Geht nicht, gibt’s nicht

Wolke 10, Nürnberg

Die Kindertagesstätte „Wolke 10“ liegt auf dem zehnten Deck eines Parkhauses. Was sich anfangs keiner vorstellen konnte, ist dank dem Team von querwärts Architekten nun Realität geworden. Die neue Kindertagesstätte bietet einen großzügigen Außenbereich und einen Panoramablick bis hin zur Kaiserburg, dem Wahr­zeichen Nürnbergs.

Wer nicht davon weiß, wird den luftigen Kinderort kaum entdecken und an dieser Stelle nicht vermuten. Zwischen einer Parkhauseinfahrt und den Schaufenstern eines etablierten Musikgeschäfts weist allein das gestaltete Logo auf den Eingang zur „Wolke 10“ hin. Patrick Schreiner von querwärts Architekten stört es nicht, dass man von der Straßenebene nur eine kleine Gebäudeecke der neuen Kindertagesstätte erahnen kann und sich ihr Werk so gut versteckt. Ein einfacher Flur führt zu dem Aufzug, der ausschließlich die Kindertagesstätte bedient und von der Straßenebene direkt bis in das oberste Geschoss fährt. Über einen Vorraum gelangt man in das gesicherte Entree. Für Eltern, die ihr Kind mit dem Auto bringen, ist ein Zwischenstopp auf Parkdeck 6 möglich. In dem Parkhaus parken immer noch private PKWs über einen längeren Zeitraum. Das Musikgeschäft von Andreas Klier hat hier ebenfalls Parkplätze.

2012 ersteigerte Andreas Klier das in die Jahre gekommene Parkhaus, um den Standort seines Musikgeschäfts, das er seit 1979 dort betreibt, langfristig zu sichern. Er fühlt sich mit dem Stadtteil verbunden: „Warum soll man, wenn man auf der Sonnenseite steht und die Möglichkeiten hat, nicht einen Beitrag dazu leisten, dass es auch anderen Menschen besser geht?“


Brennen für eine Vision

„Das Ding will ich haben“, soll Patrick Schreiner gesagt haben und überzeugte damit den Bauherrn, der über eine Empfehlung mit den Architekten zusammenkam: „Für mich war entscheidend, dass das Feuer in mir auch in einem anderen Herd aufgeht.“ Die Zusammenarbeit ist von einem beidseitigen Vertrauensverhältnis geprägt. Der Auftraggeber verlässt sich auf das junge Team und lässt ungewöhnlich viel Gestaltungsfreiraum. Alter sei nicht per se mit Weisheit gleichzusetzen und sei kein Garant für Qualität, sagt Andreas Klier. „Für mich sind Wohlfühlen und Vertrauen der Punkt.“ Patrick Schreiner ist sich der Verantwortung bewusst: „Der Bauherr vertraut uns hohe Beträge an, weil er das Metier nicht kennt. Wir brauchen das Zwischenmenschliche – als junge Architekten haben wir noch keine Referenzen.“ Dieses Werk beweist, dass das junge Team ohne „eingefahrenes System“ dafür mit Leidenschaft auf ungewohnte Wege und Lösungen kommt.

Mauern einreißen

Vor den eigentlichen Planungs- und Bauarbeiten waren Mauern anderer Art einzureißen: Bei Behörden- und bei Fachplaner-Gesprächen ließen sich Bauherr und Architekt nicht durch ein pauschales „Geht nicht“ von ihrer Vision abbringen, sondern nahmen jedes „Nein“ als Ansporn, zu erörtern: Was spricht sachlich oder fachlich dagegen? Wie kann das Problem gelöst werden? So war zum Beispiel für die Sicherheit ein Feuerwehraufzug die Lösung, der im Rettungsfall innerhalb kürzester Zeit die Kinder von der im Außenbereich liegenden Sammelstelle, die übrigens als kleiner Bolzplatz genutzt wird, nach unten fährt. Geht also doch, wenn auch mit erhöhten Kos­ten. Dafür entfallen die Ausgaben für das Innenstadtgrundstück.

Auch im Hinblick auf die Statik gab es viele Aspekte zu berücksichtigen, die Grenzen setzten. Das aufgesetzte Gebäude nimmt trotz leichter Bauweise auf die Trag­struktur des bestehenden Parkhauses Bezug, Einbauschränke mit schwerem Inhalt wurden oberhalb der Unterzüge angeordnet. Auch die Außenraumgestaltung war betroffen: die Bodenaufbauten sind exakt berechnet, die größeren Bäume sind für einen direkten Lastabtrag oberhalb der Stützen angepflanzt und selbst die Sandkästen sind statisch exakt positioniert.

Bei der Materialwahl hinterfragten die Architekten anfangs, ob es leichtere Baustoffe gab. Wegen der sich dadurch abzeichnenden Mehrkosten entschlossen sich die Planer am Ende für einen rigorosen Schritt, der mehr Luft in den statischen Fragen verschaffte: Sie ließen ca. 650 t Fahrbahnbelag vom neunten und zehnten Parkdeck abtragen. Ein enormer Aufwand, denn der gesamte Bauschutt musste per Kran abgefahren werden. Dieser war während der Bauzeit nahe dem Eingang positioniert, um die Logistik der Baustelle zu vereinfachen und zu beschleunigen. Die Seitenstraße wurde gesperrt, um Platz für Baufahrzeuge und die Entladung großer Sattelschlepper zu schaffen.

Gruppenräume mit Panoramablick

Die Kindertagesstätte ordnen die Architekten entlang der Wölckernstraße auf dem höher gelegenen Parkdeck an und nehmen damit eine Nordausrichtung des Gebäudes in Kauf. Dies hat aber den Vorteil, dass die Gruppenräume den Panoramablick auf die städtische Dachlandschaft bieten. Für die Architekten ist allerdings der Sicherheitsaspekt von höchster Priorität, der sie zu diesem Schritt veranlasste. Durch diese Anordnung wird das als Außenbereich genutzte Deck 9 im Norden durch das Gebäude abgegrenzt, wo im Bestand lediglich eine reguläre Brüstungsmauer vorhanden war.

Der Umkleidebereich ist der Auftakt für das Kinder-Luftschloss mit erstem Ausblick auf den Dachgarten. Maximal 86 Kinder finden hier ihre Fächer, wobei die Bereiche für die drei Krippengruppen und die zwei Kindergartengruppen räumlich abgegrenzt wurden. Die Einrichtung sollte nicht elitär werden, sondern sich an die Kinder aus dem Viertel richten, die ihre Wurzeln in den unterschiedlichsten Nationen haben. Innerhalb des Gebäudes reihen sich nach dem Umkleidebereich die Gruppenräume entlang des Flures aneinander, die Nebenräume sind überwiegend auf der gegenüberliegenden Flurseite in Richtung Straße angeordnet. Der Mehrzweckraum und die offen gestaltete Küche mit Essbereich entkoppeln Kindergarten und Krippe und schaffen durch die Öffnung nach Norden und Süden eine lichtdurchflutete Raumsituation in der Gebäudemitte.

In der Innengestaltung wird die Schaffenslust von querwärts Architekten deutlich, die ebenfalls für die Innenarchitektur verantwortlich waren. Für die Gruppenräume entwarf das Team Spielpodeste, so dass die Kinder unterschiedliche Perspektiven erleben und sich in kleinteilige Nischen zurückziehen können. Wandschränke und Aufbewahrungskisten, Stühle und Tische sind extra angefertigt. Die Farbigkeit ist eher zurückhaltend in Weiß und in Materialfarben gehalten – farbige Flächen setzen lediglich Akzente. Anders in den Sanitärbereichen: hier überraschen frische Farben und verspielte Fliesenspiegel.

Oase über der Dachlandschaft

Die Anordnung der Gruppenräume und die Fassadengestaltung lassen außen Nischen entstehen, in denen sich Spielterrassen anordnen. Insbesondere die Krippenkinder finden hier einen Sand- und Matschkasten, eine Schaukel und kleine Klettergeräte. Die größeren Kinder können dagegen auf dem tiefer liegenden Deck 9 spielen, das eine mehr als 3 m hohe bestehende Parkhausmauer umschließt. Auf insgesamt fast 1 200 m² finden die Kinder hier einen naturnah gestalteten Garten zum Toben, Dreirad fahren und Schaukeln, zum Buddeln und Matschen, zum Verstecken, Entdecken und Verschnaufen. Eine Oase in luftiger Höhe, in der die Stadtgeräusche nahezu verstummen und das Hupen der Autos wie aus weiter Ferne klingt: Ein grünes Parkdeck! Christiane Niemann, Fürth