Öko-Hightech Campus

Technologieunternehmen in Sevilla/E

Das spanische Unternehmen Abengoa entwickelt nachhaltige Technologie. Klar, dass sein neuer Firmenstandort Campus Palmas Altas ökologisch und technisch glänzen soll. So planten Rogers Stirk Harbour + Partner und Luis Vidal ein Licht- und Schattenreich im sonnigen Andalusien – ohne hohe Palmen und auch sonst ohne Klischees.

Zehn Minuten sind es mit dem Auto von der Innenstadt an den südlichen Stadtrand Sevillas. Vorbei an unfertigen Neubauvierteln schlän­gelt sich die Autobahn über ein grünes Rinnsal in einem betonierten Flussbett bis zu einer Felderlandschaft, die die Natur in ein gleichförmiges, grün-braunes Raster verwandelt. Ein geschundenes Stück Erde. Ausgerechnet hier fand ein Unternehmen für nachhaltige Informations-, Ingenieur- und Energietechnik seinen neuen Standort. Abengoa wurde vor 70 Jahren in Sevilla gegründet und ist heute mit mehreren Tochterunternehmen und über 20 000 Mitarbeitern weltweit tätig. Im Jahr 2005 plante Abengoa, die Hauptbüros aller Tochterfirmen an diesem Standort im Süden Sevillas zu bündeln. Die Architektur dafür entwarfen das Londoner Architekturbüro Rogers Stirk Harbour + Partner gemeinsam mit dem madrilenischen Büro Luis Vidal Associados Arquitectos. Dass für den Neubau alle Maßstäbe des nachhaltigen Bauens gelten sollten, war klar. Darüber hinaus wünschten sich die Bauherren einen Ort, der interdisziplinäres Arbeiten und Kommunikation zwischen den Mitarbeitern der unterschiedlichen Bereiche ermöglicht. Das Bauvolumen ist groß, rund 47 000 m² Bürofläche und weitere 3 500 m2 Multifunktionsflächen, dazu kommen 97 000 m2 Parkhaus. Die Organisation der Funktionen ist kein Problem, weder für Luis Vidal, der vor allem mit zahlreichen Flug­hafen­projekten an größere Maßstäbe gewöhnt ist, noch für RSH+P, die ohnehin auf viele größere Bauobjekte verweisen können. Wie aber ergänzt man ein solches Volumen rücksichtsvoll in die baumarme, flache Landschaft? 


Landschaft, Licht, Lamellen

Die Architekten teilten das Volumen in sieben flächige Gebäude und versetzen sie zueinander, so dass zwei Reihen und ein mittlerer Freiraum als Fortsetzung der Landschaft entstehen. Die Südansicht scheint mit nur drei sichtbaren Ebenen über der Landschaft zu schweben. Tatsächlich sind sie vier Geschosse, die nördlichen Gebäude sechs bissieben Geschosse hoch. Eine Veränderung der Topographie lässt sie niedriger wirken: Die Architek­ten versenkten die unteren Ebenen als offene Parkdecks teilweise unter das Bodenniveau und teilweise unter eine erhöhte B-Ebene, die Eingangsebene des Areals. Runde Betonstützen tragen die Bürogebäude darüber, auskragende Geschossdecken und Dächer betonen die Horizontale. Die einzelnen Bauelemente, Treppe, Dach, Fassade und Eingänge, fügen sich in jeweils baugleichen, seriellen anmutenden Elementen zusammen wie bei einer Maschine. Die ingenieurtechnische Ästhetik ist typisch für die Projekte beider Architekturbüros, dennoch verweisen die Architekten auf die regionalen Elemente im Gebäude. Zum einen orientieren sich die Farben des Bauwerks an der andalusischen Fliese: ein Zitronengelb bei den Treppen, ein Ultramarinblau an den Eingängen und auf der Unterseite der Sonnenschutzlamellen, dazu vereinzelt Akzente in Signalrot. Sonst dominieren die materialeigenen Farben von Metall, Stahl, Aluminium und Sichtbeton. Zudem erinnert die städtebauliche Fügung von dicht stehenden Baukörpern mit engen Gassen und Arkaden und einer mittigen, baumbestan­den­en Rambla an spanische Altstädte. Energetisch ist dies sinnvoll; die Gebäude verschatten sich gegenseitig und minimieren so den Energieeintrag. Darüber hinaus planten die Architekten zwei Fassadenebenen, um das Gebäude vor Überhitzung zu schützen. Die eine besteht aus Metalllamellen, die an der Außenkante der weit auskragenden Sichtbetondecken eine vor Sonne schützende Hülle bilden. Sie brechen an ihrer Oberseite das einfallende Licht und leiten es als indirektes Tageslicht tief in die Büroräume. Ihre blau ein­gefärbte Unterseite verhindert Blendreflexe. Ein Metallvorhang verschattet die rückversetzten Eingänge der Gebäude. Die innere Fassadenebene ist eine Glasfassade mit fest eingebauten Aluminiumpaneelen, die die Fassade horizontal auf Hüfthöhe und unterhalb der Decke begleiten. Diese schützen vor Blendeffekten bei niedrig stehender Sonne im Winter. Zusätzlich sorgen auskragende Dächer und überdachte Zwischenräume für Schatten.


Arbeiten mit erweitertem Horizont

Auch die Gebäude stehen als serielle Elemente mit jeweils der gleichen Organisation und Gestaltung nebeneinander. In einem Sichtbetonkern erschließen ein Treppenhaus und Auf­züge die Ebenen, dort befinden sich auch die Nebenräume. Daneben trennen Glaswände Besprechungsräume und Teeküchen ab. Die äußere Geschossfläche ist als Großraumbüro offen gestaltet, der Landschafteindruck dominiert den Raum. Paravents und Schrankmöbel zonieren die Fläche in verschiedene Arbeitsbereiche. Der Innenraum wirkt sachlich-nüchtern, ein grauer, teilweise blau eingefärbter Industrieboden, in den Erdgeschossen dunkelgraue Fliesen, weiße abgehängte Klimadecken mit dunkel eingefassten Licht­leisten. Die runden Sichtbetonstützen markieren das Raster, auf dem die Zonierung des Innenraumes stattfindet. Darauf sind die weißen Arbeitsbänke gradlinig ausgerichtet, an denen vier bis acht Mitarbeiter Platz finden. Hüfthohe Sideboards schließen die Bänke zum Durchgang hin ab. Opak-gläserne Paravents schützen privatere Arbeitsbereiche vor zu viel Einblick und den gesamten Raum vor blendendem Tageslicht. Abgeschlossene Einzelbüros finden sich hier nicht, und die rund 13 Besprechungsmöglichkeiten auf jeder Etage, von kleinen Besprechungstischen zwischen den Arbeitsplätzen bis hin zu großen, abgeschlossenen Konferenzräumen, zeigen: Das Unternehmen wünscht eine offene Zusammenarbeit und Kommunikation ihrer Mitarbeiter.


Nachhaltigkeit durch kurze Wege und Hightech

Die soll auch durch gemeinsame Freizeit- und Serviceeinrichtungen gestärkt werden. Das Unternehmen bietet auf dem Gelände ein Fitnessstudio, einen Mini-Supermarkt, ein Arztzentrum, einen Kindergarten und einen Bereich mit verschiedenen Restaurants an. Ziel dabei ist, dass die Mitarbeiter über ihre lange Mittagspause hinweg nicht, wie in Spanien üblich, nach Hause oder in die Innenstadt fahren, sondern die fußläufige Infrastruktur auf dem Campus nutzen. Die Freiflächen gestaltete die Landschaftsarchitektin Maria Medina Muro, zusammen mit Estudio 28. Unterschiedlich gestaltete Freiräume steigern den Aufenthaltswert auf dem Gelände. Der Campus als eigener Kosmos, ökologisch ist dies sinnvoll, zeitlich ist es ökonomisch, denn es bedeutet kurze Wege. Eine Brücke über die Autobahn verbindet das Gelände mit dem Wegenetz zur Innenstadt, die Fahrt zur Arbeit mit dem Rad soll so attraktiver gemacht werden. Eine Herausforderung bei sommerlichen Temperaturen von weit über 30 Grad. Aber nicht allein pragmatische Gründe begründen das Streben nach Nachhaltigkeit auf dem Campus, es gehört zur Firmenphilosophie. So ist die technoide Architektur selbstverständlich mit Öko-Hightech ausgestattet, die das Unternehmen selbst entwickelt und herstellt. Energie liefern zahlreiche, verschiedene Anlagen: PV-Module, die gleichzeitig die Patios verschatten, ein PV-Kollektor, das sogenannte Stirling Wheel, das symbolisch aus der Landschaft ragt, ein gasbetriebenes Kraft-Wärme-Kälte-Kraftwerk und eine Wasserstoff-Brennstoffzelle – gleich mehrere Kraftwerke für die Bürobauten. Dazu wird Wasser in Zisternen aufgefangen und wiederverwertet; die Toiletten funktionieren als Trockentoiletten sogar ganz ohne Wasser. Eine der größten Stromaufwendun­gen bei Bürobauten ist Licht; hier wird es über einen Tageslichtsensor nach Bedarf gesteuert, dieser ist jedoch gering, dank der gläsernen Architektur und dem hellen Tageslichteinfall. Rosa Grewe, Barcelona



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