Ausverkauf? ThyssenKrupp Haus Berlin, Teil 2

Alle Wettbewerbsergebnisse der letzten Runde jetzt ausgestellt

Vielleicht ist es kleinlich, vielleicht auch unverantwortlich, wenn man im Fall des Projektes ThyssenKrupp Haus in Berlin den Architekturbüros, die am Wettbewerb teilnahmen, vorwirft, sie hätten den letztjährigen Deutschen Architektentag in Dresden schlicht nicht wahrgenommen; oder das, was dort verhandelt wurde, nicht verstanden. Es ging, um es ganz knapp zu formulieren, um die Verantwortung der Planer, die sie vor der Gesellschaft haben. Nun waren bei dem Wettbewerb für die Firmenrepräsentanz am Schlossplatz 2 in Berlin, an welchem 258 Büros aus 19 Ländern in der ersten Phase dabei waren, eine ganze Reihe Teilnehmer, die sicher nicht in Dresden waren. Doch von den schließlich ausgezeichneten, vornehmlich deutschen Büros wird man das vermuten können. Sie also haben an einem Wettbewerb für einen Bauherren teilgenommen, der für ein Grundstück plant, das eigentlich gar nicht vorhanden ist. Als eine Art Chimäre taucht der fast quadratische Bauflecken vor dem ehemaligen Staatsratsgebäude am Schlossplatz erstmals 1999 auf dem Planwerk Innenstadt auf. Historisch gesehen gibt es für die Einzeichnung dieses Fleckens mit merkwürdiger Lagerung keine Argumente. Zwar hat etwa an dieser Stelle einmal – aber wesentlich größer und stark gestreckt – das so genannte „Rote Schloss“ gestanden, ein vierstöckiges Wohn- und Geschäftshaus, in welchem unter anderem das erste Berliner Panoptikum untergebracht und das, bereits baufällig, in den Kriegsjahren 1939-45 endgültig abgerissen worden war. Doch warum jetzt dieser quadratische Bauflecken, der die Fassade des denkmalgeschützten ehemaligen Staatsratsgebäudes wesentlich verdeckt und vielleicht die irgendwann einmal vorhandene Fassung des Schlossplatzes nachempfindet? Natürlich wurde dieser wertvolle Flecken schnell von Investorennasen aufgespürt, und bereits 2004 sprach sich der Landesdenkmalrat der Stadt Berlin gegen eine mögliche Bebauung aus; so lange ist das noch gar nicht her.

Also ist die (Gelände)Lage so einfach nicht. Hinzu kommt – und jeder, der es lesen möchte kann das lesen – der merkwürdig niedrige Kaufpreis, den der auf Sanierungskurs befindliche Konzern ThyssenKrupp der Stadt Berlin zahlte: Gerade einmal 3700 € für 5000 m² Bruttogeschossfläche in AAA+-Lage (zuzüglich der 1,56 Mio. € Erschließungskosten, von denen die Stadtkasse und damit die Allgemeinheit wenig hat). Ende November 2011 gab es das Wettbewerbsergebnis, aber noch keine Bilder: Einstimmig wurde der Entwurf des Büros Schweger & Partner, Hamburg, mit dem ersten Preis ausgezeichnet. Die Projekte von drei weiteren Architekten wurden gleichrangig mit zweiten Preisen ausgezeichnet: Chaix & Morel aus Paris mit JSWD aus Köln, Grüntuch Ernst aus Berlin und Kaspar Kraemer Architekten aus Köln.

Schaut man sich nun die Vorschläge der ausgezeichneten Arbeiten an, so haben sie alle gemein, dass sie ihre Substanz in Glas auflösen, ihr Vorhandensein hinter einem Schleier aus Stahl oder ähnlichen Materialien verbergen; was, bezogen auf den Gewinner, von der Jury mit „zeitloser Eleganz“ kommentiert und damit banalisiert wird. Mancher ging gar mit Visualisierungen ins Rennen, die das eigentlich skandalöse Verdecken von Teilen des ehemaligen Staatsratsgebäudes auf ein tatsächlich gar nicht vorhandenes Minimum reduzieren. Eigenartig leer wirken sie alle, trotz der Young Urban Professional-Staffage auf vielen Bildern. Man kann sich so recht kein öffentliches Leben an diesem Ort vorstellen, Kinderwagen, Skater, Alte oder energisch lautstarke Touristengruppen, die des (erhöhten) Ausblickes auf die Schlossfassade wegen hier hinauf gefahren sind. Der Entwurf von Schweger bietet den Fassadenblick von einer offenen Zwischenebene an, ganz offensichtlich inspiriert von der größeren in Hamburgs Elbphilharmonie, dort zwischen Parkdecks und Musiksaal, Appartement-Welt und Fischbudendunst weiter unten.

Nein, die Veräußerung öffentlichen Raums an einen Wirtschaftskonzern zu solch undurchsichtigen Bedingungen – mit solch durchsichtigen Resultaten – sollte durch eine Wettbewerbsteilnahme nicht legitimiert werden. Das Argument, dass man mit seinem Beitrag vielleicht Schlimmeres hätte verhindern können, zählt nicht, die Großbaustelle demnächst gegenüber spricht solcherart Argumentation Hohn. Verantwortung für die Gesellschaft? ThyssenKrupp kommt dieser zurzeit nach und entlässt einige Tausend Mitarbeiter weltweit; um Wettbewerbsfähigkeit und damit Arbeitsplätze zu sichern, natürlich. Be. K.





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