Entdecke die Möglichkeiten

Mikrowohnungen, Heilbronn

Von innen nach außen, aus der kleinstmöglichen Einheit entwickelt – dem Modul. Qualität statt Quantität. Ziel war es, auf optimierten Flächen bestmöglichen Wohnkomfort zu schaffen und zugleich einer architektonisch lauten Umgebung mit Schlichtheit entgegenzutreten. Das ist absolut gelungen.
DBZ Heftpate Axel Koschany

Was machen zwei junge Architekten mit einem Grundstück, dessen Qualität, Größe und Umgebung zu schlecht sind für eine Bebauung? Sie bauen trotzdem. Ausgerechnet ein Wohnheim. Und daraus wurde ihr Meisterstück. Eigentlich sollten sie nur mal schauen, wie und ob überhaupt etwas gehen könnte. Als der Bauherr 2016 auf die zwei Architekten Monika Joos und Kyrill Keller zukam – beide hatten zu diesem Zeitpunkt Jobs in der Schweiz –, zeigte er ihnen ein besonderes Grundstück. Das Bestandsgebäude war abgebrannt und nun war da eine freie Fläche. Eine augenscheinlich freie Fläche, denn in Wirklichkeit lasten darauf viele Zwänge. Da ist der extreme Verkehrslärm der vierspurigen Ausfallstraße in Richtung A6 und der Bahnstrecke Heidelberg-Heilbronn-Stuttgart. Da sind die Nachbargrundstücke mit Autohäusern, Tankstellen und Fastfood. Da ist die Bruchkante zwischen kleinteiligem Wohnen hinter und großem Gewerbe vor dem Grundstück. Da ist der Zuschnitt des Grundstücks selbst, zu klein für Gewerbe, zu laut für Wohnen. Und als reiche das nicht, belegt ein Bebauungsverbot ein Viertel des Grundstücks als Überbleibsel einer nicht realisierten Grünzugplanung, die heute absurd erscheint. Auf dem Grundstück blieb also ein schmales, winkelförmiges Baufeld mit verlärmter Freifläche ohne erkennbare Qualität.

Was tun bei wenig Platz?

Der Bauherr wollte die Fläche nicht brachliegen lassen und suchte mit den Architekten nach guten Ideen. Man entschied sich für die Belegung mit Mikrowohnungen für Wochenendpendler und Studenten. Kleine Einzimmerappartements sollten sich dicht aneinanderreihen. Die Zonierung der Appartements folgt dabei der Öffentlichkeit und der Lärmbelastung auf dem Grundstück: Zwei Laubengänge bilden einen Sichtpuffer zum Parkplatz und zur Straße, dahinter reihen sich Küchen und Sanitärräume und schützen die rückseitigen Schlafbereiche vor Lärm und Einblicken. Im dunklen Eckpunkt des Winkels liegen der Treppenaufgang und im Erdgeschoss der Technik- und Waschraum. So klar der Grundriss aus der Umgebung resultiert, so schwierig war es, die dafür geeignete Konstruktion und Materialität zu finden. Kyrill Keller erinnert sich: „Die erste Idee war, eine Struktur zu bauen, die wie ein Regal kleine Einheiten aufnehmen kann.“ Aber das Grundstück ist zu klein, um kostbaren Platz für eine Hilfskonstruktion zu verschwenden. Eine filigrane Struktur musste her, um maximal nutzbaren Raum zu schaffen. Eine Holzkonstruktion schien geeignet und kam der Affinität der Architekten für das Material entgegen, wie Keller sagt: „Wir haben bei unserer Arbeit in der Schweiz viele gute, mehrgeschossige Wohnungsbauten aus Holz kennengelernt und gesehen, wie schnell und einfach der Bauprozess mit Holz von statten geht. Aber hier gibt es das kaum.“ Der entscheidende Tipp kam vom Statiker. Er empfahl den Architekten die Holzmodulbauweise eines Vorarlberger Unternehmens, Kaufmann Bausysteme. Deren Massivholzmodule haben einen schlanken, aber tragfähigen Wandaufbau aus dreifach geschichtetem Brettsperrholz. Die Architekten machten sich gemeinsam mit ihrem Bauherrn auf die Reise nach Österreich zum Werk des Modulherstellers. Schnell war man sich einig: Das passt.

Hauptsorge Brand- und Schallschutz

Zurück in Heilbronn war das nicht mehr so klar. Joos sagt: „Es war nicht einfach den Holzbau mit der Feuerwehr abzustimmen. Die Wände des Modulsystems waren damals nicht zertifiziert, das heißt, der Modulhersteller musste erst einen Nachweis erbringen, dass die Wände F30 sind. Das war ein langer Prozess.“ Für den Brandschutz planten die Architekten zwei spindelförmige Stahltreppen am Ende der Laubengänge und reduzierten dafür die Anzahl der Appartements von 30 auf 23. Und sie entwickelten zusammen mit dem Modulhersteller einige Sonderdetails, wie ein dünnes, kaum sichtbares Abschlussblech für die Fassadenplatten, das einen möglichen Brandüberschlag von Geschoss zu Geschoss verhindert. Aber die hohen Brand- und Schallschutzauflagen blieben schwierig zu vereinbaren. Dann kam noch die Forderung nach F30-Verglasungen der Wohnungstüren bei gleichzeitig notwendigem, hohem Schalldämmwert. Joos sagt: „Wir haben sehr lange nach einem Hersteller gesucht, der diese F30-Verglasung der Wohnungstüren in Verbindung mit dem Schallschutz anbot. Wir dachten, das Projekt scheitert hier.“ Es war nicht das Ende: Sie wurden fündig, an anderen Stellen aber mussten sie improvisieren, so wie bei der Planung der dezentralen Wohnraumbelüftung. Sie suchten vergeblich nach einem Lüftungsgerät, das außen fassadenbündig sitzt, Wärme zurückgewinnt und zusätzlich schalldämmend wirkt. Jede Anforderung für sich war kein Problem, ihre Kombination aber wohl. Letztlich entwickelten sie selbst ein Einbaumöbel – eine Sitzbank, die ein Schalldämmpaneel und das dahinterliegende Lüftungsgerät verdeckt.

Die Ästhetik

Die gesamte Ästhetik des Gebäudes resultiert aus der schwierigen Umgebung. So überzeugte der Holzmodulbau die Architekten zwar konstruktiv, technisch, logistisch und auch emotional. Aber sie waren überzeugt, dass weder die Holzoptik noch die modulare Stapelung in diese durchmischte Nachbarschaft passte. Das erste erschien ihnen zu weich, das zweite zu nüchtern, und beides viel zu untypisch und wenig akzeptiert in der Region. Damit das Modulthema im wahren Sinn in den Hintergrund tritt, setzten sie die Laubengänge als eigenes Bauteil davor, aus Stahl, industriell anmutend mit Gitterrosten, Fertigbetonböden und den genannten Spindeltreppen. Auch auf der rückwärtigen Fassade wirken Joos und Keller der modularen Optik entgegen. Zusammen mit dem Modulbauer entwickelten sie eine besondere Fensterlösung: fassadenbündig für mehr Raum im Innern und mehr Einheitlichkeit Außen, mit Glasflächen bis an die Modulkante für mehr Lichteinfall und um in der Reihung ein Fensterband zu erzeugen. Der Umgang mit dem Material Holz in der Fassade war ein Suchprozess, wie Keller sagt: „Es gab viele Zwischenschritte. Die Fassade war zunächst sehr roh, mal nur natürliches Holz, später mal eine gezinkte Fassade. Wir waren sicher, eine natürliche Vergrauung trifft in der Nachbarschaft auf wenig Verständnis.“ Sie entschieden sich für vorgehängte Nadelholzplatten. Aber sie hüllten alle Bauteile, die stählernen mit Lack und die hölzernen mit Lasur, in Schwarz. So bleiben erstens die unvermeidbaren Spuren der Luftverschmutzung auf der Fassade unsichtbar und zweitens konkurriert die Fassade nicht mit dem grellen Bunt der Logos und Reklamen entlang der Straße. Es funktioniert: Würde das schwarze Gebäude wenige Meter weiter hinten im Wohngebiet eigen und evtl. geltungsbedürftig wirken, bleibt es hier, an der Bruchkante zur bunten Hässlichkeit, zurückhaltend und ruhig. Ein neutraler Punkt ohne erkennbare Materialität und Emotion, eine echte Black Box.

Der weiche Kern

Mit seinem Innern dagegen überrascht es seine Besucher, wie Joos beschreibt: „Kommt man in die Wohnungen, fühlt man sich direkt geborgen. Das natürlich belassene Holz im Innern strahlt viel Wärme aus.“ Vor allem aber überrascht die Helligkeit und das Licht im Innern. Decken und Wände zeigen das Fichtenholz der Konstruktion, weiß pigmentiert. Die Einbauten bestehen aus kieselgrauen Schichtstoffplatten, der Boden aus hellgrauem Linoleum, dazu eine Teeküche mit Edelstahloberflächen. Für die Wohnfläche in Minimalstgröße planten die Architekten die komplette Ausstattung, eine Sitzbank zwischen Küche und Eingang, geräumige Einbauschränke, Vorhänge und sogar die Garderobenhaken und Handtuchhalter. Keller sagt: „Wir haben sehr viel Energie auf die Produkt- und Materialauswahl gesteckt, damit Materialien zwar hochwertig gestaltet, aber trotzdem im Kostenrahmen sind.“ Der Modulbau ermöglichte und forderte es, sich von Anfang an detailliert mit dem Innenraum und den Funktionen darin auseinanderzusetzen. Denn in dem Holzbau mit seinen weitestgehend unverkleideten Wänden lassen sich Fehler kaum kaschieren oder korrigieren. Trotzdem meint Joos: „Ich fand den Bauprozess sehr angenehm, weil man sich einmal richtig gut Gedanken zu einem Detail machte und das dann multiplizieren konnte. Außerdem ist die Fertigung und Ausführung im Werk sehr präzise. Diesen Standard schafft man auf der Baustelle nicht.“ Die Fehleranfälligkeit durch die serielle Wiederholung sinkt, sowohl in der Planung, als auch in der Ausführung. Denn im Werk greifen die Arbeiten systematisch und routiniert ineinander bei sehr konstanten Bedingungen. „Andererseits,“ gibt Keller zu bedenken, „ist dafür die Konsequenz eines Fehlers gravierender, weil der sich ja auch multipliziert.“ Der Hauptvorteil des Modulbaus ist die kurze Bauphase: Die Module wurden in nur zwei Wochen produziert und auf dem Grundstück errichtet. Mit etwas Verzögerung kamen die Laubengänge und kurze Zeit später die Mieter. Und Monika Joos und Kyrill Keller? Für sie war das Projekt der Start in die Selbständigkeit und der Auftakt für eine ganze Reihe von Bauvorhaben. Rosa Grewe, Darmstadt

Baudaten

Objekt: Mikrowohnungen
Standort: Neckarsulmerstr. 70, Heilbronn
Typologie: Wohnbau
Bauherr: Privat
Nutzer: Betriebsangehörige und Werksstudenten
Architekt: Joos Keller Partnerschaft von Architekten mbB, Monika Joos, Kyrill Keller Stuttgart,
www.jooskeller.com
Bauleitung: Kaufmann Bausysteme GmbH, Reuthe/AT, www.kaufmannbausysteme.at, Joos Keller Partnerschaft von Architekten mbB
Generalunternehmer: Kaufmann Bausysteme GmbH, Reuthe/ AT
Bauzeit: März 2017 – Dezember 2017

Fachplaner

Tragwerksplaner: merz kley partner ZT GmbH, Dornbirn AT, www.mkp-ing.at; Peter Baustatik GmbH, Heilbronn, www.peter-baustatik.de
TGA-Planer: Planungsteam E-Plus, Egg/AT,
www.e-plus.at, Meusburger GmbH, Bezau/AT;
www.redzac.at; Lehner + Herrenbauer, Heilbronn
Energieplaner: Gutbrod Bau Physik, Markgröningen, www.ib-gutbrod.com

Projektdaten

Grundstücksgröße: 805 m² davon 224 m²
Bauverbotszone
Grundflächenzahl: 278 m²
Geschossflächenzahl: 834 m²
Nutzfläche gesamt: 694 m²
Nutzfläche: 461 m²
Technikfläche: 20 m²
Verkehrsfläche: 213 m²
Brutto-Grundfläche: 834 m²
Brutto-Rauminhalt: 2 419 m³

Baukosten (nach DIN 276)

Gesamt brutto: 2,38 Mio. €
Hauptnutzfläche: 5 162 €/m²
Brutto-Rauminhalt: 983 €/m³
Energiebedarf
Primärenergiebedarf: 49 kWh/m²a nach EnEV
Raummodule
Konstruktion: Holzmodule in 3-Schichtplatten
Hersteller: Kaufmann Bausysteme GmbH,
Reuthe AT
Anzahl der Module: 27
Abmessungen: 3,60 m x 6,50 m
Vorfertigungsgrad: größtenteils vorgefertigt, Verkleidungen Steigzonen bauseits

Haustechnik

Photovoltaik-Anlage, Hausbatterie, Warmwasserbereitung mit E-Patrone, Gas-Brennwerttherme, KfW 55, Verschattung in S und W durch Laubengang

Hersteller

Module: Kaufmann Bausysteme GmbH,
www.kaufmannbausysteme.at
Außentüren, Tore: Rauh SR Fensterbau GmbH,
www.rauh.de
Innentüren: Wurzwallner Großtischlerei GmbH,
www.wurzwallner.at
Schalter/Steckdosen: Busch Jaeger Elektro GmbH, www.busch-jaeger.de

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