Buchrezension: Die Beschwingte Fläche - Mauerwerksverbände als Musterkunst und Kompositionswerkzeug

Buchrezension: Die Beschwingte Fläche Die Beschwingte Fläche. Musterverbände als Musterkunst und Kompositionswerkzeug. Autor: Koen Mulder
Foto: Stefanie Jutkeit / DBZ

Die Beschwingte Fläche. Musterverbände als Musterkunst und Kompositionswerkzeug. Autor: Koen Mulder
Foto: Stefanie Jutkeit / DBZ
Am Computer generierte Formen, vom Roboter gemauert – das liegt im Trend. Digitale Werkzeuge geben uns neue Gestaltungsmöglichkeiten an die Hand. Fast schon anachronistisch wirkt da ein Mauerwerks-Buch, dass uns den Musterreichtum jenseits der digitalen Welt näher bringen möchte. Also schnell reingeschaut in das quadratische, abbildungsgewaltige Werk.

Dem niederländischen Autor und Architekt Koen Mulder ging es wahrscheinlich wie vielen Architekten auch in Deutschland: Im Studium sind Klinker & Co. kaum ein Thema. Aber in der Praxis werden wir schnell mit Mauermaßen, Fugenstärken und Verbänden konfrontiert - besonders in den Niederlanden. Es wurde also Zeit für diesen Backstein-Atlas. Angenehm locker und nicht ohne Selbstironie schreib Mulder über den Stein in seiner einfachsten Form. Spezielle Oberflächen, Farben, Brenn- und Veredelungstechniken bleiben dem entsprechend ungeachtet, (genauso wie digital generiertes Mauerwerk). Nach Mulder müssen wir keine Steinausstellungen besuchen, Muster gegen das Licht halten, vor unseren Augen drehen und den schönsten Stein suchen. Denn der kann mehr - im Schwarm, im Verband. Hier bleibt immer noch eine Welt zu entdecken.

Und so geht es in "Die Beschwingte Fläche" einzig und konzentriert um die Kunst des Musters. In 7 Kapiteln wird auf fast jeder Seite ein neues Thema, eine neue Gestaltungmöglichkeit beschrieben. Das Buch zeigt, wie schon mit halben und ganzen Steinen ein riesiger Musterreichtum erzielt wird. Aber es geht um mehr. Es geht um Primär- und Sekundärmuster, um Maß und Rhythmus, um Mauerwerk als Musik. Wir erfahren, wie Enden, Ecken, und Gesimse ausgebildet werden können, welche Möglichkeiten Decken, Böden, Türme, Pfeiler oder Lochwände mitbringen. Und ganz praktisch wird jedes Muster, jede Theorie bebildert. Jeder Gedanke ist mit einer Zeichnung untermauert. Sie tummeln sich zu tausenden im Buch und lassen nichts abstrakt stehen, sondern zeigen dem Leser direkt, wie sie denn aussieht die Fischgrätvariante des Twent´schen Kettenverbandes, oder die Sussex-Abfolge mit verschobenen Kettenköpfen.

Von alten Backsteinverbänden (wie Kreuz-, Block-, Märkischer oder Flämischer Verband) bis hin zu kombinierten oder verschobenen Verbänden. Vom klassischen 4x2x1-Stein über fast 70 verschiedene viereckige Formate bis zu ausgefallen Formen wie dem "15ten Fünfeck". Es geht um Linienführung, um horizontale, vertikale und diagonale Fugenbildern und wann man mit mehr Fugen mehr Flächigkeit erreicht. Beim Ausflug in die Proportionslehre treffen wir neben den Architektenlieblingen Modulor und Goldener Schnitt auf fast ein Duzend weiterer Proportionssysteme.

Das Buch ist ein beschwingtes Konglomerat ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Ein "Traktat" möchte es sein, "das die Konturen des Themas erforscht". Die "unendlichen Möglichkeiten der Variationen" möchte es aufzeigen. Mit Erfolg. Wer gerade vor dem Entwurf einer Ziegelfassade sitzt, dem sei es wärmstens empfohlen, denn es inspiriert. Es zeigt, wieviel eine Backsteinfassade sein kann, wie verschieden Stein auf Stein geschichtet werden kann. Als Gesamtschau dieser Jahrhunderte altern Technik bringt es frischen Wind in Architekten-Gedanken, die eher um Material und Farbe kreisen, als um Muster. Der Leser wird allein durch die pure Masse an Möglichkeiten überzeugt sein.

Dass diese Mauer-Muster-Sammlung aus unserem Nachbarland kommt, wo Delfter und Amsterdamer Schule zu Hause sind, wundert nicht. Und die Herkunft bleibt präsent. Es gibt kleine orthographische Stolpersteine, manch eine Tabelle oder Bildunterschrift blieb unübersetzt und manche Fachbegriffe oszillieren zwischen Niederländisch, Deutsch und Englisch. Dem professionell zusammen getragenen Inhalt tut das keinen Abbruch. Eher ist es bemerkenswert, dass dieses umfassende Werk im Selbstverlag erschien und nur durch die Unterstützung des niederländischen "Stimuleringsfonds voor de Creatieve Industrie" und mit 250 Crowdfundern möglich war. Erhältlich unter www.diebeschwingteflaeche.de. St.J.

Die Beschwingte Fläche. Mauerwerksverbände als Musterkunst und Kompositionswerkzeug. 
Autor: Koen Mulder, im Selbstverlag erschienen, mit Unterstützung des niederländischen "Stimuleringsfonds voor de Creatieve Industrie" und über 250 Crowdfundern, dt. Ausgabe 2018, 
159 S., unzählige Abb. (über 2400 Zeichnungen und Fotos)
 
49 €, ISBN 978-90-824668-1-2

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