sattler in seiner Festrede, „kann nicht reparieren, was die Gesellschaft, in Politik und Wirtschaft falsch macht. Gute Bauten berühren, machen unser Leben schöner, tragen zur Förderung positiver gesellschaftlicher Entwicklungen bei. Dennoch gleicht z. B. ein guter Schulbau nicht bildungspolitische Fehlentwicklungen aus, ein guter Bürobau nicht fehlendes nachhaltiges Wirtschaften und faire Kooperation.“

Ästhetik komplementär zur Technik

Er bemängelte, dass es in unserem Land aktuell gar nicht so sehr um das gute Bauen geht, sondern sehr viel mehr um expansive Stadtentwicklung mit oft internationalen oder zumindest überregionalen Investoren, die das Bewusstsein für die Bedeutung und Tragweite der Investition in gute Architektur verloren haben und sie damit zur Ware machen, zur sicheren Geldanlage.

„Wir haben einen Moment gebraucht, um zu bemerken, dass der Boom beim Bauen zwar Aufträge bringt, uns aber keine Spielräume mehr lässt, um Architektur zu schaffen, die Menschen etwas Besonderes mitteilt; keine Sensationen, sondern ein beziehungsreiches Verhältnis zwischen Notwendigkeit und Sehnsucht“. Diese neue Form architektonischer Bedeutung nennt er „neue Wirklichkeit“, die Bestehendes kritisch reflektiert und ästhetisch neu interpretiert. „Dann wird globale Verantwortung zum regionalen Gewinn. Architektur ist dabei nicht nur räumliche Verkörperung der Realität, sondern sie wird zum Instrument, das gesellschaftliche Möglichkeiten vorgibt und einen gesellschaftlichen Mehrwert generiert“, so Amandus Sattler und fasst notwendige Veränderungen in fünf Thesen:

1. Energie

„Ich weiß von Bürogebäuden, die ohne Dämmung, Heizung und Kühlung auskommen. Sie haben nicht nur den Kostenvorteil beim Bauen, weil die Technik entfällt, sondern auch im Unterhalt, bei steigenden Energiekosten. Diese Bürobauten sind realisiert [z. B. der Bürobau „2226“ von be baumschlager eberle] und haben im Betrieb schon bewiesen, dass es möglich ist. Dieses Konzept muss bei jedem Neubau in Erwägung gezogen werden.“

2. Investorenarchitektur

„Ich weiß von Architekturbüros, die auch oder nur noch selbst initiierte Projekte planen und damit ihre konzeptionellen Planungsmöglichkeiten erweitern – aber auch Verantwortung für die Menschen übernehmen, die nicht im Fokus der Geldgeber stehen. Unabhängig von Projekten führen Gespräche über Architektur mit Investoren zu einem besseren Verständnis beider Seiten darüber, wie ein Mehr an Architektur die Projekte auch wirtschaftlich erfolgreicher machen kann.“

3. Zusammenarbeit

„Ich weiß von Geschäftsführern der großen Architekturbüros einer Stadt [Kopenhagen], die sich regelmäßig treffen und austauschen über Zahlen, Fakten und Planungsstrategien im Verhältnis zu den Auftraggebern und damit zu einer anderen Planungskultur und Prozessqualität kommen, in einem verantwortungsvollen Miteinander.“

4. Wahrnehmung

„Ich weiß von Planern, die überregionale Tageszeitungen lesen, proaktiv Probleme der privaten oder öffentlichen Gesellschaft aufgreifen und mit ihrer Architektur mögliche Antworten finden und damit mehr Aufträge generieren, als durch die Teilnahme bei Wettbewerben mit vielen Teilnehmern, die nicht einmal die Bearbeitungsgebühr generieren.“

5. Zeit

„Ich weiß von Planungsprozessen, bei denen in einer wenig reglementierten Phase 0 Voruntersuchungen und Beteiligungen von Dritten für die Hinterfragung der Rahmenbedingungen aus architektonischer Perspektive möglich sind und zu Programmen führen, die das Bauen sinnvoller gestalten und Enttäuschungen vermindern. Zeit im Planungsprozess brauchen wir aber auch, um gegenseitiges Verständnis für die Konzepte entstehen lassen zu können.“

Amandus Sattler schließt mit dem Fazit: „Auf dem Weg in die Nachhaltigkeit brauchen wir vor allem wieder die Ästhetik als Komplementär zur Technik.“

„Gute Bauten“ 2014 finden Sie unter: www.bda-duesseldorf.de

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