Aleae iactae sunt
Zwei weiße Würfel für den Schweizer Nationalpark in Zernez

Im oberen Inntal, umringt von steil aufragenden Bergen, das schweizerische Zernez. Ein beschaulicher Flecken. Nach einem Brand 1872 neu errichtet, gibt sich das Unterengadiner Dorf mit seinen tausend Einwohnern halb ländlich, halb städtisch. Und beherbergt seit jüngst gegenüber seinem trutzig-behäbigen Schloss Planta-Wildenberg einen Alien: zwei milchweißbeige Würfel. An je einer ihrer senkrechten Kanten schräg abgeplattet und zusammengefügt, formen sie ein diagonales Doppelquadrat – Domizil des Besucherzentrums Schweizer Nationalpark.

Auf den Leerflächen zwischen den Kuben finden vis-à-vis dem Schloss der Eingang und rückwärtig der Feuertreppen-Fluchtweg Platz. Eine kaum das Bodenniveau überragende Piazza führt zum Entree. Welches sich nicht unterscheidet von den übrigen Licht-Öffnungen des Gebäudes – Signet der minimalistischen Handschrift Valerio Olgiatis aus dem Graubündner Flims. Sockellos wachsen die weißlichen Wände aus dem Fundament empor, etagenweise konturiert von einer kaum handbreit über das darunter liegende Stockwerk auskragenden Kante. So zurückhaltend wie wirkungsvoll sind diese Marker des Etagenwechsels zugleich eidgenössische Anverwandlung des klassischen Kunstkniffs Kurvatur: Er nimmt Olgiatis mimetischer Schachtelung seines Kubus hoch Zwei die lastende Schwere. Dazu bei tragen auch die nachgerade ätherischen Mauern. Wiewohl fünfundfünfzig Zentimeter mächtig, signalisieren die weißzementenen Betonwände weniger wehrhafte Wälle, denn würdevolle Weihestätten. Sowohl dank der diskreten Farbtemperatur des albinoweißen Kunststeins wie seiner nahezu perfekten Mimikry natürlichen Travertins: Die Oberfläche grosso modo fugenlos plan, öffnen sich in dieser sonst geschliffen glatten Haut wie beim Lapis tiburtinus hier und da kleine, unregelmäßige Krater.

Entstanden sind diese Signaturen „lebendigen“ Steins infolge thermischer Prozesse während der Produktion des Ortbetons. Seine nicht augenscheinlichen Besonderheiten nämlich sind sowohl Speicher- wie Dämmfähigkeit; mit einem Wärmekoeffizienten von 0,5. Einerseits temperaturträge dank Masse, zugleich indes ein luftiger Schweizer Käse: Aufgrund seiner ungewöhnlichen Mächtigkeit entwickelt das Gussgestein beim Aushärten hohe Temperaturen. Dabei entweichen die zur Isolation beigegebenen Zuschlagsstoffe aus Blähton und ebensolchen Glases winzige Luftbläschen, welche sich im erstarrten Leichtbeton niederschlagen in Gestalt dieser charakteristischen „Wurmlöcher“. Gleichfalls ins (Spann)-Betonskelett eingegossen sind sämtliche Medien wie Elektro, Wasser, Kommunikation sowie Installationen zur Klimatisierung durch fernwärmegespeiste Betonkernaktivierung.

Bis auf die rückseitige Feuertreppe – eine piranesische Freiluftskulptur, geziert vom blank blinkenden Messinggeländer in eigen-entworfenem Bauhausdesign – sowie den schlanken Aufzugsturm im Scharnier zwischen den beiden dreigeschossigen Würfeln, sind diese nahezu nackt. Lediglich in der Mittelachse jeder Etage von liegenden Lichtöffnungen durchbrochen, ist der Bau ein radikal reduktives Ausrufezeichen wider den Bilbao-Effekt. Zurückhaltend, nachgerade spartanisch will es Verweis nur auf sich selbst sein. Gibt sich geheimnisvoll: Enigmatisch teilen die zwillingsgleichen Würfel nichts von ihrer Funktion mit; lediglich der dezente Ein- und der skulpturale Notausgang unterscheiden sie; die ringsum achsensymmetrisch angelegten Fenster vermitteln keine Einblicke: Wo, wer und was residiert im Gebäude und warum?

Im Innern setzt sich das Ratespiel fort. Wohl buhlen die Ausstellungsinszenierungen aufgeregt um Aufmerksamkeit: Schau her, um uns geht’s! Das Gehäuse indes irritiert, lenkt den Besucher durch absolut identische, scheinbar labyrinthisch organisierte Räume in symmetriegleichen Kuben. Die Etagen werden erschlossen von einer an der mittigen Schnittstelle in beide Trakte zugleich führenden, spiegelsymmetrisch gegabelten Treppe, welche sogleich nach dem ersten Lauf den Orientierungssinn verwirrt: Bin ich nun hier oder da, oben oder unten? Didaktische Strategie von Architekt und Ausstellern, den Besucher die Installationen in den insgesamt 800 m² großen Ausstellungsräumen nur immer wieder neu und intensiver sehen zu lassen? Erklärte Absicht des Architekten jedenfalls, der die Irritation dem Eindeutigen vorzieht: „Das Äußere zeigt und verschleiert das Innere zugleich“, meint Valerio Olgiati – gewiss eine wohl eher ungewollte Gemeinsamkeit mit Antipoden in den architektonischen Arenen von Afri- und Ameriko.

Informationen zum Besucherzentrum unter

www.nationalpark.ch

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