Hotel der Zukunft: Mehr als nur übernachten

Konversion statt Neubau, vermehrt Serviced Apartments und die fortschreitende Digi­talisierung – wohin entwickelt sich die Hospitality-Architektur und was bedeutet das für ­Innenarchitekturbüros mit Hotelschwerpunkt? Antworten darauf geben Heinrich Böhm,
Experte für Serviced Apartments, und Sabrina Voecks, Creative Director bei JOI-Design. Seit 2024 leitet sie gemeinsam mit Barbara Wiethoff und Thomas Scholz das Hamburger Büro.

Wenn Sie auf die letzten zehn Jahre im Hospitality-Sektor schauen, welche Entwicklungen haben die Architektur und Innenarchitektur von Hotels und Serviced Apartments am stärksten verändert?

Sabrina Voecks (SV): In den letzten zehn Jahren ist beim Thema Differenzierung der Häuser viel passiert. Von extremer Luxushotellerie zu einfachen Serviced Apartments und B&B-Hotels: Die Branche hat sich in alle Richtungen sehr differenziert und eine starke Eigensprache entwickelt. Heute gibt es für jeden Geschmack und für jede Individualisierung eine eigene Brand und das ist eigentlich genau das, was es so spannend macht.

Heinrich Böhm (HB): Und die Lebensbereiche verschmelzen mehr und mehr. Wohnen, Arbeiten, Hospitality – alles geht ineinander über.

Stimmt der Eindruck, dass es mehr Transformation statt Neubauten von Hotels gibt? Wenn ja, was sind dabei die planerischen Herausforderungen?

HB: Durch die veränderte Immobilienökonomie ist die Konversion stark in den Vordergrund getreten. Neubau ist sehr aufwändig und teuer. Grundstücke gibt es kaum noch in guten Lagen, aber es gibt bestehende Gebäude wie z. B. Bürogebäude, die nicht mehr genutzt werden. Und die kann man wunderbar umnutzen zu Hotels oder Serviced Apartments, insbesondere wenn sie noch nicht so alt, sondern energetisch, schallschutzmäßig und technisch auf einem relativ neuen Stand sind. Wenn ich ein Bürogebäude mit 15 - 16 m Gebäudetiefe habe, dann kann ich das wunderbar als Zweispänner in ein Hotel oder in Serviced Apartments umwandeln und kann dann entweder für ein Hotel drei Achsen nutzen oder vier für Serviced Apartments. Wenn es tiefere Gebäude sind, wir haben auch schon Industrieimmobilien umgebaut mit 17 - 18 m Raumtiefe, dann bekommt man entsprechend etwas schmalere und längere Einheiten. Oder man plant, wenn es noch größere Raumtiefen sind, in der Mitte Lichthöfe ein.

Sind Serviced Apartments eine Art Konkurrenz zu Hotels?

HB: Es ist keine Konkurrenz, sondern eine Ergänzung. Der typische Hotelgast, der ein oder zwei Nächte bleibt, der braucht natürlich kein Serviced Apartment mit Küche. Auf der anderen Seite möchte derjenige, der berufsbedingt drei Monate vor Ort ist, nicht unbedingt ein kleines Hotelzimmer bewohnen, ohne die Möglichkeit, sich auch mal selbst zu versorgen. Von daher ergänzt sich beides wunderbar.

SV: Und es ist natürlich auch eine Inspirationsquelle, weil es immer wieder andere Herangehensweisen gibt. Es gibt eine andere Gästestruktur, andere Bedürfnisse der Gäste, und man lernt von allen Bereichen. Das, was wir aus dem Serviced-Apartment-Bereich mitnehmen, kann man wunderbar auch als Ideen im Hotelbereich implementieren und andersherum.

HB: Es gibt auch immer mehr Mixed-Konzepte, so dass man einen Anteil Short-Stay und einen Anteil Serviced Apartments für Long-Stay hat.

Was sind die bedeutendsten Unterschiede bei der Planung von Hotels und Serviced Apartments?

SV: Die Aufenthaltsqualität. Wenn ich ein Serviced Apartment plane, schaffe ich eine Wohnfläche mit verschiedenen Bereichen, die ich je nach Tageszeit unterschiedlich nutze: zum Arbeiten, Wohnen, Entspannen oder Schlafen. Das wird im Serviced Apartment weiter ausgearbeitet als vielleicht in einem normalen Hotelzimmer, das ja prinzipiell kleiner ist. Aber das Spannende beim Umdenken ist der Purpose, also der Zweck, wofür mache ich das? Wenn ich ein klassisches Hotel plane, haben wir verschiedenste Brands, verschiedenste Ideen und Storytellings dahinter. Aber prinzipiell planen wir für einen Gast, der für eine kurze Dauer bleibt. Das heißt, ich kann hier viel experimenteller mit den Erlebnissen des Gastes umgehen. Ich kann extremer sein, ich kann ihn vielleicht sogar überfordern. Das „25 Hours“ in Florenz z. B. ist von Dantes Göttlicher Komödie inspiriert und spielt das Thema Himmel und Hölle. Das möchte ich nicht eine ganze Woche lang erleben …

Oder diese Gefängnishotels, die anscheinend ganz beliebt sind …

SV: Auch sehr schön, weil die häufig im Design sehr reduziert sind, auch das kann ein Erlebnis für 1 - 2 Tage sein. Beim Serviced Apartment geht es um ein ganz anderes Bedürfnis. Es geht darum, ein Zuhause auf Zeit zu schaffen, wo ich Geborgenheit und Ruhe für mich entdecken kann. Wobei es bei der klassischen Hotellerie mehr um das Thema Erfahrung, Inspiration, Erlebnis geht.

Noch einmal zurück zur Konversion. Seit der Corona-Zeit und der vermehrten Nutzung von Home-Office steht viel Bürofläche leer. Kann Hospitality-Architektur zu einer Art Motor für urbane Transformation werden?

HB: Ja, das ist schon möglich, aber wahrscheinlich eher nicht als monofunktionales Hotel. Damit revitalisiert man keine Innenstadt. Da sehe ich eher die Quartiersentwicklung am Zug, so dass man ein ganzheitliches Konzept findet mit verschiedenen Nutzungen, wo Hotellerie ein Teil sein kann: Event, Gastronomie, Wohnen, Seniorenwohnen, Kita, also verschiedene Funktionen, die Leben an den Ort bringen. Nur Hotel ist vielleicht ein bisschen zur kurz gegriffen.

SV: Wobei es natürlich schon so ist, dass Hotels Gäste in die Innenstadt bringen. Diese Menschen wollen sich die Stadt anschauen, nutzen Gastronomie und Einkaufsmöglichkeiten. Zur Belebung unserer Innenstädte können Hotels ein Treiber sein, aber nicht der einzige, da stimme ich Dir zu.

Es sei denn, das Hotel bietet noch mehr Funktionen. Klassischerweise ist im Hotel ein gutes Restaurant, in dem sich Einheimische und Gäs­te mischen. Oder es gibt Überlegungen, Haus-Service-Angebote zu integrieren, die auch von den Einheimischen genutzt werden können.

SV: Da ist viel möglich. Es gibt auch Branded Residences, wo man einen festen Wohnort im Hotel schafft und dort z. B. die Concierge-Services mitnutzen kann. Das „Fontenay“ macht das hier in Hamburg. Aber auch das klassische Grand Hotel aus der Innenstadt, das revitalisiert wird, da haben wir wahnsinnig große Flächen, die heute nicht mehr genutzt werden. Das große Haus hatte früher drei große Restaurants und riesige Ballsäle. Was machen wir mit diesen tiefen Räumen? Was kann man den Betreibern anbieten, um daraus eine gewinnbringende Fläche zu gestalten? Ein Kino, eine Eventfläche oder Gaming Zone?

HB: Das sehe ich auch als große Chance für die Zukunft, dass ein Hotel – und vielleicht wird der Begriff dann viel zu eng sein – zu einer Plattform wird, sich mit anderen Kooperationspartnern zusammentut und einen urbanen Raum schafft, in dem verschiedene Funktionen integriert sind.

Es wird auch Hotelfläche durch die Digitalisierung frei. Ist das für Sie ein Mehr an Architektur, weil Sie z. B. Self-Check-ins in das Design integrieren, oder ein Weniger?

SV: Was ich gerade meinte, waren die wegfallenden Flächen, die vormals tatsächlich operative Flächen waren, also das dritte Restaurant, die zweite Bar, die Wäscherei usw. Aber zum Thema der Digitalisierung: Der Raum bleibt der gleiche, es geht eher darum, was erreiche ich mit der Digitalisierung? Wenn man an ein großes Leisure House denkt, wo am Samstag die An- und Abreise stattfindet, dann mussten an diesem einen Tag sechs Rezeptionen gleichzeitig im Betrieb sein. Mit digitalisierten Prozessen entfällt das. Das heißt, ich habe mehr Zeit für meine Gäste. Das gibt uns die Gelegenheit, den Lobby-Bereich viel einladender zu gestalten. Ich brauche keine Tresen, wo man Schlange steht. Stattdessen benötige ich eine Lounge, in der ich Getränke serviere und mich um meinen Gast und seine Bedürfnisse kümmere. Ich finde, Digitalisierung in diesem Sinne ist für uns ein absoluter Mehrwert.

Im Serviced-Apartment-Bereich ist das wahrscheinlich noch viel stärker der Fall, dass ich alles digital buche und keinem Menschen mehr auf dem Flur begegne.

HB: Das gibt es tatsächlich relativ häufig. Es gibt aber auch den Gegentrend dazu, dass die technischen Prozesse zwar vorhanden sind, aber im Hintergrund laufen, und dennoch habe ich einen Gastgeber vor Ort, der sich um seine Gäste kümmert und ein persönliches Erlebnis schafft.

Im Serviced Apartment-Bereich bewegen wir uns zwischen Wohnen und Hotel, welche Konsequenzen hat diese hybride Nutzung für Materialien und Grundrisse?

HB: Wenn ich irgendwo ein Zuhause auf Zeit habe, muss ich das mit anderen Materialien wohnlich gestalten, als ich sie vielleicht im Hotel verwenden würde. Gerade auch die Grundrissgestaltung ist essenziell. Ich muss nach wie vor auf begrenztem Raum arbeiten, da kommt es auf eine geschickte Zonierung an. An Zimmertypen habe ich das Studio-Apartment, wo ich alle Funktionen in einem Raum habe, dann einen Anteil One-Bedroom-Apartments, wo ich ein separates Schlafzimmer habe. Und oft gibt es auch noch einige Two-Bedroom-Apartments für Familien mit einem Wohnbereich und zwei Schlafzimmern.

JOI-Design arbeitet stark mit Storytelling und Atmosphäre. Welche Rolle spielt Innenarchitektur heute als Differenzierungsmerkmal?

SV: Die Hotelbranche wird immer individualisierter. Es gibt einen Teil der Hotellerie, der sehr digital ist, wo es nur um die reine Übernachtung geht. Aber der andere Teil ist der, wo zurzeit extrem viele Collection-Brands wie Pilze aus dem Boden schießen, also Häuser, die von privat übernommen wurden, die klassisch nicht ins Portfolio einer großen Brand passen würden. Und diese Collection-Brands geben uns die Möglichkeit, ein eigenes Storytelling zu kreieren und das Haus mit seiner eigenständigen Geschichte zu positionieren. Das ist eine sehr schöne Aufgabe, weil man sozusagen einen lokalen Bezug für das Haus schafft, obwohl es zu einer großen Marke gehört. Und diese eigene Brandgeschichte dürfen wir von vorne bis hinten gestalten – vom Logo über die Namensgebung bis hin zum Story-telling. Damit geht die Entwicklung weg von standardisierten großen Häusern, die wiedererkennbar sind, sich aber auch wiederholen.

Das ist auch viel Recherchearbeit, um in die Historie des Hauses einzutauchen, oder?

SV: Ja, der rote Faden muss jedes Mal neu erdacht werden. Einer der großen Kernwerte für uns als Büro ist immer das Thema Kultur, also zu schauen, was ist die Geschichte des Hauses, was ist der kulturelle Kontext, was passiert drumherum? Ist es der eine Songtext, der dort geschrieben wurde, oder ist es, wie bei unserem Projekt Flesslers das immaterielle UNESCO-Kulturerbe der Flößerei, das für den Ort Bedeutung hat (siehe Beitrag auf S. 12)? Wie schaffen wir es, Gemeinschaft zu kreieren? Wie schaffen wir für die Gäste ein Erlebnis? Wie schaffen wir es, auch Einheimische einzuladen und Mitarbeitende mit Gästen besser zu vernetzen? Das sind für uns wichtige Punkte.

Wo sehen Sie beim Thema Nachhaltigkeit aktuell die spannendsten Ansätze im Hotelbau: im Bestand, bei Materialien, im Betrieb oder vielleicht sogar im Verzicht auf Fläche?

HB: Das Gebäude macht nach wie vor den größten Anteil aus, der Energieverbrauch, die Materialien, die in die Gebäudestruktur fließen. Wir als Innenarchitekten tragen aber auch unseren Teil dazu bei. Als JOI-Design sind wir vorne mit dabei, was nachhaltige Produkte und das Ausprobieren neuer Materialien angeht. Aber dennoch haben unsere Produkte bei einer LEED- oder BREEAM-Zertifizierung den geringeren Anteil.

SV: Spannend daran ist, dass inzwischen mitbewertet wird, wie ich graue Energie verwende, also den Bestand nutze. Reuse, Recycle sind hier die Stichworte. Im Hotelbereich gab es das schon immer als Soft-Refurbishment. Aber große Anteile hat der operative Prozess im Hotel. Wir haben für ein Hotel, das wir vor zwei Jahren eröffnet haben, „The Usual“ in Rotterdam (DBZ Hotel 2024), die Zertifizierung „BREEAM In-Use Outstanding“ bekommen. Und das für ein Bestandsgebäude aus den 1950er-Jahren! Möglich war das, weil viel darüber nachgedacht wurde, wie man im Operativen mit dem Gebäude umgeht. Das war ein spannender Prozess.

Wenn Sie vorausblicken: Wie sieht ein Hospitality-Gebäude im Jahr 2036 aus?

SV: Die Funktion eines Hotels wird immer die gleiche bleiben: Wir suchen als Gast eine Übernachtungsmöglichkeit, ob für eine Nacht oder eine Woche. Egal, was die Zukunft bringt, wir haben immer die Möglichkeit, uns noch mehr um den Gast zu kümmern. Wenn ich an die Zukunft denke, sehe ich einen stärkeren Fokus auf Human Centered Design.

HB: Ich denke, Hotels werden in Zukunft mehr als nur Übernachtung und Frühstück anbieten. Sie werden vielfältige Angebote mit Koopera­tionspartnern ermöglichen. Und die Gebäude werden selbständig lernen. Die KI wird die Gebäude befähigen, den Energieverbrauch selbstständig zu steuern.

Interview: Heide Teschner/DBZ

Langversion des Interviews als Podcast
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