Caritas Hospizzentrum Mutter Teresa,
Heilbad Heiligenstadt
Stadermann Architekten aus dem thüringischen Niederorschel bekamen die Gelegenheit, eine seltene Bauaufgabe zu gestalten: Ein Ort des Abschiednehmens, der zur Kontemplation einlädt und gleichzeitig die Teilhabe am Leben ermöglicht. Das Hospiz Heiligenstadt löst diese Aufgabe auch dank ungewöhnlicher Grundrisse.
Die liegende Acht ist das mathematische Zeichen für Unendlichkeit. In der christlichen Zahlenmystik steht die Zahl auch für den achten Tag der Schöpfung, die Auferstehung Christi. Und in der Architektur ermöglicht sie Ewigkeitswege – keine Wand stellt sich jenen in den Weg, die den verschlungenen Pfaden folgen. Sie führen immer zurück zu ihrem Ausgangspunkt, geben dem Bewegungsdrang zum Beispiel von Demenzerkrankten Raum, ohne dass diese aus dem Blickfeld der Pflegenden geraten.
Wie man es auch dreht und wendet: Ein Baukörper in Form einer Acht ist eine durchaus naheliegende Geometrie für einen Ort, in dem Menschen vom Leben und ihren Liebsten Abschied nehmen wollen. Allerdings nicht für jeden Bauherrn, der auf Kosten und effiziente Abläufe in einem Hospiz achten muss: „Bei diesem Projekt kamen immer wieder im richtigen Moment die richtigen Konstellationen zusammen, damit wir es so umsetzen konnten, wie wir es uns vorgestellt haben“, erinnert sich Ottmar Stadermann, planender Architekt des Caritas Hospizzentrum Mutter Teresa im Heilbad Heiligenstadt und Gründer des Büros Stadermann Architekten. Gemeinsam mit seinem Sohn arbeitete er an den frühen Entwürfen, inzwischen hat er das Büro an ihn übergeben. „Es war mein Sohn, der auf die Idee kam, die ungewöhnliche Bauform in einem kurzen Film zu visualisieren, um unsere Auftraggeber davon zu überzeugen, dass sich der Mehraufwand lohnt.“
Bereits in diesem frühen Stadium seien alle wesentlichen Punkte des Entwurfs enthalten gewesen – und die seien zu 99 Prozent auch umgesetzt worden. „Wir hatten von Beginn an eine sehr klare Vorstellung, wie wir ein Hospiz gestalten wollten“, sagt Stadermann. Bereits 2008 hätten sie an der Ausschreibung für einen Hospizneubau teilgenommen und in diesem Zusammenhang eine Recherchereise zu prämierten Objekten im gesamten Bundesgebiet unternommen. „Erstaunlicherweise sahen wir im Schnitt nur etwa 60 Prozent der Funktionen erfüllt, die wir von einem Hospiz verlangten.“ Die meisten seien nach den Prinzipien von Kliniken konstruiert und gestaltet gewesen: Übernachtungsmöglichkeiten für Angehörige waren oft nicht vorhanden oder improvisiert, der Bezug zum Außenraum und zur Natur war selten gegeben.Immer wieder fielen ihnen düstere Atmosphären unangenehm auf, insbesondere in Gemeinschafts- und Funktionsräumen.
Raum der Begegnung schafft Verbindung zur Alltagswelt
„Wir wollten das anders machen. Das Innere unseres Hospizes sollte tageslichthell sein und die umgebende Natur erfahrbar machen. Außerdem sollten die Angehörigen die Möglichkeit haben, die Gäste rund um die Uhr auf ihrem schweren Gang zu begleiten.“
Obgleich die Form des Gebäudes ungewöhnlich ist, bleiben die Abläufe und Funktionen hier stets im Fluss: Da der Baukörper an einem Hang liegt, füllt das EG nur den nord-östlichen Teil der liegenden Acht aus. Hier sind Umkleiden für die Beschäftigten, Technik- und Lagerräume sowie Büros untergebracht, kurz alles, was mit der betriebsamen Alltagswelt in Kontakt steht. Außerdem befindet sich hier der ebenerdige Zugang für den kapellenartigen Raum der Begegnung, der für Gottesdienste, Lesungen und Konzerte von Besuchern und Gästen genutzt werden kann. Vor Kurzem ist zudem das Tageshospiz im Erdgeschoss eingezogen, das Gemeinschaftsräume und Rückzugsmöglichkeiten für bis zu sieben Gäste bietet.
„Dadurch entlasten wir das Obergeschoss vom Alltagsgeschäft, in dem wir eine Atmosphäre der absoluten Ruhe und Privatheit schaffen“, erklärt Ottmar Stadermann das Konzept. „Im Obergeschoss, das barrierefrei über einen Aufzug erschlossen wird, befinden sich dann die vierzehn Gästezimmer, das großzügige Pflegebad, Küche, Gemeinschaftsräume, der begrünte Innenhof zwischen den Bauteilen sowie der Zugang zur Empore im Raum der Begegnung“, sagt Ottmar Stadermann. Mit einer halbhohen Glasbrüstung ausgestattet ermöglicht es die Empore auch bettlägerigen Gästen, an den Veranstaltungen teilzunehmen.
Geräusche des Gartens ein- und ausblenden
„Wir haben im gesamten Gebäude darauf geachtet, dass die Gäste den Grad der Teilhabe und des Rückzugs möglichst lange selbst gestalten können“, so Stadermann. Dazu gehörten zum Beispiel automatische Vorhänge in den Zimmern. „Die Zimmer sind so eingerichtet, dass der Blick beim Betreten direkt in den Garten fällt.“ Wer aber am Tag schlafen möchte oder die Außenwelt ausblenden möchte, kann das per Knopfdruck selbst tun und muss nicht erst auf eine Pflegekraft warten. „Bei der Hamburger Philharmonie haben wir uns abgeschaut, wie man die Alltagsgeräusche schon mit einer kleinen Klappe in der Außenwand ins Zimmer holen kann – so können die Gäste die Geräusche des Gartens ein- oder ausblenden., je nachdem, was ihnen gerade gut tut.“
Vor den Fenstern der Gäste erschließt sich der Garten des 1925 errichteten Redemptoristenklosters mit altem Baumbestand und verschlungenen Pfaden, der den Gästen und ihren Angehörigen ein naturnahes Erlebnis bietet und gleichzeitig vor der allzu geschäftigen Umwelt abschirmt. Das erlaubte es den Architekten, die Zimmer in direkten Dialog mit der Außenwelt treten zu lassen, ohne die gebührende Ruhe und den erhöhten Schutzbedarf der Gäste zu opfern.
Auf etwas mehr als 30 m2 steht allen Gästen ein Wohnraum mit Bett, Schlafsofa für Angehörige, separatem Bad sowie Zugang zu einer Loggia zur Verfügung, wohin das Bett auf Wunsch geschoben werden kann.
Die Farbgestaltung in den Zimmern und auf den Fluren holt mit ihren natürlichen Tönen die Stimmungen des Klostergartens in seinem jahreszeitlichen Wechsel ins Gebäude.
„Eine angemessene Atmosphäre zu schaffen, war uns eine Herzensangelegenheit“, sagt Stadermann, der auch viel persönliches Engagement in den Bau gelegt hat. Oberlichter, unterstützt von zahlreichen Downlights sorgen im OG für durchgängig helle Räume, Akustiksegel für eine gedämpfte Atmosphäre – „das war auch deshalb notwendig, da wir mit Erdwärme, Photovoltaik auf dem Dach und Betonkernaktivierung eine komplexe Technik integrieren mussten, die ebenfalls ihren Platz beansprucht. Im Ergebnis haben wir so aber ein Klima geschaffen, in dem sich Gäste, Besucher und Beschäftigte gleichermaßen wohlfühlen. Innenhof und die erwähnten Außenklappen sorgen derweil dafür, dass man den Kontakt zur Außenwelt nicht verliert.“
Spendensammlung für die Kunst am Bau
Einen besonderen Stellenwert nehmen die Akustikbilder in Fluren und Gemeinschaftsräumen, die Kunst am Bau und die Glasbilder im Raum der Begegnung ein: „Ich habe den befreundeten Künstler Alfred Görstner gebeten, die Akustikbilder zu gestalten. Der hat auch den raumhohen Olivenhain in das Pflegebad gemalt und die Glasbilder im Oberlicht der Kapelle gestaltet – sie symbolisieren die Zahlen 1 bis 16, die in der christlichen Zahlenmystik eine besondere Bedeutung haben.“ Für den großen Bergkristall am Empfang ist Stadermann eigens nach Rottweil gefahren. „Auch eine wohltätige Organisation wie die Caritas verfügt nicht über unbegrenzte Mittel. Deshalb habe ich den Bauherrn gebeten, Spenden für die Kunst am Bau sammeln zu dürfen. In nur sechs Monaten kam so eine sehr großzügige Summe zusammen, die es uns erlaubte, unsere Vorstellung von einem würdigen Abschied umzusetzen.“ Das Projekt sei von Anfang an auf viel Wohlwollen bei all jenen gestoßen, die von ihm gehört haben – auch der Kristallverkäufer gewährte letztlich einen großzügigen Rabatt, ohne den eine Anschaffung nicht möglich gewesen wäre.
Das Anerkennen menschlicher Bedürfnisse und Notwendigkeiten äußert sich in diesem Projekt aber auch in ganz pragmatischen Angeboten: Für Angehörige, die rund um die Uhr bei ihren Verwandten bleiben möchten, wurden zwei mobile Arbeitsplätze auf der Terrasse eingerichtet. Und für die offene Küche, die trotz professioneller Abluftanlage den Essensgeruch auch in die Gästezimmer trägt, musste Architekt Stadermann sogar ein bisschen kämpfen. „Die Behörden waren zunächst skeptisch, aber ich konnte sie letztlich überzeugen, dass ein gewisses Maß an Alltäglichkeit etwas Tröstendes hat.“ Jetzt ist die Küche so eingerichtet, dass sich die Gäste auf Wunsch auch an der Zubereitung der Speisen beteiligen können. Man könnte sagen, so schließt sich der Kreis zwischen spiritueller Abschiednahme und leiblicher Fürsorge. Aber in diesem Fall ist der Kreis eine Acht – und schafft bei vielen Hoffnung, dass sie den letzten Weg nicht alleine antreten müssen, sondern geborgen in der Gemeinschaft und einer Architektur, die alle Sinne anspricht. ⇥Jan Ahrenberg/DBZ
Projektdaten
Objekt: Hospiz
Standort: Heilbad Heiligenstadt
Typologie: Pflegeeinrichtung
Bauherr: Caritasverband für das Bistum Erfurt e. V.
Nutzer: Caritas inkl. Tagespflege + Fremdgewerbe
Architektur: Stadermann Architekten, Niederorschel,
Team: Stadermann Architekten
Bauleitung: Stadermann Architekten
Generalunternehmung: Rohbauer: Märkl Bau GmbH, www.maerklbaugmbh.de
Fertigstellung: 08/2024
Grundstücksgröße: 3 350 m²
Grundflächenzahl: 0,45
Geschossflächenzahl: 0,64
Nutzfläche gesamt: 1 761,04 m²
Nutzfläche (Büro, Gewerbe, Wohnen etc.): 1 428,09 m²
Technikfläche: 27,83 m²
Verkehrsfläche: 305,12 m²
Brutto-Grundfläche: 2 129,94 m²
Brutto-Rauminhalt: 8 840,54 m³
Baukosten (nach DIN 276): 8 Mio. Euro
Fachplanung
Tragwerksplanung: IB Rainer Kaufmann, www.ib-kaufmann.com, IfBuG, www.ifbug.de
TGA-Planung: Planungsbüro Breitenstein, www.pb-breitenstein.de, IB Kaufmann & Kühn, www.ib-kuk.de
Fassadentechnik: Werner Metall, www.werner-metall.de, Brillux Farbstudio Münster, www.brillux.de
Lichtplanung: Hesse Licht-Konzepte, www.hesselicht.de, Stadermann Architekten
Innenarchitektur: Stadermann Architekten, Brillux Farbstudio Münster
Akustik: Dr. Blechschmidt & Reinhold GmbH,
www.industrial-production.de
Landschaftsarchitektur: Stadermann Architekten, GreenSmile
Energieplanung: Planungsbüro Breitenstein
Energieberatung: Planungsbüro Breitenstein
Brandschutz: Dr. Spindler und Kraft, www.spindler-kraft.de
Baugrund: Geotechnik - Heiligenstadt, www.geotechnik.com
Herstellerfirmen
Beleuchtung: XAL, bpe-Leuchten, Bega, Isoled, Lampex
Bodenbeläge: Objektflor
Fassade: Brillux
Fenster: Fero Fensterbau GmbH
Möbel: Wibu, Brunner, Tischlerei Madeheim
RWA-Anlage: Esser
Software: Archicad, Lumion
Kunst am Bau
Plastik Mutter Teresa: Heinz Günther
Bildhauerin: Katharina Günther
Bildkunst: Alfred Görstner
Kristalle: Welt der Kristalle
Türgestaltung Raum der Stille: Tischlerei Madeheim
