Ökologischer Baukasten Deutsche Börse in Eschborn

Das vielzitierte „Frankfurter Parkett“ liegt seit kurzem im Speckgürtel der Bankenmetropole. Beim Bau des Hauses darüber wurde eine Vielzahl an ökologischen Maßnahmen eingesetzt, die zur LEED-Zertifizierung in Platin führten.

„Fremd“, ließ einst Karl Valentin uns wissen, „ist der Fremde nur in der Fremde“. Heutzutage ist uns auch in vertrauter Umgebung vieles fremd geworden. Selbst ganz traditionelle Institutionen, die für Stabilität und Seriosität stehen, geben Altbewährtes auf.

Das von Fernsehreportern vielbemühte „Frankfurter Parkett“ zum Beispiel ist schon seit einigen Jahren Schimäre. Zwar wurde der Handelssaal in der Frankfurter Börse 2008 nach den Plänen der Stuttgarter Szenographen Atelier Brückner eindrucksvoll umgebaut, doch das dort umgesetzte Handelsvolumen bewegt sich gegenüber dem, was auf dem Computersystem Xetra und anderen ge- und verkauft wird, im Promille-Bereich.

Die Unternehmensgruppe Deutsche Börse AG residierte ein paar Jahre in einer leicht gebogenen Kammstruktur aus Glas im Frankfurter Stadtteil Hausen. Ihr vorerst endgültiges Domizil – der Konzern ist Mieter, nicht Eigentümer – eröffnete im September vergangenen Jahres Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier im Heimatort seines Vorgängers Roland Koch, in Eschborn.

Nun fällt es schwer, diese Ansammlung von Vorgärten, Einfamilienhäusern und Bürosolitären nordwestlich des Frankfurter Nordwestkreuzes „Stadt“ zu nennen. Tatsache aber ist, dass Eschborn einerseits Hessens reichste Gemeinde ist, andererseits die geringsten Gewerbesteuern im ganzen Bundesland erhebt. Und genau Letzteres war der Grund, weshalb die Börse anderen Firmen folgte, ihrem traditionellen Standort Ade sagte und sich in die nahe gelegene Fremde begab.

Wahrscheinlich wird man nie von einem „Eschborner Parkett“ sprechen, auch wenn der Boden der Eingangshalle mit genau einem solchen aus geräucherter Deutscher Eiche belegt wurde.

Das erste Bürohaus mit LEED Zertifizierung in Platin

Die Börse ging mit ihrem neuen Domizil neue Wege, die man einer solchen Institution gar nicht zugetraut hätte. So ist das knapp 90 m hohe, „The Cube“ genannte Hochhaus das erste Bürogebäude in Deutschland, das vom US-amerikanischen Green Building Council mit LEED-Platin zertifiziert wurde. Der Primärenergieverbrauch von unter 150 KW pro Jahr und Quadratmeter wurde vorher im Mietvertrag festgelegt. Zudem gleicht der Besuch dieses Gebäudes einem Gang durch eine Kunstausstellung: Weil sich die Unternehmensgruppe zu den größten Förderern zeitgenössischer Fotografie zählt, lässt sie auch ihre Mitarbeiter daran teilhaben und stattete vor allem die Erschließungsbereiche mit großformatigen Bildern aus. Zusätzlich gibt es im Erdgeschoss und auf der Galerie im ersten Obergeschoss Wechselausstellungen von wichtigen Fotografen. Darüber hinaus: Anders als in vielen Frankfurter Wolkenkratzern residiert der Konzernvorstand in Büros , die unter den hellen Büros der Mitarbeiter verteilt sind. Die gläsernen Flurwände der Vorstandsbüros allerdings erhielten besonderem Sicht- und Schallschutz.

Was auffällt: Die Börse präsentiert sich sprichwörtlich abgehoben. Das Büro KSP Jürgen Engel Architekten, nach dessen Plänen das Gebäude in einer rekordverdächtigen Planungs- und Bauzeit von insgesamt gerade zwei Dutzend Monaten realisiert wurde, konzipierte einen mehrstufigen Sockel, mit dem der Bau wie aus dem Sumpf des städtebaulichen Durcheinanders der Umgebung herausgehoben wirkt. Diese mit Sandstein verkleidete Plattform ist eines von mehreren Mitteln, um dem – im Vergleich zur Frankfurter Skyline – doch niedrigem Hochhaus Vertikalität zu verleihen. Auch die vorstehenden Lisenen der Stahl-Glas-Hülle verleihen durch die Schattenwirkung der Fassade nicht nur feine Plastizität, sondern etwas Aufstrebendes. Nachdem ein Besucher durch das viergeschossige Eingangsportal getreten ist, erwartet ihn im Atrium der vertikale Höhepunkt: ein 83 m hoher, die gesamte Tiefe des Gebäudes einnehmender Luftraum mit hochwangigen Treppen, gläsernen Liften, auskragenden Gesprächsboxen, Brücken, Galerien und filigranen, scheinbar schwebenden Stegen, deren Betreten eine gewisse Schwindelfreit verlangt.

Das Atrium ist zugleich ein Ort, an dem man die architektonischen Zusammenhänge des Hauses erkennt: zwei L -förmige, 23-geschossige Baukörper, die am Mittelpunkt des Atriums symmetrisch sind und über die eine regelmäßige, die Tragstruktur betonende Hülle gestülpt wurde. Es dient als dreidimensionale Kommunikationszentrale, als Mitte des Gebäudes und des Unternehmens. Mit seinen vielen, auch vielfältig geformten Erschließungswegen eröffnet es zahlreiche Möglichkeiten zur formellen und informellen Begegnung. Die Akustik des Atriums ist dabei dank der Perforierung sämtlicher Metallverkleidungen trotz der eigentlich harten Materialien erstaunlich gut und die Nachhallzeit äußerst gering.


Vielgliedriges Energiekonzept

Die hochgedämmte Fassade mit ihren dreifach-isolierverglasten Kastenfenstern (plus zusätzlicher Prallscheibe) und thermischer Entkopplung ist ein Bestandteil eines vielgliedrigen Energiekonzeptes mit zahlreichen intelligenten Maßnahmen.

Da ist das sehr günstige Verhältnis zwischen Außenfläche und Volumen von unter 0,1, die Öffnungsklappen an der Fassade, die das Atrium natürlich belüften und kühlen, wobei es durch das gläserne Portal und das Glasdach belichtet wird sowie die Solaranlage auf dem Dach der Baukörper, die 30 % der ­Energie für Warmwasser deckt. Es gibt Bewegungsmelder an den Arbeits­platz-Leuchten, die den Energiebedarf optimieren, die man aber individuell übersteuern kann und eine Zielwahlsteuerung für die Aufzüge sowie eine effiziente Kühl- und Heizdecke in den drei Meter hohen Büros. Horizontal ausgebildete Sonnenschutzlamellen lenken im oberen Drittel das Licht in die Tiefe der Räume.

Wichtigster Bestandteil des Energiekonzepts sind zwei für Biogas aus­gelegte Blockheizkraftwerke im obersten Geschoss, die nicht nur 60 % des Strombedarfs und die Grundlast des Wärmebedarfs decken, sondern auch mit Absorptionskältemaschinen für die Raumkühlung versehen sind.

Dass zur Nachhaltigkeit von Gebäuden eine Regenwasserzisterne für das Brauchwasser ebenso wie die Freiheit von Schadstoffen in Teppichen und Lacken gehören, ist ebenso selbstverständlich wie die Möglichkeit für einen flexiblen Ausbau der Büroräume mit Systemtrennwänden.

Nicht ganz so selbstverständlich und der großen Erfahrung von KSP in der Revitalisierung von Bürogebäuden geschuldet, ist die Möglichkeit, das Gebäude in kleinteiligen Einheiten von 200 m² zu vermieten. Die dafür notwendigen, heute eigentlich redundanten, aber der Bequemlichkeit dienenden Vorrichtungen – von vorbereiteten Brandschutzabteilungen über die Möglichkeit zur getrennten Verbrauchsmessung bis zur Verteilung der Treppenhäuser und sanitären Anlagen – sind alle bereits ausgeführt.

Ebenfalls nicht selbstverständlich, aber von LEED gefordert, ist der Einsatz von recyclierten und regionalen Materialien bzw. Halbzeugen. Der Muschelkalk in den Fluren kommt nicht aus dem fernen China, sondern runde 120 km mainaufwärts aus Kirchheim. Auch die Türbeschläge kommen aus der Nähe. Die Beziehung von Nähe und Ferne, von Vertrautheit und Fremde erhält durch die ökologischen Forderungen ganz neue Akzente.
Enrico Santifaller,Frankfurt

Veranstaltungshinsweis DBZ+BAUcolleg:
Das DBZ+BAUcolleg für Architekten und Ingenieure präsentiert die Deutsche Börse Eschborn am 30. Januar 2014 an der FH Dortmund
Freuen Sie sich auf Vorträge von Jürgen Engel, KSP Jürgen Engel, gemeinsam mit den Firmen STG Beikirch und SGL Lindner. Welche Entwurfsidee steht hinter dem Gebäude? Wie war das Zusammenspiel der Architekten und der Firmen? Entdecken Sie an diesem Abend die Ideen der kreativen Köpfe und erfahren Sie mehr über wegweisende technische Lösungen.
Zur Anmeldung

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