Bauen mit dem Übrigen
Die Transformation von einer linearen in eine kreislauffähige Bauwirtschaft gelingt nur, wenn alle Prozesse dafür optimiert werden. Das betrifft auch die Lehrpraxis an den Hochschulen. Wie wir Entwerferinnen und Entwerfer auf eine zirkulär gebaute Welt vorbereiten können
In einem konventionellen Architekturstudium werden das Entwerfen und Bauen unter idealisierten Rahmenbedingungen gelehrt. Studierende lernen, mit normierten Baustoffen, standardisierten Systemen und scheinbar unbegrenzter Materialverfügbarkeit zu planen. Baukonstruktive, bauphysikalische und tragwerkstechnische Standards werden vermittelt. Ein definiertes Raumprogramm und ein konkreter Kontext bilden üblicherweise den Ausgangspunkt für Entwurfsaufgaben. Die Ideen werden in Form von Zeichnungen und abstrakten Modellen dargestellt – dabei bleibt das Material oft vage und wird als neue, homogene und frei verfügbare Ressource präsentiert.
Angesichts ökologischer Krisen und der Dringlichkeit ganzheitlicher Transformationsprozesse (siehe Infokasten am Ende des Beitrags) gilt es, diese Grundlagenvermittlung zu erweitern. Einige Lehrende formulieren deshalb zunehmend Aufgabenstellungen, die den Umgang mit Bestandsgebäuden fordern. Entwurfsprozesse verändern sich: Sie werden komplexer, analytischer und zugleich situativer. Studierende lernen, auf das Vorhandene zu reagieren und spezifische Lösungen zu entwickeln. Und doch bleibt die Umsetzung häufig der Logik des Neubaus verpflichtet – Ergänzungen werden aus neuen, homogenen Materialien gedacht. In der Lehre werden das Entwerfen und Konstruieren mit bereits vorhandenen oder übrig gebliebenen Materialien und Bauteilen selten in einem neuen Kontext thematisiert – unabhängig davon, ob es sich um einen Um- oder Neubau handelt. Dieser Ansatz erfordert alternative Entwurfsstrategien, eine Nähe zwischen Planung und Ausführung sowie ein Hinterfragen ästhetischer Konventionen.
Dieser Beitrag widmet sich den architektonischen Potenzialen, die im Bauen mit vorgefundenen und übrigen Materialien liegen, sowie den Methoden, mit denen sich ein solcher Ansatz in Ausbildung und Praxis verankern lässt.
Das Übrige
In der Baupraxis ist es üblich, aus einem Überangebot an neu produzierten Materialien auszuwählen. Dabei wird die Entstehung von Abfall in Form von Stoffen und Emissionen in allen Lebenszyklusphasen eines Gebäudes in Kauf genommen. Beim Bauen mit dem Übrigen erfolgt eine umgekehrte Herangehensweise. Hierbei beruht die Planung auf der Begrenztheit der Mittel. Nicht das Material wird anhand der Planung hergestellt, sondern die Planung wird durch das bereits vorhandene Material definiert.
In der Vergangenheit resultierte diese Herangehensweise aus dem Mangel an Material. Obwohl dieser aktuell in Deutschland nicht vorliegt, birgt das Studium dieser Praxis und der Übertrag auf heutige Bedingungen das Potenzial, einem Materialmangel vorzubeugen und das Klima zu schützen.
Dafür kommen auch minderwertige Materialien – das Übrige – in Betracht: Das Bauen mit Materialien aus der urbanen Mine, die beim Abriss, Rückbau oder Austausch anfallen, wird als Wiederverwendung (Re-Use) bezeichnet. Darüber hinaus werden beim Bauen mit dem Übrigen Materialien einbezogen, die nur kurzfristig genutzt werden, für den vorgesehenen Zweck unbrauchbar sind oder bereits in der Herstellung als Reste anfallen. Dazu zählen Lagerfenster, Verschnitt, Fehlproduktionen, krumme Äste sowie Fremdressourcen wie gebrauchte Tennisbälle oder Verpackungsmaterial sowie alle weiteren als wertlos erachteten materiellen Ressourcen, die vorwiegend deponiert und verbrannt werden oder ungenutzt bleiben.
Ästhetik
Im Gegensatz zu neu produzierten Materialien bilden übrige Materialien eine zufällige und heterogene Sammlung. Oft sind es kurze Abschnitte oder Fragmente, deren Kanten unregelmäßig gebrochen sind. Sie weisen Narrative in Form von Gebrauchs-, Witterungs- und Alterungsspuren auf, wie wir sie auch bei Bestandsgebäuden feststellen können.
Die belgische Umbaukultur veranschaulicht Gestaltungspotenziale, die mit dem Erhalt dieser Merkmale einhergehen. Es ist nicht das Radieren und Überschreiben der bestehenden Struktur, sondern das Offenlegen und Weitererzählen der gelebten Geschichte, das diese Architektursprache auszeichnet. Ein Beispiel dafür ist das Umbauprojekt Twiggy in Gent von Architecten de Vylder Vinck Taillieu. Im Rahmen des Projekts wurde eine Zwischendecke zurückgebaut und die Türen des oberen Geschosses wurden zweigeteilt. Die unteren Abschnitte der Türen dienen als Absturzsicherung, während die oberen als Fensterläden die Steuerung von Sichtbeziehungen ermöglichen. Durch den Erhalt der Fundstücke werden nicht nur Ressourcen geschont und Abfall vermieden, sondern auch die enthaltenen Narrative weitererzählt. Innerhalb der transformierten Architektur regen die Fragmente zum Nachdenken über Vergangenes an.
Darüber hinaus ist eine Ergänzung von Bestandsgebäuden mit wiederverwendeten Materialien möglich. Anders als beim vielfach angewandten Prinzip, Altem Neues gegenüberzustellen, wird hierbei der gealterte Bestand durch patinierte Materialien harmonisch ergänzt. Auf diese Weise erweitert das Wohnheim Cowan Court von 6a architects die Gebäude des Churchill College der University of Cambridge. Die Fassaden aus wiederverwendeten, verwitterten Hölzern fügen sich subtil in das Ensemble.
In der Studie Rebeauty - Nordic Built Component Reuse untersuchten Vandkunsten Architects Gestaltungspotenziale, die mit der Wiederverwendung einhergehen. Im Rahmen des von Søren Nielsen geleiteten Projekts wurden u. a. zurückgebaute Lüftungsrohre zerschnitten, flachgeklopft und als Vorhangfassade eingesetzt. Die unterschiedlichen Rohrquerschnitte führen zu unterschiedlich hohen Streifen und erzeugen so ein zufällig anmutendes Spiel. Die schräg verlaufenden Falze ergänzen die Fassadenbekleidung um ein formales Detail.
Søren Nielsen vertritt die Auffassung, dass ästhetische Objekte dann als attraktiv wahrgenommen werden, wenn sie ein Gleichgewicht zwischen dem Erwartbaren und dem überraschend Anderen erzeugen. Die Verwendung des Übrigen sowie das Fortschreiben einer Bestandsarchitektur ermöglichen dies und vereinen gestalterische Potenziale mit einer ökologischen Zielsetzung. Unter der Prämisse, dass es gelingt, die Konformität mit dem Markt- und Zeitgeist zu hinterfragen, kann das Bauen mit dem Übrigen zu einer vielfältigen Formensprache führen. Ein spielerischer Umgang mit Standards ist dabei von entscheidender Bedeutung. Die Unvoreingenommenheit von Architekturstudierenden ermöglicht es ihnen, sich mit unkonventionellen Formen auseinanderzusetzen und den Materialeinsatz neu zu denken.
Entwerfen
Neben der Ästhetik ist es der Entwurfsprozess, der sich durch die begrenzte und temporäre Verfügbarkeit von Materialien verändert. Die stetige Suche nach übrigem Material führt zu einem iterativen und flexiblen Entwurfsprozess, der erst mit der Fertigstellung des Gebäudes abgeschlossen ist. Ein sukzessives Entwerfen bzw. Weiterbauen kann zu gestalterisch herausfordernden Konglomeraten führen, wie sie beispielsweise ab den 1960ern in den Projekten des belgischen Künstlers und Architekten Marcel Raymaekers zu finden sind, der einen eigenen Bauteilhof in seine Praxis integrierte. In diesem Kontext betont Søren Nielsen, dass das Arbeiten mit vorgefundenen Materialien auf Strategien fußenvmuss, die das Unerwartete antizipieren und den unvermeidlichen Kontrollverlust in ästhetische Qualität umwandeln.
Außerdem bedingt die Begrenztheit der Mittel eine spontane Entscheidungsfindung, zu der sich bereits zahlreiche Theoretiker in der jüngeren Vergangenheit geäußert haben: Charles Jencks und Nathan Silver veröffentlichten 1972 dazu ein Schriftwerk mit dem Titel „Adhocism: The Case for Improvisation“. Die Autoren stellen die These auf, dass die gegenwärtige Umgebung sowohl zu extremer visueller Einfachheit als auch zu extremer funktionaler Komplexität tendiert. Der Adhocismus sei hingegen in der Lage, die komplexen Zusammenhänge der Umwelt sichtbar zu machen.
In seinem Werk „Das wilde Denken“ definiert Claude Lévi-Strauss 1962 den Begriff „bricolage“ so: „Der Bastler (bricoleur) ist in der Lage, eine große Anzahl verschiedenartigster Arbeiten auszuführen. Die Regel seines Spiels besteht immer darin, (...) mit einer stets begrenzten Auswahl an Werkzeugen und Materialien (auszukommen)“. Ákos Moravánszky wiederum stellt eine Verknüpfung zur Wiederverwendung von Bauteilen her (Bauteile wiederverwenden, 2021): „Die Aneignung von Bauteilen im neuen Kontext braucht eine Methodik, die darauf eingeht, was gerade vorhanden ist, und deshalb Einfall und Zufall walten lässt. Diese alternative Ordnung der Kreativität unterscheidet sich von dem Modell der modernen Planung, die jegliche Kontingenz zu vermeiden sucht.“ Søren Nielsen fordert in diesem Zusammenhang einen „aufgeschlossenen, erforschenden Entwurfsprozess“ und ist überzeugt: „Das Erkunden wird zur neuen Normalität werden.“ In diesem Sinn schreibt auch François Renaud in „Bauteile wiederverwenden“: „Der Mangel erlaubt kein Ausweichen. Da nicht auf gesichertes Wissen zurückgegriffen werden kann, sind die Fragen, die sich stellen, prinzipiell unentscheidbar. Die damit gegebene Freiheit der Wahl verlangt nach einer kreativen Reaktion.“
Eine Methodik, in der eine präzise und möglichst handwerkliche Auseinandersetzung mit dem Material stattfindet, stellt diese Theorien auf die Probe: Der britische Künstler Wycliffe Stutchbury arbeitet mit im Wald gefundenen Ästen. Er verarbeitet diese zu unterschiedlich breiten Schindeln und arrangiert sie in Form von Wandpaneelen, Vorhängen oder Fassadenbekleidungen. Der vorgefundenen Form folgend setzt er die klein geschnittenen Astquerschnitte kunstvoll zusammen. Stutchbury beschreibt diese Arbeitsweise auf seiner Website als intuitiv: „Also lasse ich das Holz, das vor mir liegt, den Weg weisen, und versuche, durch einen Prozess der Bearbeitung die Qualitäten und Erzählungen, die darin verborgen sind, zu enthüllen.“
Wie aber kommt diese Methodik nun in die Lehre – und damit in die Praxis? Design-to-Build-Projekte können dabei helfen, einen handwerklichen Entwurfsansatz in der Lehre zu verankern. Das im Juni 2022 an der Bergischen Universität Wuppertal durchgeführte Projekt „re-narrated“ – finanziell unterstützt vom BBSR – widmete sich der Wiederverwendung zurückgebauter Materialien. Unter gemeinsamer Leitung von Frau Prof. A. Hillebrandt, Søren Nielsen und der Autorin sollten hier Fassadenbekleidungen in Form von Mockups im Maßstab 1 : 1 entwickelt werden. Beim Stegreifentwurf „Adding Softness“ kamen hierbei Eichen-Vollholzparkett als Trägermaterial sowie rote und silbrige Schattiergewebe aus einem Gewächshaus zum Einsatz. So entstand ein heterogenes Bild, das durch Narrative des Gebrauchs und der Alterung unterstützt wurde.
Darstellen
Neben dem Planungsprozess erfordert auch dessen Darstellung Flexibilität und Präzision. Die unklare Verfügbarkeit des Übrigen setzt eine kurzfristige Anpassungsfähigkeit sowie das Arbeiten mit Platzhaltern oder Leerflächen voraus. Außerdem sind aufgrund der vorgegebenen Eigenschaften des Übrigen unpräzise Planungen und Darstellungen nicht ausreichend. Neben Mockups im Maßstab 1 : 1 ermöglichen digitale 3D-Modelle des Vorgefundenen ein besseres Verständnis der formalen Eigenschaften, sodass eine Konstruktion im Dreidimensionalen entwickelt werden kann. Zudem bieten Fotomontagen die Möglichkeit, tatsächliche Alterungs-, Witterungs- und Gebrauchsspuren zu erfassen. Digitale Techniken, wie Photogrammetrie oder 3D-Scans schaffen eine präzise Planungsgrundlage und geben einen Ausblick auf zukünftige Arbeitsweisen. Abgabeleistungen von Architekturstudierenden sollten entsprechend hinterfragt und ergebnisoffen erprobt werden. Exemplarisch hierfür sind die im Rahmen des Studierendenprojekts re-narrated: Adding Softness angefertigten Fotomontage sowie die Werke von Filip Dujardin.
Konstruieren
Zurückgebaute Materialien oder Verschnitt führen häufig zu Bruchstücken. Im Umgang damit schafft eine überlagernde Anordnung den erforderlichen Spielraum, um unregelmäßige Kanten zu fügen. Auf diese Weise gelingt es den Studierenden des Entwurfs Self Shingling im Rahmen des Projektes re-narrated, eine Fläche mit zerstörten Fliesen zu generieren. Darüber hinaus ermöglicht diese Konstruktionstechnik den Umgang mit der Polyrhythmik zwischen vorgefundenen Materialien und definierten Raumanforderungen. Das Architekturbüro import.export Architecture demonstriert die Anwendbarkeit dieser Methode am Beispiel der Verwendung standardisierter Plattengrößen einer ehemaligen Ziegelproduktion im Projekt Stadsmussen.
Unter der Prämisse, dass das Vorgefundene gleichförmig ist, kann der Aufwand für die Entwicklung einer individuellen Verbindungsart gerechtfertigt sein. Im Projekt Brico von noda studio wurde die Wand eines Badezimmer-Moduls aus wiederverwendeten Glasbausteinen hergestellt. Der Anspruch, eine kreislauffähige Konstruktion zu schaffen, führte zur Entwicklung eines Holzleisten-Stecksystems, das auf die Eigenschaften der Glasbausteine reagiert. Mittels einer Nut in der Leistenmitte wird das Einfädeln in die Feder der Glasbausteine ermöglicht. Weitere Verbindungsmittel sind aufgrund des Ineinandersteckens der Leisten nicht notwendig.
Eine weitere Herausforderung bei der Arbeit mit Bruchstücken liegt im Umgang mit kurzen Komponenten. Historische Konstruktionen, wie die Hängesäule, das Hammerbalkengewölbe oder Hebelstabwerke stellen entsprechende Lösungen dafür dar. Zudem entwickelte Philibert de l’Orme im 16. Jahrhundert das Bogenbohlendach. De l‘Orme beschreibt in seinem Buch „Nouvelles inventions pour bien bastir et à petits fraiz“, dass auch minderwertige Hölzer, die beispielsweise aus dem Rückbau stammen, in seiner Konstruktion verwendet werden können. Ebenso begünstige die Bauweise eine geringere Rissbildung und ein reduziertes Schwindverhalten. Die Vermittlung dieser alten Einsichten und historischen Bauweisen sollte künftig im Rahmen von Entwurfsseminaren stärker in den Fokus rücken.
Realisieren
Durch das Bauen mit dem Übrigen verändern sich zudem bauwirtschaftliche Prozesse. Eine europäische Unabhängigkeit von globalen Märkten wird gefördert und die Ausbeutung anderer Nationen eingedämmt. Ein ökologischeres Wirtschaften wird gestärkt, indem Materialien aus der lokalen urbanen Mine und der regionalen Wirtschaft bezogen werden, wodurch insbesondere Transportemissionen reduziert werden. Aktuell werden die Emissionsminderungsziele in den Sektoren Verkehr und Gebäude signifikant verfehlt. CO2-Bilanzierungen für Zertifizierungen sehen das Einkalkulieren der Transportemissionen (Module A4 und C2) aktuell jedoch nicht vor. Daher ist eine Umstrukturierung der CO₂-Bilanzierung notwendig, um eine fundierte Bewertungsgrundlage für Entscheidungsprozesse zu erlangen. Die Thematik sollte in der Lehre behandelt werden, um so ein Verständnis sowie die Fähigkeit zur Berechnung und Bewertung von Treibhausgasemissionen zu vermitteln. Des Weiteren muss es gelingen, unter Einhaltung der Vergaberichtlinien, kürzere Transportwege zu bevorzugen. Dezentrale Bauteillager können dazu beitragen, die Transportdistanzen im Bauwesen zu reduzieren. Im Rahmen des Horizon-Europe-Projekts CirCoFin werden europäische Städte bei der Errichtung von Infrastruktur und Finanzmechanismen unterstützt, die die Wiederverwendung von Baumaterialien ermöglichen.
Weiterhin sind Anstrengungen notwendig, um einen höheren Ausnutzungsgrad von Materialien in der Herstellung zu erreichen. Verschnitt und minderwertige Materialbestandteile sollten zuerst stofflich genutzt werden, um Neumaterial zu substituieren. So könnte der Verschnitt von ausgestanzten Metallteilen beispielsweise als perforiertes Sonnenschutzelement dienen. Und welche Potenziale liegen in der stofflichen Verwendung krummer Äste, der Rinde, Nadeln und des Laubs? Im Jahr 2023 realisierte eine Forschungs- und Studierendengruppe der Architectural Association (AA) School of Architecture in London das Projekt The Tree and The Truss. Dabei wurden krumme Äste als diagonale Streben in Fachwerkträgern eingesetzt und eine Kombination digitaler Methoden (3D-Scan und Robotik) angewendet, die die Verwendung unregelmäßiger Geometrien begünstigt.
Die im Dezember 2025 von Cirkla veröffentlichte und von BaselCircular beauftragte Studie „Cirkla: ReUse in der Bauindustrie stärken“ liefert Erkenntnisse „zur aktuellen Entwicklung der Wiederverwendung in der Bauindustrie und zum Potenzial ihrer Skalierung“. Die Autor:innen, die sich insbesondere auf die Schweizer Baubranche beziehen, weisen darauf hin, dass „[d]ie Wiederverwendung in der Baubranche […] auch in Deutschland zunehmend an Bedeutung [gewinnt], […] sich jedoch noch in einer frühen Umsetzungsphase [befindet]“. Das Bauen mit dem Übrigen kann zu mehr Respekt gegenüber den natürlichen Grenzen der Erde führen, Ressourcen schonen, Treibhausgasemissionen reduzieren und Abfall vermeiden. Es sollte daher nichts unversucht bleiben, die frühe Umsetzungsphase weiterzuentwickeln, die bekannten Planungs- und Realisierungsprozesse sowie das Verständnis von Ästhetik in der Architektur zu transformieren und die Methoden in der Lehre zu erproben und zu vermitteln.
Handlungsbedarf
Im September 2025 gab das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung bekannt, dass die siebte der neun planetaren Grenzen überschritten wurde. Aus dem wenige Wochen später erschienenen Emissions Gap Report 2025 der UN geht hervor, dass die globale Durchschnittstemperatur auf dem Planeten Erde um 2,8 °C im Vergleich zum vorindustriellen Niveau steigen wird, wenn der aktuelle politische Kurs beibehalten wird. Obwohl die verheerenden Folgen einer derartigen Klimaerwärmung bekannt sind, findet in Deutschland heute weniger Klimaschutz statt als zuvor. So offenbart der am 18. November 2025 auf der 30. UN-Klimakonferenz in Belém veröffentlichte Climate Change Performance Index 2026, dass Deutschland hinsichtlich des Klimaschutzbeitrags sechs Plätze schlechter als im Vorjahr abschneidet. Zudem zeigen die jährlich vom Umweltbundesamt veröffentlichten Treibhausgas-Projektionen für Deutschland, dass die Reduzierung der Treibhausgasemissionen in den Sektoren Verkehr und Gebäude nicht ausreicht, um die im Bundes-Klimaschutzgesetz definierten Ziele zu erreichen.
Auf globaler Ebene ist ein Anstieg des Materialverbrauchs zu verzeichnen[1]. Die jährliche, weltweite Materialentnahme hat sich von 1900 bis 2005 verachtfacht und ist damit in den letzten 100 Jahren doppelt so schnell angestiegen wie die Weltbevölkerung[2]. Um im Einklang mit unseren natürlichen Kreisläufen zu stehen, müsste der Verbrauch bis 2050 ca. um die Hälfte reduziert werden[3].
[1] Krausmann, F., et al.: Growth in global materials use, GDP and population during the 20th century
[2] Sobek, W.: non nobis, über das Bauen in der Zukunft. Band 1
[3] Liedtke, C., et al.: Crashkurs Nachhaltigkeit – Eine multimediale Übersicht
