1 715 Entwürfe für ein neues Guggenheim Helsinki. Ein Gewinner
designguggenheimhelsinki.org, www.moreaukusunoki.com

1715 Einreichungen aus 77 Ländern. Da fragt man sich: Was soll da wohl gebaut werden?! Und wo?! Gesucht wurde in dem am 4. Juni 2014 ausgelobten und am 23. Juni 2015 entschiedenen Wettbewerb der Entwurf für eine neue Guggenheim-Dependence. In Helsinki, der Stadt, die nach Auffassung der auslobenden Guggenheim Stiftung die in der Welt führende sei, was nachhaltige Stadtentwicklung darstelle. In Europa zählt die mit Abstand größte Stadt Finnlands laut Stiftung zu den lebendigsten. Und also zu denen, die noch eine Zukunft vor sich haben.

Also dorthin, direkt an den Südhafen, am Eteläsatama, der Altstadt vis-à-vis. 1A+Lage an der Wasserfront. Das kennen wir von den Auftritten der Guggenheims, wobei der berühmteste in Manhattan nur das Wasser kennt, das von oben kommt. Und dasjenige, das im internationalen Sprachgebrauch für einen durchschlagenden Werbeeffekt steht, ursprünglich in einer B Lage. Aber jedenfalls am Hafenbecken.

Was wir aber nicht kennen ist, dass die Stiftung zum ersten Mal in ihrer jahrzehntelangen Bauherrengeschichte einen Architekturwettbewerb auslobt. Sämtliche Museumsbauten davor – in New York, in Venedig, in Bilbao und demnächst in Dubai – wurden frei vergeben; an Frank Lloyd Wright, an Frank Gehry, Arata Isozaki, Rem Koolhaas, Richard Gluckman, Jean Nouvel, Norman Foster oder an Zaha Hadid.

Und jetzt 1 715 Entwürfe aus aller Welt (für den Entwurf des Centre Pompidou in Paris wurden 681 Arbeiten eingereicht), die alle den fünf Kriterien Städtebau, Architektur, Funktionalität, Nachhaltigkeit und Machbarkeit zu entsprechen hatten. Aus pragmatischen Gründen wurden sehr schnell sechs Entwürfe in die zweite Phase gehoben, 1 709 Einreichungen schieden aus. Diese sechs wurden an drei Tagen mit weiteren detaillierten Vorgaben konfrontiert und hatten anschließend die Aufgabe, ihren Vorrundenentwurf in einem Masterplanmodell zu vertiefen. Vom 25. April bis zum 16. Mai 2015 wurden die sechs Finalisten in der Kunsthalle Helsinki der Öffentlichkeit präsentiert, daran anschließend tagte die Jury unter dem Vorsitz von Mark Wigley (Columbia University). Richard Armstrong, Chef der Guggenheim Stiftung seit 2008, war ebenfalls anwesend, aber ohne Stimmberechtigung.

Die überwiegend von finnischen Juroren besetzte, aber international gemischte Jury entschied sich für den Entwurf der französisch-japanischen Architekten Moreau Kusunoki, die in Paris sitzen. Unterstützt wurden sie unter anderem von der Arup Deutschland GmbH, Berlin. Das Preisgeld belief sich auf 100 000 € für den Gewinner und je 55 000 € für die anderen fünf Finalisten. Die Bausumme (allein das Bauwerk) soll 100 Mio. € betragen. Der komplette Wettbewerb – auch das eine Neuheit bei Guggenheim – wurde über Sponsoring ermöglicht.

Das hat seine Gründe, denn der Wettbewerb von 2014 folgte auf eine erste Absage der Stadt Helsinki auf die Guggenheim Avancen in 2012. Die Stadt habe nicht genug Geld für das Projekt. Guggenheim antwortete nun mit dem privat finanzierten Wettbewerb (Durchführung und Preisgelder) und wird sich – mit Hilfe privater Gelder – an den Baukosten mit einem Drittel beteiligen.

Gemessen an der visuellen Dominanz des neuen Museums in Helsinki kann man die Proteste mancher Bürger dort verstehen. Und tatsächlich gab es zwei alternative Architekturwettbewerbe für ein Kunstmuseum, deren Ergebnisse allerdings nicht von einem finanzstarken, internationalen Kunstmarktmacher à la Guggenheim vorangetrieben werden. Andererseits braucht die finnische Hauptstadt einen international wirksamen Attraktor auf der Hafenseite, denn für die kommenden Jahre sind hier unter dem Motto „Low2No / Low Carbon – High Urban“ ein emissionsarmes Stadtviertel geplant, auf Kivinokka – einer nahgelegenen Waldinsel mit ÖPNV-Anschluss – ist ein weiteres beispielhaftes Stadtquartier geplant und so weiter.

Helsinki, die Stadt, die einmal als das europäische Laboratorium für den Städtebau der Moderne galt, muss sich nun entscheiden, wieviele Zugeständnisse sie machen kann und wo die Grenze ist. Das Gewinnerprojekt „Art in the City“ von Moreau Kusunoki versucht zwar dem Guggenheim-Bling eine an SANAA geschulte respektvolle Haltung entgegenzusetzen, doch immerhin wird der, wenn auch auf einzelnen Kuben gesplittete, Neubau die Silhouette am Hafen zur Gänze neu formen.

Richard Armstrongs Überzeugung, dass die Guggenheim Stiftung in der Welt sei, um das Projekt „die Schönheit zu demokratisieren“ voranzutreiben, trifft eben nur halb, denn nicht selten wurden die Museumsbauten auch gegen Widerstände der lokalen Bevölkerung durchgedrückt. Ob das Museum in Helsinki aber gebaut wird? Vergleichbare Startschüsse an anderen Orten dieser Welt verhallten schon wirkungslos im kontinuierlichen Geschiebe eines global arbeitenden Kunstgeschäftes. Be. K.

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