Celler Schlosskapelle wieder zugänglich.
Ein Lehrstück in der Denkmalpflege?

Wenn man nun beginnen würde, alle Baudenkmale zu konservieren, den Zugang zu ihnen zu regulieren, sie gar nur noch der Wissenschaft zur Anschauung zu überlassen: Wären das noch Zeugen unseres Kulturerbes, aus dem wir alle doch schöpfen sollten? In Celle wurde die Glasglocke über der dortigen Kapelle abgewendet, so gerade eben noch.

Noch ist „Projekt 33881/01“ nicht für den Publikumsbesuch geöffnet, noch passiert im niedersächsischen Celle genau das, wovor zeitgenössiche Denkmalpflege warnt: Ein (gebautes) Denkmal kann nur Zukunft haben, wenn es weiterhin in Gebrauch ist. Das ist bei der Schloss­kapelle in Celle seit Jahren eher nicht gegeben, jahrzehntelange Übernutzung hatte schwere Schäden nach sich gezogen: Zuviel Luftfeuchte führte zu Pilzbefall oder Spannungsrissen in den Malgründen. Dass es soweit kommen konnte bei einem Kleinod wie der Celler Schlosskapelle, hatte einfache Gründe: Gäste internationaler Firmen, die beispielsweise VW in Wolfsburg besuchten, wurden immer nach Celle gefahren, um hier einen kulturhistorisch weltweit einmalig derart gut erhaltenen Kunstort zu erleben. Regenwetter, feuchte Wollanzüge plus Atemluft der sich dicht drängenden Besucherinnengruppen setzten den Schädigungsprozess in Gang. Intensiv ab den 1960er-Jahren, was dazu führte, dass die öffentliche Zugänglichkeit seit 1995 auf den kleinen Raum unterhalb der Empore begrenzt wurde, von wo aus die immer noch zahlreich strömende Besuchermenge durch eine Glasscheibe schauen musste auf das dann einige Meter entfernt sich entfaltende Schnitzwerk, auf subtile Verzierung und hochwertige Tafelmalereien. Was seitlich oberhalb und über einem zu sehen wäre, blieb unsichtbar. Was dadurch verstärkt wurde, weil die eher robust eingebaute Beleuchtungsanlage ihren Fokus ausschließlich in Richtung Wandelaltar hatte. Die meisten Malereien dort stammen vom Niederländer Marten de Vos d. Ä. (1532–1603).

Reicht eine Ahnung davon, was das Original sein könnte?

Die Schließung des Kapellenraums aus geschildertem Anlass warf damals Fragen auf: Dürfen wir solche öffentlichen Orte unzugänglich machen, sie hermetisch abgeschlossen unter eine Glasglocke stellen? Müsste man hier eventuell sogar eine originalgetreue Replik (vielleicht im Rittersaal des Schlosses) aufbauen, in dem Besucherinnen eine Ahnung davon bekommen, was das Original sein könnte? Die Höhle von Lascaux wurde – auch wegen zu viel Luftfeuchte – Jahrzehnte nach ihrer Entdeckung in Teilen als „Original“ nachgebaut, „Lascaux II“ heißt der Ort schlicht, ein Ort aber, der trotz aller Kopie immer noch überwältigt. Wieder einige Jahre später gab es den kompletten Nachbau des Originals, Lascaux IV bietet einerseits Entlastung für den ersten Nachbau, aber eine Werkstatt, Theater, Kino und den „Immersionsraum für ein einzigartiges Erlebnis“ (Snøhetta in Zusammenarbeit mit SRA Architectes, 2017).

Gerade letzteres, das Immersive, ist zunehmend wichtigerer Bestandteil von Präsentationen, deren klassisches Darbieten im Raum nicht ausreichend ist: Wir sollen doch die Kälte spüren, das Feuer riechen, die Wolken am Himmel ziehen sehen, das Holz unter den Füßen knarzen hören. Wäre es nun nicht auch eine gute Idee, aufbauend auf der schon geleisteten digitalen Raum­erfassung der Kapelle, diese mittels VR-Technik zu erleben? Das sei durchaus denkbar, so die Leiterin des zuständigen Residenzmuseums Juliane Schmieglitz-Otten im Rahmen eines Vortrags mit Podiumsgespräch Anfang September im Celler Schloss; allerdings schränkte sie gleich ein, dass das Virtuelle dem Realen kaum wirklich nahekommen könne. Das Raumerlebnis, das man vor Ort habe, sei dann doch durch nichts zu ersetzen.

Anlass der Veranstaltung war einerseits der Abschluss der „restauratorischen Säuberung“ der Kapelle, andererseits die Diskussion darüber, was denn ein solches Kleinod im Kontext Gesamtdenkmal Schloss und Kulturvermittlung (Didaktik) für eine Rolle spielen könnte. Und ja, alle der an diesem Abend im Rittersaal Versammelten wollten wissen, ob sie wieder hineinkönnen in ihre Kapelle.

In einem Modellvorhaben das konservatorische Optimum bestimmen

Ja, sie werden können. Wann genau, dazu wollten sich die Verantwortlichen des zuständigen Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege allerdings noch nicht äußern. Doch dass man wieder Besucherinnen hinter die Glasscheibe in den Raum lassen werde, sei klar. Aber: nur sehr begrenzt und dem Raumklima verträglich. Was möglicherweise heißt: bei dieser Wetterlage niemand, bei anderer mehrere, vielleicht eine 12er-Gruppe am Tag für 20 Minuten, vielleicht weniger. Gedacht sei, dass zur Kapelle ein Informationsraum geschaltet wird, in dem das Immersive eine Erdung erhält, in dem sich die Staunenden mit Fakten versorgen, aber auch mit Detailsichten auf die Malerei, die wesentlich stärker zu schützen ist als zur Zeit der unbedarften Nutzung.

Dass wir überhaupt die Celler Schlosskapelle als „Gesamtkunstwerk von europäischem Rang“ von Nahem erleben werden können, dazu war ein von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt DBU gefördertes Modellvorhaben notwendig, mittels dessen die Möglichkeiten und die Grenzen der Nutzung ermittelt werden sollten. Hauptziel war dabei die Beseitigung der bestehenden und die Vermeidung zukünftiger menschenverursachter Schäden infolge von zu häufigen und zu starken Klimaschwankungen. Für die besonders gefährdeten Holztafel- und Leinwandgemälde galt es, das konservatorische Optimum zu bestimmen, um zu trockene und zu feuchte Raumklimabedingungen ausschließen zu können.

Zu diesem Zweck wurde anhand von bauphysikalischen Voruntersuchungen für die Schlosskapelle eine Anlage entwickelt und dann unterhalb des Kapellenraums realisiert. Diese dient der automatischen Be- und Entlüftung sowie der Entfeuchtung (Machbarkeitsstudie Klimatechnik). Zur Programmierung und zur Prüfung ihrer Wirksamkeit wurden umfangreiche Untersuchungen durchgeführt, insbesondere Klimamessungen und Zustandskontrollen ausgewählter Referenzflächen. Außerdem wurde ein bauphysikalisches 3D-Rechenmodell der Schlosskapelle erstellt, das detaillierte Strömungssimulationen wie auch virtuelle Nutzungserprobungen ermöglichte (IWB, Universität Stuttgart), die wiederum Schlussfolgerungen dahingehend zulassen, mit wievielen Personen mit welcher Dauer der Raum in Zukunft begangen werden kann.

Denkmalverträglich: Wieviel Mensch im Artefakt ist erlaubt?

Der aus Mitteln des Landes Niedersachsen finanzierte Einbau der Lüftungs- und Entfeuchtungsanlage erfolgte während der Projektlaufzeit im Kontext der präventiv-konservierenden Bauunterhaltung. Dabei wurde der bisher geübte Luftwechsel (Fenster- und Türöffnungen) reduziert, ein Windfang wurde vorgeschaltet.

Nach dem problemlosen Probebetrieb (von Mai 2019 bis März 2020) wurde die Anlage in Bezug auf die Temperatur und relative Luftfeuchtigkeit (r. F.) mit den Sollwerten +5 bis +18 °C und 55 bis 60 Prozent r. F. programmiert: Die Anlage wurde bewusst nicht mit einer apparativen Luftbefeuchtung ausgestattet, um das Risiko von lokalen Feuchtebelastungen im Bereich von Wärmebrücken auszuschließen.

Die denkmalverträgliche Nutzung der Schlosskapelle wurde mit unterschiedlichen Formaten erprobt. Das konservatorisch bevorzugte Format ist die geführte Gruppe (max. 12 Pers. bei 20 min./Tag). Damit werden die bauphysikalisch definierten Grenzwerte (max. 25 Pers. bei 60 min./Tag) im Sinne der präventiven Konservierung deutlich unterschritten und eine verlässliche Pufferzone erreicht.

Die durchaus provokante Frage „Wieviel Mensch verträgt das Denkmal?“ (Stadlbauer u. a., Das Modellprojekt Celler Schlosskapelle oder: Wieviel Mensch verträgt das Denkmal?, in: Klimazone Kirche, Berlin 2019, S. 111–131) führt uns schnell auf Pfade, deren stures Geradeaus die Denkmalpflege gerade dabei ist, zu verlassen: Wir sollen doch unser Kulturerbe nicht bloß anschauen dürfen, wir sollen, ja wir müssen es in Nutzung halten. Auf ewig?

Dass das bei derart kostbaren (und damit automatisch fragilen?) Hinterlassenschaften einerseits und einem starken Interesse an ihnen andererseits schwierig werden kann, das zeigen die Schäden, die sich im Gesamtkunstwerk Celler Kapelle aufgebaut haben. Die Unterstützung der Überlebensfähigkeit mittels einfacher, aber exakt angemessener Technik in Celle kann für andere, ähnlich empfindliche Räume lehrreich sein. Die notwendige Kontrolle der Zugänglichkeit wird das Interesse am Objekt steigern, Jahrestermine könnten ganz demnächst als „ausgebucht“ angezeigt werden. Die Frage nach dem Ewigkeitsanspruch ist allerdings immer noch nicht beantwortet. Benedikt Kraft/DBZ

www.denkmalpflege.niedersachsen.de, www.residenzmuseum.de/schloss.html

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