Leichtigkeit durch feststehende Aluminiumfins

Amorepacific Headquarters, Seoul/KR

2010 gewann das Büro David Chipperfield Architects Berlin den eingeladenen Wettbewerb für den Firmenhauptsitz des Kosmetikherstellers Amorepacific in Seoul. Im Juni 2018 wurde das imposante Gebäude, das neben den bürointernen Flächen auch öffentliche Bereiche wie Gastronomie, Bibliothek oder ein Museum umfasst, eröffnet. Eine besondere Wirkung erzielt die wie ein Vorhang wirkende Brise-Soleil-Fassade aus off-white-beschichteten Aluminiumfins.

110 m in der Höhe auf 100 x 100 m in der Grundfläche, 216 000 m2 BGF – Dimensionen, die in Europa zumindest mit dem Attribut „gewaltig“ betitelt würden. Innerhalb der vom Youngsan Masterplan für diesen Bereich von
Seoul vorgegebenen Größenordnung jedoch, nimmt sich das neue Headquarter des Kosmetikherstellers Amorepacific eher zurück. So wurde die maximal mögliche Gebäudehöhe um 40 m unterschritten. Statt eines Turmhochhauses wurde der seltene Typus des nicht ganz umschlossenen Hof-Hochhauses realisiert. Die zurückhaltende Eleganz des Baus liegt vor allen Dingen an der Wirkung der außenliegenden Verschattungskonstruktion aus ellipsenförmigen Aluminiumfins.

„Ein (weiterer) Turm erschien uns an dieser Stelle als zu schwaches Bild“, erklärt Hans Krause, Leiter des Projekts bei David Chipperfield Architects Berlin das Konzept. „Wir haben umgekehrt gedacht: Statt additiv nach oben aufzubauen, haben wir zunächst über ein Volumen die Grenzen des Gebäudes bestimmt, den Raum markiert, um dann aus diesem Volumen Masse zu subtrahieren.“ Neben dem Innenhof sind dies drei große, über sechs Geschosse reichende, gebäudetiefe Öffnungen nach S/O, N/O und N/W. Dieses Sich-Öffnen spielt im gesamten Entwurf immer wieder eine wesentliche Rolle. So sollte beispielsweise das Erdgeschoss mit kulturellen Angeboten über eine Vollverglasung und umlaufende Kolonnaden auch für externe Besucher besonders einladend wirken. Architektur dieser Größenordnung hat eine gesellschaftliche Verantwortung jenseits formaler Präsenz: einen Ort von Bedeutung zu erschaffen, einen öffentlichen Ort zum Verweilen, der allen Einwohnern zugänglich ist und die Dynamik urbaner Kultur erlebbar macht, heißt es daher auch in der Projektbeschreibung des Büros.

Struktur des Gebäudes Amorepacific Headquarters

Und so sitzt im Zentrum des Gebäudes, unterhalb des Innenhofs, ein dreigeschossiges Atrium mit unterschiedlicher öffentlich wirksamer Nutzung wie einem Museum, einer Bibliothek, einem Teehaus, diversen Geschäften und einem Auditorium mit Amphitheater. Den oberen Abschluss des Atriums bildet ein Glasdach, der Boden des Innenhofs im 4. OG. Die überspannende Beton-Gitter-Konstruktion beansprucht an dieser Stelle in ihrer Höhe das gesamte 3. OG. Eine besonders beeindruckende Wirkung wird durch das Überspülen der Glasfläche mit einem dünnen Wasserfilm erzeugt. Was im begrünten Innenhof wie ein geometrischer Teich in Erscheinung tritt, erzeugt eine ungewöhnliche Wirkung des Lichts, das nun, durch das Wasser gebrochen, diffus in das Atrium gelangt. „Gedanken über das Licht und darüber, wie man Licht kontrollieren kann, spielten eine sehr große Rolle für uns im Entwurf“, so Architekt Krause. „Wir haben uns natürlich im Vorfeld auch sehr viel mit der koreanischen Baukultur auseinandergesetzt und festgestellt, dass die Kontrolle des Lichts, beispielsweise über hölzerne Klapp- oder Schiebeläden, immer Bestandteil koreanischer Häuser ist. Auch die Idee des Hofs, der nicht ganz umschlossen ist, sondern sich auch zu den Seiten an verschiedenen Stellen öffnet, ist hier zu finden. Typisch sind indifferente Zustände, halb offen, halb durchlässig, halb geschlossen.“ Und so kam die Bris-Soleil-Fassade ins Spiel. Es sollte kein Glashaus entstehen. Das Licht sollte dosiert werden und ein Vorhang mit oszillieren­der Wirkung das Gebäude umspielen.

Die Fassade des Amorepacific Headquarters

Das ist gelungen! Die etwa 9 − 15 cm breiten und 20 − 45 cm tiefen elliptischen Fins wurden in vier verschiedenen Größen, je nach Himmelsrichtung in unterschiedlicher Anordnung an der Fassade verteilt. Auch die Abstände der je nach Etage bis zu 7,75 m hohen Fins sind nicht regelmäßig. Die Verteilung der verschiedenen Profile richtet sich nach der zu erwartenden Sonneneinstrahlung und optimierter Tageslichtversorgung. Entsprechend ist der „Vorhang“ an der Südwestseite tiefer als an der Nordostseite. Auch an der Hofseite können die Aluminium-Lisenen weniger tief sein, um hier mehr Tageslicht zu
gewinnen. Was von außen wie ein mal mehr, mal weniger dichter Vorhang in Erscheinung tritt, verstellt von innen erstaunlicherweise nicht den Blick nach draußen. Hinter der raumhohen 3-fach-Verglasung geben die Vertikalstreben der Verschattungskonstruktion eher Halt und dem Ausblick einen Rahmen, als dass sie störend oder gar wie ein Käfig wirken.

Die Decken haben durch einen Hohlraumboden oben und eine darunter abgehängte Decke insgesamt eine Aufbauhöhe von 1,20 m. Diese wird an der Fassade durch opake Elemente abgebildet, die zudem als Lüftungsklappen in Bodennähe Luft ansaugen und in den Raum einbringen, in Deckennähe entsprechend entlüften und im Brandfall auch entrauchen können. Die Gebäudebelüftung funktioniert in Bereichen, die nicht oder nicht ausreichend von der natürlichen Belüftung erreicht werden in den Übergangszeiten im Mixed-Mode-Betrieb, bei dem sich natürliche und mechanische Belüftung ergänzen.

Windtunneltests

Die Grundidee zur Bris-Soleil-Fassade war von Anfang an da, wurde aber im Laufe des Projekts stark verfeinert. Simulationen mit Licht, Tests im Windkanal und ein dreigeschossiges Holz-Mock-up im Maßstab 1 : 4 waren elementare Bestandteile dieses Prozesses. „Im Projekt wurde ein Low-Tech-Ansatz verfolgt, weshalb die Fins nicht beweglich sind. Umso wichtiger war, ihre Positionierung und Geometrie zu optimieren“, erläutert Frank Walter, verantwortlicher Fassadenplaner bei Arup. „Für das Projekt wurden daher aufwendige Tests im Windtunnel an der Universität in Mailand durchgeführt.“ Dabei ging es vor allen Dingen darum, zu prüfen, ob die Fins durch den Wind so beansprucht werden, dass Vibrationen entstehen, die zum einen Geräusche verursachen, zum anderen aber auch zum Ablösen der Elemente führen könnten. Zunächst wurde dafür ein großes 1 : 70 Modell, inklusive der umliegenden Bebauung erstellt, um die Windwirkun-gen zu simulieren, die durch die Position des Gebäudes auch zur Nachbarbebauung entsteht. Die Erkenntnisse dieses Versuchs konnten dann für den nächsten Schritt im Maßstab 1 : 4 genutzt werden. Im letzten Schritt, der Untersuchung am einzelnen Fin im Maßstab 1 : 1, ging es vor allen Dingen um die Beschaffenheit der Fin-Oberfläche. Kleine Rillen verhindern nun, dass der Luftstrom abreißt. Wie bei einem Golfball gibt die profilierte Oberfläche die Garantie für Stabilität.

Green Building

„Die experimentelle Ermittlung der Windbelastung und die Strömungsoptimierung der Fins hat sich auch aus wirtschaftlicher Sicht gelohnt. Die wenigsten mussten mit Stahlprofilen verstärkt werden, das spart natürlich Kosten“, erläutert Fassadeningenieur Walter. „Und nur in zwei Bereichen des Gebäudes mussten Sonnenschutzgläser eingebaut werden.“

Der Bauherr wollte sich auch in energetischer Hinsicht am europäischen Standard orientieren und hat dies entsprechend umgesetzt. Zudem gibt es in Südkorea den sehr strengen Korean green building code, der ebenfalls eingehalten wurde. So wird beispielsweise das Heizsys­tem durch eine erdgekoppelte Wärmepumpe unterstützt und auf der gesamten Dachfläche wurden PV-Module installiert. Auch die konsequente Tageslichtplanung und der sparsame Umgang mit Wasser über entsprechende Armaturen und eine Aufbereitungsanlage gehören in das Umweltkonzept. Da sich das Klima in Südkorea wenig von dem in Mitteleuropa unterscheidet, ließe sich das Gebäudekonzept sehr gut auch nach Deutschland transferieren. Dann allerdings ein paar Nummern kleiner!
Nina Greve, Lübeck

Baudaten

Objekt: Amorepacific Headquarters
Standort: Hangang-ro 100, Yongsan-gu, Seoul/KR
Typologie: Firmenzentrale
Bauherr/Nutzer: Amorepacific Corporation
Architekt: David Chipperfield Architects Berlin, www.davidchipperfield.com in Zusammenarbeit mit HAEAHN Architecture, Seoul/KR, www.haeahn.com (Rohbau, Vorplanung bis Ausführungsplanung); KESSON, Seoul/KR (Innenarchitekten) www.kesson.co.kr
Mitarbeiter: Partner: David Chipperfield, Christoph Felger (Design lead), Harald Müller; Projektleiter: Hans Krause (Gesamtprojektmanagement), Nicolas Kulemeyer und
Thomas Pyschny (Projektmanagement)
Bauleitung: Kunwon Engineering Co. Ltd., Seoul/KR, www.kunwon.com
Generalunternehmer: Hyundai Engineering & Construction, Seoul/KR, www.en.hdec.kr
Bauzeit: 2014 – 2017

Fachplaner

Ingenieursleistungen: Arup Deutschland GmbH, Berlin; Arup Ltd., London/GB, www.arup.com
Landschaftsarchitekt: SeoAhn, Seoul/KR
Signaletik: L2M3 communication design, Stuttgart, www.l2m3.com

Projektdaten

Grundstücksgröße: 14 500 m²
Bruttogrundfläche: 216 000 m²
Grundfläche: 8 700 m²
Geschossfläche: ca. 5 800 m² (OG), ca. 9 800 m² (UG)

Baukosten k.A.

Hersteller

Sichtbeton: Hyundai/Seoyong, www.seoyong.com; Peri GmbH, www.peri.de
Fassade: Hyundai Aluminum, www.hyundaiform.com; Hanglass/Saint Gobain,
www.saint-gobain.de
Verglasung: Eagon, www.eagon.com; Schüco International KG, www.schueco.com, Unifor,
www.unifor.it
Aufzüge: thyssenkrupp AG, www.thyssenkrupp.com
Teppich: Interface Inc., www.interface.com; Ruckstuhl, www.ruckstuhl.com
Textilen: Kvadrat A/S, www.kvadrat.de
Acrylstein: LG Hausys, www.lghausys.com; Du Pont Deutschland, www.dupont.de
Leuchten: Viabizzuno, /www.viabizzuno.com/en; Erco, www.erco.com/de
Außenleuchten: Selux AG, www.selux.com/de
Beschläge: Franz Schneider Brakel GmbH + Co KG, www.fsb.de; GEZE GmbH, www.geze.de
Armaturen: Dornbracht GmbH & Co. KG, www.dornbracht.com
Sanitär: Duravit AG, www.duravit.de
Möbel: Vitra AG, www.vitra.com; e15 Design und Distributions GmbH, www.e15.com

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